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Stellenabbau bei Bosch "Vielleicht war man zu langsam"

Stand: 20.03.2024 12:04 Uhr

Die Transformation fordert ihren Tribut. Bosch, der weltweit größte Zulieferer der Automobilindustrie, muss Personal abbauen. Der Widerstand der Belegschaft ist groß.

Wer hinauffährt zur sogenannten Schillerhöhe nahe Stuttgart, zum Hauptstandort des Bosch-Konzerns, der kommt nicht umhin zu bemerken, dass hier einiges im Umbruch ist. Das Hauptgebäude der Firmenzentrale ist komplett eingerüstet, die Fassade verschwindet hinter roten Fangnetzen. Nicht nur renoviert wird hier, sondern entkernt. Altes wird ausgebaut, damit Neues Platz hat.

Diese Baustelle, sie kann auch sinnbildlich verstanden werden für das, was man bei Bosch momentan stemmen muss: Das Unternehmen neu aufzustellen, um es zukunftsfähig zu machen. Geschäftsführer und Arbeitsdirektor Stefan Grosch bringt es auf den Punkt: "Wenn sich die Rahmenbedingungen verändern, dann müssen wir uns anpassen. Das ist genau das, was wir jetzt gerade auch tun."

25.000 Beschäftigte demonstrieren gegen geplanten Stellenabbau bei Bosch

Jenni Rieger, SWR, tagesschau, 20.03.2024 20:00 Uhr

Transformation führt zu Stellenabbau

Die Rahmenbedingungen, das ist zum einen die sogenannte Transformation, also der Übergang von klassischen Verbrennermotoren hin zur Elektromobilität. Eine politische Entscheidung, die Bosch als den weltweit größten Zulieferer der Automobilindustrie maßgeblich trifft. Hinzu kämen im Automobil-Bereich noch eine generell schwache Weltwirtschaft, die anhaltende Inflation sowie negative Wechselkurseffekte, die den Übergang zusätzlich erschwerten, heißt es aus dem Konzern. Die Konsequenz: Stellenabbau.

So könnten allein in der Antriebssparte bis zu 1.500 Stellen in Deutschland wegfallen. Im Geschäftsbereich, der sich etwa mit Elektronik und Software des Automatisierten Fahrens beschäftigt, stehen weltweit rund 1.200 Stellen zur Disposition, bis zu 950 davon in Deutschland. Weitere 500 Stellen könnten weltweit in der Steuergeräte-Sparte abgebaut werden. Und das ist nur der Automobil-Bereich. Im Bereich der Power Tools - also der Werkzeuge - und im Segment der Haushaltsgeräte geht es um weitere Hunderte Arbeitsplätze.

Kein Wunder also, dass Gewerkschaft und Betriebsrat Sturm laufen. Für heute haben sie zum großen Protesttag aufgerufen. Tausende Unterstützerinnen und Unterstützer haben sich vor der Bosch-Zentrale auf der Schillerhöhe versammelt. "Zukunft baut man nicht alleine, man gestaltet sie gemeinsam", so das Motto, unter dem die Beschäftigten gegen den geplanten Stellenabbau protestieren.

Kürzungen wenig überraschend

Doch tatsächlich dürften die Kürzungen wenig überraschend kommen. Dass der Transformationsprozess Arbeitsplätze kosten wird, sei bereits seit Jahren klar, so der Automobilexperte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM): "Das sind sehr, sehr schwierige Zeiten im Moment für die Automobilindustrie generell und für die Zuliefererindustrie im Besonderen. Wir haben vor Jahren bereits prognostiziert, dass die Transformation etwa 20 Prozent der Arbeitsplätze kosten wird." Bosch sei kein Einzelfall, so Bratzel, und stehe im Vergleich noch gut da, was den Stellenabbau anginge.

Mit immerhin mehr als 130.000 Mitarbeitern allein in Deutschland bewegt sich die nun geplante "Personalanpassung", wie es bei Bosch heißt, tatsächlich im niedrigen einstelligen Bereich. Leichten Herzens geschehe sie dennoch nicht: "Wir entlassen nicht einfach Menschen", sagt Arbeitsdirektor Grosch, "das ist mir wichtig. Wir gehen dabei sehr sorgsam und mit Augenmaß vor." So haben beispielsweise die Beschäftigten im Mobility-Bereich 2023 eine "Zukunftsvereinbarung" mit ihrem Arbeitgeber geschlossen, die betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2027 ausschließen.

Zu spät reagiert?

Dennoch stellt sich die Frage, ob ein Stellenabbau nicht generell hätte verhindert werden können. Hat Bosch zu spät auf die Transformation reagiert? Zu zögerlich auf neue Pferde gesetzt? "Bosch ist eigentlich recht gut aufgestellt", so Automobilexperte Bratzel. "Vielleicht war man ein wenig zu langsam, was eine Umstellung Richtung Elektromobilität und Vernetzung angeht, aber das gilt für die gesamte deutsche Automobilindustrie. Akteure aus den USA und China haben das stärker vorangetrieben." Und mit denen müsse man sich nun eben auseinandersetzen. 

Dass die Zukunft von Bosch nicht allein in seinem Gründungsland Deutschland entschieden wird, dessen ist man sich auch auf der Schillerhöhe bewusst - zumal der Wirtschaftsstandort Deutschland zunehmend ein schwieriger sei. Steigende Energiepreise, der Fachkräftemangel: In diesen Punkten bestünde Handlungsbedarf auf Seiten der Politik.

Internationale Investitionen

Verstärkt wolle man deshalb in internationale Märkte investieren, so Grosch: "Wir haben hier in Deutschland starke industrielle Kompetenz und Innovationskraft. Das Wachstum findet aber auch in anderen Märkten und mit anderen Kunden statt. Und entsprechend werden wir auch in diese Regionen gehen und Wachstumschancen nutzen."

So hatte Bosch erst im vergangenen Jahr erklärt, knapp eine Milliarde Euro in ein Entwicklungszentrum in China zu investieren. In Tschechien entsteht derweil ein Standort für Elektromobilität. Eine Strategie, die bei der deutschen Belegschaft angesichts des drohenden Stellenabbaus nicht gut ankommt, die der Arbeitsdirektor jedoch verteidigt: "Wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit sichern", sagt Grosch. "Nur so sind wir zukunftsfähig. Und am Ende sichern wir damit auch die Beschäftigung hier in Deutschland."

Das Gerüst vor der Konzernzentrale auf der Schillerhöhe soll bald verschwinden. Im kommenden Jahr, so heißt es, solle die Entkernung abgeschlossen sein, der Umbau komplett. Zumindest, was das Gebäude angeht. Die inhaltliche Transformation eines Global Players wie Bosch dürfte sehr viel länger brauchen.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. März 2024 um 10:00 Uhr.