Fragen und Antworten

Boyan Slat, Gründer von Ocean Cleanup, erklärt, wie "Interceptoren" funktionieren. | Bildquelle: AFP

Ocean Cleanup Wie Plastik aus Flüssen gefischt werden soll

Stand: 28.10.2019 14:54 Uhr

Plastik aus Flüssen einfangen, bevor es ins Meer gelangt: Das ist das nächste große Projekt des Niederländers Boyan Slat und seiner Firma Ocean Cleanup. Kann das funktionieren?

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Von Gábor Paál, SWR

Das erste Ziel von Ocean Cleanup war, Plastik mit großen Sammelgeräten aus den Plastikstrudeln im Pazifik einzufangen und an Land zu bringen. Jetzt will die Firma das Problem an der Wurzel bekämpfen. "Interceptoren" sollen Plastik schon auf den großen verschmutzten Flüssen der Welt aufsammeln und so verhindern, dass es überhaupt ins Meer gelangt.

Wie funktioniert ein "Interceptor"?

Das lässt sich am besten anhand einer Plastiktüte beschreiben, die den Fluss hinab treibt. Diese Plastiktüte wird zunächst auf eine Barriere stoßen, die von einem der Flussufer schräg in den Fluss hineinragt. Dadurch wird die Plastiktüte in Richtung des gegenüberliegenden Ufers geleitet An diesem Ufer befindet sich ein Stück flussabwärts eine weitere ähnliche Barriere. An ihr entlang treibt die Plastiktüte wiederum in Richtung des eigentlichen Auffanggeräts.

Es ist eine Art Schiff, dessen Spitze flussaufwärts zeigt. An dieser Spitze endet die zweite Barriere. Die Plastiktüte wird also an die Schiffsspitze transportiert und von dort über ein Fließband ins Schiffsinnere befördert. Dort soll all das Plastik gleich in entsprechende Behälter sortiert werden, die dann an Land gebracht werden. Im Idealfall wird das Plastik dort recycelt.

Der Trick mit den zwei in den Fluss ragenden Barrieren ermöglicht es, einen Großteil des Plastiks aufzufangen, ohne die übrige Schifffahrt zu behindern.

Ist das ein vernünftiger Ansatz?

Vergleichen mit dem, was Ocean Cleanup bisher versucht hat - Plastik auf dem Pazifik einzusammeln - hat das neue Konzept vermutlich ein größeres Potenzial: Im Pazifik fischt Ocean Cleanup nur das Plastik an der Oberfläche ab. Doch mehr als 99 Prozent des Plastiks im Ozean schwimmen darunter. Es verteilt sich längst bis die Tiefsee. Das kann Ocean Cleanup gar nicht einfangen. In den Flüssen besteht dagegen die Chance, wirklich einen beträchtlichen Teil des Plastiks abzufangen, bevor es überhaupt ins Meer gelangt.

"Ocean Cleanup" im Pazifik | Bildquelle: dpa
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Den Pazifik von Plastikmüll befreien - das erste große Projekt von Ocean Cleanup.

Auch dürfte der Aufwand, Plastik innerhalb eines begrenzten Flussquerschnitts einzusammeln, wesentlich geringer sein, als wenn sich das Plastik erstmal auf dem offenen Meer verteilt hat und dort langsam zersetzt.

Zwar würden die neuen "Interceptoren" keinen Müll aus dem Meer herausholen, sondern nur verhindern, dass neues Plastik ins Meer gelangt, auf lange Sicht könnte das aber der effizientere Ansatz sein.

Ocean-Cleanup-Gründer Boyan Slat sagt, 1000 Flüsse seien für 90 Prozent des Plastiks im Meer verantwortlich. Stimmt das?

Er sagt leider nicht, woher er diese Zahl hat. Richtig ist: Der Eintrag von Plastikmüll konzentriert sich auf wenige große Flüsse. So haben Forschende des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung Leipzig und der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf vor zwei Jahren schon ermittelt, dass nur zehn Flusssysteme für 90 Prozent der Plastikfracht in Flüssen verantwortlich sind. Die meisten davon befinden sich in Asien, allen voran der Jangtse (China), der Indus (Pakistan) und der Gelbe Fluss (China).

Boyan Slat präsentiert sein neues "Interceptor"-Projekt zur Befreiung der Flüsse von Plastik. | Bildquelle: AFP
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Wie der "Interceptor" funktionieren soll, erklärte Boyan Slat kürzlich in Rotterdam.

Das heißt, wenn man sich auf diese zehn Flüsse konzentriert, könnte man wirklich viel erreichen. Allerdings sagen Schätzungen auch, dass überhaupt nur 20 Prozent des Meeresplastiks über Flüsse in die Ozeane gespült wird und 80 Prozent auf anderem Weg: Einleitungen aus küstennahen Städten, Verwehungen über die Luft usw. Das alles sind aber grobe Schätzungen.

Die "Interceptoren" könnten das Eindringen von Plastik somit nicht komplett unterbinden, trotzdem wäre das "Reinigen" der Flüsse auf jeden Fall ein hilfreicher Ansatz.

Ocean Cleanup gibt an, ein "Interceptor" könne 50 bis 100 Tonnen Plastik aus einem Fluss "fischen". Wie ist die Angabe zu bewerten?

Wenn das stimmt, wäre das eine gute Größe. Es wird geschätzt, dass täglich weltweit ca 5000 bis 10.000 Tonnen Plastik über Flüsse eingetragen wird. Dann ließe ziemlich genau diese Menge mit 1000 solcher "Interceptoren" einsammeln. Und das ist ja das, was Boyan Slat vorschwebt.

Ist das realistisch?

Bisher handelt es sich um Ankündigungen. Boyan Slat hatte beim ersten Ocean-Cleanup-Projekt - der Sammelaktion auf den Meeren - mehr versprochen, als er bisher halten konnte. Am Anfang klappte es überhaupt nicht. Dann meldete er vor ein paar Wochen "erste Erfolge". Man habe große Mengen Plastik im Pazifik eingefangen. Aber konkretere Angaben über die Mengen, die Art des Plastiks oder auch Nebenwirkungen wie den Beifang gab es bislang nicht.

Immerhin hat Ocean Cleanup schon Prototypen der "Interceptoren" entwickelt. Sie schwimmen auf zwei stark verschmutzten Flüssen in Indonesien und Malaysia. Es handelt sich um eher kleinere Flüsse. Das lässt zumindest darauf schließen, dass Boyan Slat - anders als beim Pazifik-Sammelsystem - das neue System erst getestet hat, bevor er es in der Öffentlichkeit bekannt gab. Demnächst soll auch ein "Interceptor" im Mekong Delta in Vietnam in Betrieb gehen, denn auch der Mekong gehört zu den "Top 10" der am stärksten plastikverschmutzten Flüsse.

Boyen Slat, Gründer von Ocean Cleanup, bei der Vorstellung seines neues Projektes, Flüsse von Plastikmüll zu befreien. | Bildquelle: dpa
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Boyan Slat, Gründer von Ocean Cleanup, bei der Vorstellung seines neues Projektes, Flüsse von Plastikmüll zu befreien. Der heute 25-Jährige hatte an der Technischen Uni im niederländischen Delpht Luft- und Raumfahrttechnik studiert. Als er mit 16 Jahren beim Tauchen in Griechenland mehr Plastik als Fische im Meer erblickte, wollte er etwas dagegen unternehmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Nova am 28. Oktober 2019 um 12:06 Uhr.

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