Fische an einem Korallenriff
Hintergrund

Schutz der Weltmeere Hoffen auf die "Blue Economy"

Stand: 08.06.2021 12:59 Uhr

Die Meere sind durch den Klimawandel, Verschmutzung und Überfischung in Gefahr. Doch allmählich beginnt ein Umdenken auch in der Wirtschaft - der Schutz der Ozeane wird als Geschäft erkannt.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Manchmal kann ein Unfall zu einem kompletten Lebenswandel führen. Zum Beispiel bei Emily Penn. Die Architektin und passionierte Seglerin erlebte auf einer Schiffsreise von Großbritannien nach Australien ihr Aha-Erlebnis. "Eines Nachts wachten alle Passagiere von einem lauten Knall auf", erzählt sie. "Unser Schiff hatte einen Plastikberg gerammt - mitten auf dem Ozean, abseits jeder Zivilisation." Seither engagiert sich Penn für den Schutz der Meere, hält Vorträge, veranstaltet Events und macht Forschungsexpeditionen, um Lösung im Kampf gegen die Plastikflut in den Meeren zu finden. Penn gilt als "Anwältin der Meere".

Schuhe, Sonnenbrillen und Rucksäcke aus Ozeanmüll

Mut machen der Meeresaktivistin zunehmende Initiativen der Wirtschaft gegen die Plastikmüll-Verschmutzung in den Meeren. Mehrere Unternehmen und Start-ups haben Methoden entwickelt, um aus dem Meeresmüll neue Produkte herzustellen. So bietet Adidas Schuhe und Trikots aus recycletem "Ocean Plastic" an. Andere Hersteller machen aus dem Meeres-Plastikmüll neue Sonnenbrillen, Rucksäcke und Skateboards. Selbst der Niederländer Boyen Slat, Gründer des Start-ups "Ocean Cleanup", verkauft inzwischen Sonnenbrillen, deren Gestelle aus recycletem Meeresplastik bestehen. "Ocean Cleanup" sammelt mit Schiffen den Plastikmüll auf offener See ein.

Der Italiener Giulio Bonazzi hat es geschafft, aus alten Fischernetzen eine spezielle Faser - Econyl - herzustellen, die für Strumpfhosen oder Bikinis genutzt wird. Jede Tonne Econyl spare sechs Tonnen Kohlendioxid, rechnet Bonazzi vor.

Marketing-Gag?

Umweltschützer warnen aber vor Irreführung. Oft seien Produkte aus Ozeanplastik ein Marketing-Gag und irreführend. In einigen stecke kaum Plastikmüll aus den Meeren, heißt es vom WWF.

Trotzdem: In der Wirtschaft und Politik hat inzwischen der Kampf gegen die Plastikberge begonnen. Die G20-Staaten haben angekündigt, bis 2050 Plastikabfall aus den Weltmeeren zu verbannen. Aktuell gelangen jährlich geschätzt rund 13 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere.

14 Küstenländer gehen beim Meeresschutz voran

Die Bilder von verschmutzten Stränden nach ausgelaufenen Tankern wie nun wieder in Sri Lanka zeigen, wie wichtig ein globaler Meeresschutz ist. Insgesamt 14 Staaten, darunter Australien, Kanada, Japan, Indonesien, Mexiko und Norwegen, haben sich in einer Art "Ocean Panel" zusammengeschlossen und verpflichtet, ihre nationalen Gewässer künftig nachhaltig zu bewirtschaften. "Zu lange haben wir eine falsche Wahl zwischen Meeresschutz und Produktion getroffen", räumt Norwegens Ministerpräsidentin Erna Solberg, Co-Chefin des Ocean Panels, ein.

Eine Meeresschildkröte, die sich in einem treibenden Netz verfangen hat

Gefahr für die Arten: Eine Meeresschildkröte, die sich in einem treibenden Netz verfangen hat.

Laut einer Studie, die Ende März im Fachmagazin "Nature" veröffentlicht wurde, ließen sich durch Meeresschutz hunderte Millionen CO2 einsparen. Bisher sind nicht einmal drei Prozent der Weltmeere streng geschützt. Am meisten Potenzial sehen die Autoren der Studie in der Einschränkung der Grundschleppnetz-Fischerei. Bei dieser umstrittenen Fangmethode wird von Schiffen ein Netz über den Meeresboden gezogen. Dabei werden die am Boden befindlichen Lebewesen zerstört, Pflanzen entwurzelt und Laichplätze von Fischen vernichtet. Zudem werden durch das Aufwühlen des Meeresbodens organische Kohlenstoffverbindungen freigesetzt und in klimaschädliches CO2 umgewandelt.

Großes CO2-Einsparpotenzial

Das Ozean-Panel hat mehrere Maßnahmen vorgeschlagen, um den Meeres- und Klimaschutz voranzutreiben: Neben der Kohlenstoffspeicherung im Meeresboden empfiehlt das Gremium eine nachhaltige Fischerei und Aquakultur, den Ausbau der Offshore-Energie im Meer sowie einen ozeanverträglichen Transport. Das könnte Berechnungen zufolge die Kohlendioxid-Emissionen um ein Fünftel reduzieren, Investitionen von über 15 Billionen Dollar auslösen und zwölf Millionen neue Jobs schaffen.

Tatsächlich findet in der maritimen Wirtschaft allmählich ein Umdenken statt. Die Internationale Schifffahrtsorganisation hat 2020 strengere Schwefel-Abgaswerte verordnet. Statt mit Schweröl müssen die Schiffe nun mit Marinediesel fahren. Einzige Ausnahme: Schiffe mit sogenannten Scrubber-Abgasreinigungssystemen dürfen weiterhin Schweröl nutzen.

Über 350 Container- und Kreuzfahrtschiffe sowie Tanker sind auf Flüssigerdgas LNG umgestiegen. LNG enthält kein Schwefel, kaum Stickoxide und 20 Prozent weniger CO2. Allerdings tritt angeblich das Klimagas Methan aus. "Das Flüssigerdgas entpuppt sich als schädlicher Irrweg", heißt es inzwischen vom Nabu. Damit Kreuzfahrtschiffe während ihrer Liegezeit im Hafen für die Stromversorgung den Schiffsdiesel nicht brauchen, sind in Rostock-Warnemünde oder Hamburg Landstromanlagen in Betrieb genommen worden.

"Blue Economy" wird zum Milliardengeschäft

Für die "Blue Economy" interessieren sich längst auch Investoren wie die Fondsgesellschaft DWS von der Deutschen Bank. Nach Angaben des WWF liegt das jährliche "Bruttomeeresprodukt" der Ozeane bei 2,5 Billionen Dollar. Damit wäre die "Blue Economy" die achtgrößte Volkswirtschaft der Welt. DWS-Fondsmanager Paul Buchwitz prophezeit, dass die "blaue Wirtschaft" bis 2030 doppelt so schnell wachsen wird wie die etablierte Wirtschaft.

Zur "Blue Economy" werden dabei Unternehmen gerechnet, die helfen, die Meeresverschmutzung zu reduzieren und die Ozeanversauerung einzudämmen - sowie solche, die sich mit der nachhaltigen Nutzung von Meeresressourcen, Ökosystemen und der nachhaltigen Fischerei beschäftigen.