Präsident Wladimir Putin verleiht Transneft-Präsident Nikolai Tokarev den Verdienstorden für das Vaterland (1. Klasse)  | picture alliance/dpa/TASS
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Von Aven bis Usmanow Wer sind die sanktionierten Oligarchen?

Stand: 01.03.2022 18:15 Uhr

Keine Luxustrips mehr an die Cote d’Azur oder in die Alpen: Die EU hat ein Einreiseverbot gegen einige russische Kreml-treue Oligarchen verhängt und deren Vermögenswerte eingefroren. Dagegen wehren sie sich.

Von Notker Blechner, tagesschau.de

Alexej Mordaschow versteht die Welt nicht mehr. Der laut Forbes viertreichste Russe steht wie 25 andere wohlhabende Kollegen auf der neuesten Sanktionsliste der EU. "Ich kann nicht verstehen, wie diese Sanktionen gegen mich zu der Beilegung des schrecklichen Konflikts in der Ukraine beitragen sollen", erklärte der Oligarch und TUI-Großaktionär in der Nacht zum Dienstag. "Ich engagiere mich seit sehr langer Zeit für die Entwicklung der wirtschaftlichen, kulturellen und humanitären Zusammenarbeit zwischen vielen europäischen Ländern."

Alexej Mordaschow | dpa

Alexej Mordaschow Bild: dpa

TUI-Großaktionär Alexej Mordaschow

Tatsächlich gilt der siebenfache Vater, der sein Vermögen mit dem Stahlgeschäft aufgebaut hat, als "netter Oligarch von nebenan". Deutsche Manager lobten Mordaschow in der Vergangenheit als einen Drahtzieher der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen. Klaus Mangold, der frühere Chef des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, würdigte den Russen als "einen großartigen Unternehmer mit langreichenden Perspektiven". Er sei ein "Fels in der Brandung" beim Einsatz für die deutsch-russischen Handelsbeziehungen gewesen.

Mordaschow, der fließend Deutsch spricht, ist 2007 bei der TUI eingestiegen und besitzt inzwischen gut ein Drittel der Anteile am Reisekonzern. Auch in der Corona-Krise, in der der Staat die TUI vor der Pleite rettete, hielt er an seinem Engagement fest.

Allerdings gilt der 56-jährige Stahl-Magnat, der mit seiner Holding inzwischen auch bei der russischen Supermarktkette Lenta, dem Onlinehändler Utkonos und in Bildungs- und Gesundheitsfirmen investiert ist, als Kreml-treu. Bei Putin-Audienzen sitze er da wie ein Kindergartenknabe, der auf seinen Haferbrei warte, spottete schon 2009 die Wirtschaftszeitung "Kommersant".

Michail Fridman | picture alliance / dpa

Michail Fridman Bild: picture alliance / dpa

AlfaBank-Chef Michail Fridman

Neben dem TUI-Großaktionär Mordaschow befindet sich auch der Multimilliardär Michael Fridman auf der Sanktionsliste. Der 57-Jährige ist Eigentümer der Alfa Group, zu der unter anderem die AlfaBank, einer der größten privaten Geldinstitute Russlands, gehört. Außerdem ist Alfa im Mobilfunk und an Supermärkten beteiligt. 2006 wollte der Geschäftsmann mit MTS und Megafon ein "Eurasisches Vodafone" aufbauen.

Zeitweise war Fridman auch Großaktionär beim drittgrößten russischen Ölkonzern TNK-BP und übernahm den deutschen Ölkonzern Dea, der dann mit der BASF-Tochter Wintershall fusionierte. 2016 verkündete Fridman, praktisch sein ganzes Vermögen wohltätigen Zwecken zur Verfügung zu stellen.

Brüssel bezeichnet den Alfa-Bank-Chef als einen führenden russischen "Finanzier und Förderer von Putins innerem Kreis". Fridman wies diese Vorwürfe zurück. Es sei unwahr, dass er "enge Beziehungen" zur russischen Regierung gepflegt habe.

Petr Aven | picture alliance / dpa

Petr Aven Bild: picture alliance / dpa

Banker Pjotr Aven

Ebenfalls gegen die Sanktionen will Fridmans Geschäftspartner Pjotr Aven vorgehen. Die EU nennt ihn "einen der engsten Oligarchen von Putin". Gemeinsam mit Michail Fridman wehrt sich Aven gegen die verhängten Maßnahmen wie das Einreiseverbot in die EU und das Einfrieren von Vermögenswerten. Die Vorwürfe seien "fadenscheinig und unbegründet", teilten Fridman und Aven mit. Beide Milliardäre bezeichneten es auch als nicht richtig, dass sie "inoffizielle Abgesandte der russischen Regierung" seien. "Dies sind böswillige und vorsätzliche Unwahrheiten.

Pjotr Aven ist seit 1994 Präsident der AlfaBank. Zuvor war er Außenhandelsminister und gehörte dem Reformblock der ersten postsowjetischen Regierung an. Die Hälfte des Jahres verbringt der Banker inzwischen in London.

