Schriftzug "Das süße Leben" | Beate Scherer/WDR

Zucker ohne Kalorien Süße Versuchung ohne Reue?

Stand: 28.02.2021 06:40 Uhr

Nicht nur in Schokolade und Gummibärchen, auch in Wurst, im Brot - überall steckt Zucker drin. Der macht dick und krank. Forscher arbeiten deshalb an kalorienfreiem Zucker.

Von Jens Eberl, WDR

Auf Zucker zu verzichten ist gar nicht so einfach. WDR-Moderatorin Dilek Üsük versucht es trotzdem. Am Anfang habe sie richtige Entzugserscheinungen wie beispielsweise Kopfschmerzen gehabt, erzählt sie. Dann aber stellten sich viele Vorteile ein: "Ich habe gemerkt, dass ich morgens sehr viel aktiver wurde, sehr viel wacher." Auch Heißhunger-Attacken seien weggefallen: "Dieses 'Ich muss jetzt irgendwas Süßes essen, da muss Nachschub rein.' Und ich habe am Tag nicht mehr diese Höhen und Tiefen."

Jens Eberl

WHO empfiehlt maximal 25 Gramm Zucker am Tag

Ist das Leben ohne Zucker also angenehmer, leichter? Auf jeden Fall scheint es schwierig zu sein, dem Zucker aus dem Weg zu gehen. Lactose, Fructose oder Glucose - Zucker kommt uns mit vielen Namen und in vielen Formen entgegen. Maximal 25 Gramm Zucker am Tag empfiehlt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Das ist schwer einzuhalten.

Ganz oben auf der Sündenliste stehen die Süßigkeiten. Was genau sind das für Momente, in denen wir zu Süßigkeiten greifen - und warum können wir es oft nicht lassen? Damit beschäftigt sich der Ernährungspsychologe Frédéric Letzner. Fast jeder sei darüber aufgeklärt, was gesund ist und was nicht. Das sei nicht das Problem. Vielmehr sei es so, dass wir uns selber gar nichts Gutes tun wollten, so der Experte.

Dass wir in Stressphasen auch häufig in Kauf nehmen, dass wir funktionieren müssen, Schokolade essen, weiter funktionieren, keine Pause machen, wenig schlafen. Das hat viel mit unserer Mentalität zu tun. Wir sind eine Gesellschaft, die keinen so großen Wert auf Gesundheit legt, sondern viel eher darauf, dass wir funktionieren und auch manchmal kompensieren, wenn wir gestresst sind, damit wir weiterhin funktionieren. Nebenbei essen und Stressessen, das sind die beiden großen Probleme, die gerade bei Süßigkeiten auftreten.

Zucker steckt fast in jedem Produkt. In der Obstabteilung geht es schon los - Fruchtzucker ist natürlich auch Zucker. Vielen Produkten wird aber dann auch noch Industriezucker zugesetzt: In 100 Millilitern Johannisbeerschorle stecken 8,3 Gramm Zucker, in 100 Gramm Krautsalat 12,7 Gramm, selbst Brot hat 4,6 Gramm Zucker.

Deutschland setzt auf Forschung statt auf Zuckersteuer

Zucker ist in Deutschland günstig. Andere Länder haben eine Zuckersteuer. Das führt im besten Fall dazu, dass Hersteller weniger Zucker verwenden. In Großbritannien gibt es beispielsweise eine Steuer auf überzuckerte Getränke. Noch will die Politik in Deutschland von der Zuckersteuer nichts wissen. Sie setzt auf Eigenverantwortung und Forschung.

Geforscht wird zum Beispiel im nordrhein-westfälischen Elsdorf in Deutschlands zweitgrößtem Zuckerrüben-Anbaugebiet. Der Leiter des Innovationscenters, Timo Koch, macht hier aus klassischem Rübenzucker etwas Neues. "Wir veredeln und entwickeln den Zucker, den wir kennen, weiter - und zwar zu einem Zucker, der auch so in der Natur vorkommt, aber eben keine Kalorien hat." Allulose heißt der. Das Verfahren kommt ursprünglich aus Japan. Koch und sein Team wollen jetzt den Markt in Europa erobern. Das Zulassungsverfahren läuft bereits.

Auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hofft auf diese Revolution in Sachen Zucker und fördert das Projekt. Wenn alles klappt, könnte die Allulose in den nächsten zwei Jahren in vielen Lebensmitteln stecken, zum Beispiel im Eistee. Einziger Nachteil: Der Preis. "Wir müssen natürlich den Zucker weiter veredeln. Das erfordert einige Schritte. Und damit wird die Allulose auch teurer als normaler Zucker", so Koch.

Zuckerrübenernte in Elsdorf | Beate Scherer/WDR

Ein Zucker ohne Kalorien - ist das die Zukunft? Timo Koch - hier mit Reporterin und Moderatorin Linda Joe Fuhrich - ist davon überzeugt. Bild: Beate Scherer/WDR

Moderatorin Dilek Üsük ist jedenfalls froh, vom Zucker weggekommen zu sein, auch wenn es in vielen Lebenslagen anstrengend sei. "Es gab und gibt auch immer noch Situationen, da bin ich am Bahnhof und denke: Verdammt, ich habe jetzt Hunger und ich habe viereinhalb Stunden Zugfahrt vor mir. Was mache ich jetzt? Dann kaufe ich ein böses zuckerhaltiges Käsebrötchen." Das stille zwar den Hunger, aber die Wut esse mit: "Mich ärgert es, dass es nicht möglich ist, sich wirklich zuckerfrei zu ernähren. Alles ist darauf ausgelegt, dass wir gesüßte Lebensmittel zu uns nehmen."

Über dieses Thema berichtete WDR Fernsehen am 22. Februar 2021 um 22:15 Uhr.