Eine Uhr wechselt in einer Pfandleihe den Eigentümer | dpa

Pfandleihen mit Zulauf Der Preis des schnellen Geldes

Stand: 02.10.2022 16:10 Uhr

Die gestiegenen Lebenshaltungskosten machen Pfandleihen attraktiv: Man kommt schnell und unbürokratisch an Geld. Allerdings werden die Kosten der Darlehen von vielen unterschätzt.

Von Jenni Rieger, SWR

Ein Gitter vor der Tür - das muss Heiko Kling als erstes hochschieben, wenn er morgens in seinen Laden will. Denn dort lagern Schätze - monetäre, aber vor allem auch emotionale. Seit 15 Jahren betreibt Kling ein Pfandleihhaus in Offenburg. Im Schaufenster und in den Vitrinen Ringe, Ketten, eben alles, was Menschen verpfänden, um schnell und unkompliziert an Geld zu kommen.

Jenni Rieger

So viele Kunden wie lange nicht mehr

Ein gutes Dutzend Kunden hat Kling pro Tag - so viele wie lange nicht mehr, sagt der Pfandleiher: "Seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine ist es ganz extrem." Und hinter jedem verpfändeten Gegenstand stehe eine Geschichte.

"Da ist die Mama, die Geld braucht für ihre Kinder, für Essen oder Schulbücher, das tut mir schon weh. Oder am Freitag war eine ältere Dame da, die kann ihre Miete nicht mehr zahlen, die kam mit ihrem Schmuck, weil sie sonst raus muss aus ihrer Wohnung." Und immer mehr Kunden kämen auch, weil  ihre Energiekosten gestiegen sind.

Verpfändetes Familienerbstück

So wie Mario, 43 Jahre alt, Familienvater. Er müsse ein paar Rechnungen bezahlen, Gas und Telefon, sagt der junge Mann, während er eine dünne Goldkette von seinem Handgelenk löst. "Das ist ein Erbstück von meiner Großmutter. Das tut schon weh, aber ich hoffe, dass ich es bald wieder einlösen kann", meint er.

Denn das Prinzip der Pfandleihe funktioniert folgendermaßen: Der Kunde übergibt einen Wertgegenstand, erhält dafür einen bestimmten Betrag, im Falle von Schmuckstücken den Schmelzwert des Edelmetalls. Im Fall von Marios Goldkette sind das 200 Euro. Drei Monate hat er nun Zeit, das Familienerbstück wieder abzuholen, bevor es versteigert wird.

Für ihn ein schneller, unkomplizierter Deal. "Die Kunden hier schätzen die Geschwindigkeit und auch die Anonymität", bestätigt Pfandleiher Kling. Denn anders als bei der Bank braucht es hier keinen Gehaltsausweis und keine Schufa-Auskunft. Der Personalausweis allein genügt.

Bis zu 48 Prozent effektiver Jahreszins

Doch es gibt auch eine Kehrseite: "Was die Menschen oft nicht mitbedenken, sind die Kosten, die oft sehr viel höher ausfallen als bei einem Bankkredit", erklärt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Stuttgart. "Einerseits bekommt man bei der Pfandleihe rasch sein Geld, es findet keine aufwändige Bonitätsprüfung statt, keine Schufa-Auskunft, nichts dergleichen. Das spricht dafür."

Andererseits sei es aber so, dass diese Kredite auch sehr teuer seien, so Neuhauser: "Man hat einen Zins von einem Prozent pro Monat zu zahlen, das sind 12,6 Prozent pro Jahr effektiv." Hinzu kämen die Gebühren, die je nach Darlehensbetrag, den man dort erhalte, gestaffelt seien: "Unter dem Strich kommt man so dort auf Effektivzinsen jährlich von 48 Prozent und mehr - und das ist natürlich ganz schön happig im Vergleich zu einer Kontoüberziehung beispielsweise." 

Bargeld ohne Rechenschaft

In Offenburg bei Pfandleiher Kling müsste Mario  nach drei Monaten fast 20 Euro zahlen - und damit sicherlich mehr, als ihn ein Bankkredit kosten würde. Dennoch ist dieser für ihn keine Alternative: "Hier ist es viel unkomplizierter, ich muss nicht Rechenschaft ablegen, bekomme mein Geld sofort, und mit Herrn Kling kann man reden."

Dieses Gefühl scheint derzeit viele in die Pfandleihhäuser zu treiben - und das nicht nur mit dem Goldkettchen der Großmutter. Von Rentnern, Müttern, aber auch Handwerkern, Ingenieuren und Ärzten erzählt Pfandleiher Kling, die bei ihm schnell etwas zu Geld machen wollen - zuletzt sogar einen Bentley und zwei Motorboote.

Frohlocken nicht angebracht

Tatsächlich hatte der Zentralverband des deutschen Pfandkreditgewerbes im vergangenen Jahr auf eine Anfrage von tagesschau.de noch beklagt, durch die Corona-Pandemie und das zurückhaltende Konsumverhalten der Menschen seien die Pfandhäuser nicht mehr so gefragt wie vor Corona. Inzwischen haben der Krieg in der Ukraine und die steigenden Energie- und Verbraucherpreise für viele das Verpfänden wieder attraktiv gemacht - oder besser: zu einer Notwendigkeit.

Heiko Klings Pfandleihe in Offenburg dürfte also keine Ausnahme sein. Als Geschäftsmann freut er sich über die gestiegene Nachfrage. "Aber menschlich macht das schon was mit einem, jeden Tag all diese Schicksale anzuhören", sagt er - und blickt selbst pessimistisch in die Zukunft: "Alle meine Kunden haben Sorge zu überleben. Ich weiß nicht, wo das noch hinführen soll."

Über dieses Thema berichtete SWR in "Landesschau Baden-Württemberg" am 12. August 2020 um 18:45 Uhr.