HES Botlek Tank Terminal in Rotterdam | picture alliance / Jochen Tack
Analyse

Globaler Energiemarkt Warum Energie wieder billiger werden dürfte

Stand: 12.09.2022 15:47 Uhr

Mehrere Faktoren sprechen dafür, dass die Energiepreise langfristig wieder sinken - unabhängig von politischen Entscheidungen. Ein wesentlicher Faktor sind die trüben Konjunkturaussichten.

Von Detlev Landmesser, tagesschau.de

Beim Blick auf die weltweiten Energiemärkte wird klar: Die aktuelle Preisexplosion in Europa und insbesondere Deutschland ist ein regional begrenztes Phänomen, ausgelöst durch den russischen Überfall auf die Ukraine - und die nachfolgenden politischen Entscheidungen. Für deutsche Verbraucherinnen und Verbraucher ist das zunächst ein schwacher Trost - etwa wenn aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die hiesigen Spritpreise höher liegen als in allen EU-Nachbarländern. Dennoch lässt der Blick auf den globalen Kontext langfristig auf eine Entspannung der Energiekrise hoffen - unabhängig von der Energiepolitik in Deutschland.

So rechnet der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Clemens Fuest, auf lange Sicht mit einem Sinken der Energiepreise. "Wenn wir uns die weltweite Energieversorgung ansehen, sind die Veränderungen durch den Krieg begrenzt", sagte Fuest dem "Tagesspiegel". Russland werde sein Gas und Öl künftig an andere verkaufen. Diese Abnehmer kauften daher weniger Gas aus anderen Quellen. Das fließe dann nach Europa.

Sinkende Preise - aber teure Infrastruktur

Dieser globale "Ringtausch" lässt also längerfristig auf eine Entlastung auf der Angebotsseite hoffen. Das geht allerdings mit gewaltigen Kosten für die notwendige Neuausrichtung der Infrastukturen einher, in Westeuropa wie in Russland. "Der Umbau der Infrastruktur ist teuer, trotzdem sollten die Preise nach einiger Zeit wieder sinken", so Fuest.

Aktuell sei es wichtig, alles zu tun, um das Energieangebot in Deutschland zu stärken. "Dazu gehört, die Abschaltung der verbleibenden Kernkraftwerke zu verschieben", sagte der ifo-Chef. Die künftige Energieversorgung, die auf erneuerbaren Energien und Wasserstoff beruhen soll, müsse erst aufgebaut und erprobt werden, um erst "danach die bisherigen Kraftwerke abzubauen, wenn wir wissen, dass das neue System funktioniert".

Gaspreise zuletzt stark unter Druck

Aber auch in der kurz- und mittelfristigen Perspektive zeichnet sich derzeit eine Entspannung auf dem europäischen Gasmarkt ab. Seit knapp zwei Wochen stehen die Gaspreise insgesamt stark unter Druck, und das trotz des russischen Lieferstopps über Nord Stream 1. Der Preis für den richtungsweisenden Terminkontrakt TTF an der Energiebörse in Amsterdam ist allein seit vergangenem Montag um mehr als 30 Prozent auf Preise unter 200 Euro pro Megawattstunde eingebrochen.

Das ist ein Hinweis darauf, wie nervös die Märkte angesichts der außergewöhnlichen Lieferunsicherheiten waren. Die vollendete Tatsache hat den Blick nun wieder stärker auf die tatsächliche Versorgungslage gelenkt. Auch die europäische Diskussion über einen Gaspreisdeckel dürfte einen Einfluss auf die Spekulation gehabt haben. Die Preisentwicklung auf dem Gasmarkt ist auch eine gute Nachricht für den Strommarkt, der angesichts der besonderen europäischen Marktstruktur derzeit sehr stark von der Gaspreisentwicklung abhängig ist.

Ölpreise schon länger auf dem Rückzug

Ein wesentlicher mittel- bis langfristiger Preisfaktor an den Energiemärkten sind schließlich die konjunkturellen Perspektiven. Am Ölmarkt, der weniger stark von den Folgen des Ukraine-Kriegs betroffen ist als der Gasmarkt, gehen die Preise bereits seit Anfang Juni zurück. Wurden für ein Barrel (159 Liter) der europäischen Sorte Brent vor drei Monaten noch über 120 Dollar bezahlt, sind es aktuell nur noch knapp 94 Dollar.

Neben der Erwartung, dass der Iran möglicherweise bald an den Markt zurückkehrt, steht dahinter vor allem die Sorge um das globale Wirtschaftswachstum. Für Deutschland geht das ifo-Institut in seiner aktuellen Konjunkturprognose von einer Rezession bei hoher Inflation aus. In diesem Jahr werde die Wirtschaft nur noch um 1,6 Prozent wachsen und im kommenden Jahr sogar um 0,3 Prozent schrumpfen. Die Teuerungsrate dürfte aus Sicht der ifo-Ökonomen von 8,1 Prozent im laufenden Jahr auf 9,3 Prozent im kommenden Jahr steigen. Das ifo-Institut verweist darauf, dass die Energieversorger ihre Strom- und Gaspreise Anfang nächsten Jahres spürbar an die hohen Beschaffungskosten anpassen werden. Das werde die Inflationsrate in den ersten Monaten des Jahres 2023 sogar auf etwa elf Prozent in die Höhe treiben.

Dass die Wirtschaftsforscher bei ihren Prognosen vor allem die seit Februar drastisch gestiegenen Gaspreise anführen, zeigt aber auch: Der zyklische Zusammenhang zwischen Konjunktur und Energiepreisen scheint intakt zu sein.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 12. September 2022 um 14:00 Uhr.