Der begeisterte Kunstsammler schaffte es in der Vergangenheit gar, in die Feuilleton-Seiten der Zeitungen zu kommen. Mit seiner Kritik am Buch des Schriftstellers Sachar Prilepin löste er eine Art Klassenkampf im Internet aus. Prilepin prangerte Beamtenwillkür und die Unmöglichkeit, in Russland ehrlich zu Wohlstand zu kommen an. Aven entgegnete ihm, die Welt sei nicht vollkommen. Sie werde aber besser, wenn jemand einen Baum pflanze, ein Haus baue und seine Socken wasche, nicht aber, wenn jemand sich betrinke, bemitleide und randaliere - wie Prilepins Romanhelden. Diese seien, so Aven, selbstgerechte pubertäre Typen, die durch Gewalt ihre eigene Durchschnittlichkeit weg lügen.

In einem Interview mit der "Welt" vor 14 Jahren erklärte Aven die russische Volksseele. "Russland ist nicht Westeuropa, wo man langfristig plant." Es sei ein traditioneller Teil der Kultur eines Volkes, das immer von jemandem überfallen wurde. Deshalb "ist das Gefühl der Stabilität weitaus geringer entwickelt als im Westen".

Nikolai Tokarew | via REUTERS

Nikolai Tokarew Bild: via REUTERS

Transneft-Chef Nikolai Tokarew

Weniger in der europäischen Öffentlichkeit bekannt sind die anderen Oligarchen, die auf der europäischen Sanktionsliste stehen. So zum Beispiel Nikolai Tokarew, Chef des Öl-Pipelinebetreibers Transneft. Anfang 2021 fiel sein Name im Zusammenhang mit Putins "Prunk-Palast" an der Schwarzmeerküste nahe Gelendschik. Kreml-Kritiker Alexej Nawalny warf Tokarew vor, mit Transneft indirekt den Palast mit finanziert zu haben. Die Gelder sollen aus Scheinverträgen und Machenschaften stammen, in die mehrere Staatsunternehmen, darunter Transneft verwickelt gewesen seien.

Vor knapp drei Jahren geriet Tokarew in die Kritik und musste sich von Putin maßregeln lassen. Wegen verschmutzter Rohstoffe in der Pipeline "Druschba" ("Freundschaft") wurden die russischen Öllieferungen unter anderem nach Deutschland unterbrochen. Der Kreml-Chef wies Tokarew, den er noch aus alten KGB-Zeiten kennt, an, die Leitungen besser zu überwachen.

Igor Setschin | dpa

Igor Setschin Bild: dpa

Rosneft-Boss Igor Setschin

Ebenfalls eine wichtige Rolle im russischen Ölgeschäft spielt Igor Setschin, Chef des Staatskonzerns Rosneft. Der 61-Jährige steht schon seit der Krim-Annexion auf der US-Sanktionsliste. Setschin ist seit den 1990er Jahren enger Vertrauter Putins. Als Vizechef der Präsidentenadministration ordnete er die Zerschlagung des einst größten Ölkonzerns Yukos an - und dessen Übernahme durch Rosneft. Daraufhin wurde Setschin zum Rosneft-Chef ernannt.

Mit einer Intrige brachte Setschin 2016 den russischen Wirtschaftsminister Alexej Uljukajew zu Fall und später ins Gefängnis. Laut Medienberichten wird kein anderer Wirtschaftsboss im russischen Fernsehen so oft zusammen mit Putin gezeigt wie der Rosneft-Chef.

Alischer Usmanow | picture alliance / dpa

Alischer Usmanow Bild: picture alliance / dpa

Medienmogul Alischer Usmanow

Und dann ist da noch Alischer Usmanow, der auf der Sanktionsliste der EU steht. Der 68-jährige Multimilliardär mit einem geschätzten Vermögen von 16,8 Milliarden Dollar dürfte vor allem britischen Fußballfans bekannt sein. Er war einst Großaktionär beim FC Arsenal London. Auch im Internationalen Olympischen Komitee (IOC) genoß Usmanow großes Ansehen. IOC-Präsident Thomas Bach verlieh ihm einst die "Trophäe für olympische Werte". Seit 2008 war der Medienmogul Weltpräsident des Fechtverbands. Heute gab er seinen Rückzug bekannt.

Usmanow nannte die Sanktionen "unfair", sprach von "falschen und diffamierenden Anschuldigungen" und will dagegen juristisch vorgehen. Er leitet die Holding USM, die ihr Geld mit Metallen, Bergbau und Telekommunikation verdient. Kreml-Kritiker Nawalny warf Usmanow unlängst vor, den Kreml zu finanzieren. Der Oligarch antwortete laut "Guardian" mit einem Video von seiner 154-Meter-Yacht mit dem Satz "Ich spucke auf dich". Usmanow soll auch Immobilien am Tegernsee besitzen.

Die Legende vom Grillfest

Wie die russischen Oligarchen so viel Macht erlangen konnten, ist unklar. Überliefert wird in den Medien die Legende eines Grillfests von Putin im Mai 2000, bei dem er die Wirtschaftsmagnaten des Landes einlud. Dabei soll er ihnen angeboten haben, die Wildwest-Vergangenheit ruhen zu lassen und die Geschäfte der Reichen nicht zu behindern, solange sich die Milliardäre aus der Politik raushalten und Steuern zahlen.

Wer sich doch in die Politik einmischte, wurde von Putin hart abgestraft. So wurde der mächtige Öl-Manager Michail Chodorkowskij enteignet und jahrelang inhaftiert. Und selbst Roman Abramowitsch, Milliardär dank Öl-Geschäfte und Inhaber des Londoner Fußball-Clubs FC Chelsea, musste patriotische Dienste leisten - als Gouverneur in der abgelegenen Tschukotka-Region.