Ein Gerüst ist an einem Altbau-Wohnhaus angebracht. | dpa

Studie zu Klimaschutzauflagen Altbau-Sanierung kostet Billionen

Stand: 17.02.2022 11:23 Uhr

Wie viel Klimaschutz ist bei Altbauten machbar, wie viel ist wirtschaftlich sinnvoll? Wohnungsbauverbände plädieren in einer Studie für einen Mittelweg und warnen vor steigenden Mieten.

Von Eva Huber, ARD-Hauptstadtstudio

Heizen und Warmwasser sind Treiber des Klimawandels: rund 14 Prozent der Treibhausgase, die Deutschland jährlich ausstößt, kommen aus dem Gebäudesektor. Um die Klimaziele zu erreichen, muss dieser Wert deutlich sinken, zum Beispiel durch Sanierungen und besseres Dämmen, und das wird sehr viel Geld kosten. Das hat eine Studie im Auftrag des Verbändebündnisses Wohnungsbau ausgerechnet. Darin schätzt es die Kosten auf bis zu 150 Milliarden Euro pro Jahr. Bis 2045 - dem Jahr, in dem Deutschland klimaneutral sein will - wären das insgesamt 3,6 Billionen Euro. Das ist mehr als das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands im Jahr 2020.

Diskussion über Energieeffizienz-Standards

Es könnte aber nochmal teurer werden, warnen die Verbände - wenn die Bundesregierung die Standards umsetzt, die sie in den Koalitionsvertrag geschrieben hat: Die Koalitionspartner wollen die Energieeffizienzstandards bei neu gebauten Häusern bis 2025 auf das derzeit höchstmögliche Maß anheben (Effizienzhaus 40) und setzen auch bei Sanierungen auf hohe Standards (Effizienzhaus 70). Die Studie rechnet mit deutlich weniger strengen Klimaschutz-Modernisierungen (Effizienzhaus 70 beim Neubau und 115 bei Sanierungen), die im Grunde jetzt schon Standard beim Bauen sind, und kommt damit aber bei den Altbausanierungen bereits auf die genannten 3,6 Billionen Euro.

Es ist der große Konflikt: Einerseits sollen günstige Wohnungen in ausreichender Zahl für alle entstehen, gleichzeitig sollen Wohnungen klimafreundlich sein. Passt das zusammen? Das Wohnungsbau-Bündnis, in dem unter anderem Immobilienunternehmen, die Baubranche, Gewerkschaft und Mieterbund vertreten sind, schlägt eine Doppelstrategie vor: Nur nach mittleren Standards sanieren, sodass es nach Einschätzung des Bündnisses wirtschaftlich tragbar ist, und dann beim Heizen und beim Strom komplett auf Erneuerbare Energien umstellen. Allerdings setzen gerade viele Branchen - zum Beispiel Chemieunternehmen - auf "grünen Strom", um ihre Treibhausgas-Emissionen zu senken. Das stellt die Energieversorgung ohnehin vor große Herausforderungen. 

Steigen die Mieten "ins Unerträgliche"?

Jeder wolle die Klimaschutzziele erreichen, betont Robert Feiger, Chef der Gewerkschaft IG Bau. Aber das Ganze müsse auch bezahlbar gehandhabt werden. Würde man ältere Gebäude bis auf den höchsten Standard sanieren, besteht aus Sicht Feigers die Gefahr, "dass die Mieten ins Unerträgliche steigen".

Dieses Dilemma sieht auch das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW). Die Standards so zu lassen, wie sie jetzt sind, und nicht nach höheren zu sanieren, sei trotzdem nicht die Lösung. Denn so seien die Klimaschutzziele nicht zu erreichen, sagt Ralph Henger, IW-Experte für Immobilienmärkte. Der Vorschlag der Bundesregierung, bei Neubauten in drei Jahren den höchsten Energieeffizienzstandard 40 anzulegen, sei prinzipiell der richtige Weg - wenn gleichzeitig die Rahmenbedingungen für die Baubranche entsprechend verbessert würden.

Minister diskutieren mit der Baubranche

Das Verbändebündnis Wohnungsbau hofft hingegen auf einen Mittelweg und auf ein großes Förderpaket. 30 Milliarden Euro Förderung pro Jahr seien nötig. Ihre Forderungen wollen sie beim Wohnungsbautag heute mit der Politik diskutieren. Am Nachmittag sprechen Bauministerin Klara Geywitz von der SPD und Wirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen auf der Veranstaltung.

Die Studie des Instituts Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen hat auch untersucht, wie Platz geschaffen werde könnte für die 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr, die die Bundesregierung angekündigt hat. Ein großes Potential gebe es beim Umbau von Büros zu Wohnungen. Rund 1,9 Millionen neue Wohnungen könnten so entstehen, rechnet Institutsleiter Dietmar Walberg vor. Das gehe auch noch relativ günstig mit Umbaukosten von weniger als 1200 Euro pro Quadratmeter. Zum Vergleich: beim Neubau seien es mehr als 3100 Euro, so Walberg.

Der Experte fordert eine Umbau-Offensive. Neben Büros könnten Wohnhäuser aufgestockt werden. Ebenso könnten Bauherren auf Verwaltungsgebäude, Bürokomplexe, Supermärkte, Parkhäuser ein oder mehrere Stockwerke draufsetzen.  Insgesamt könnten so 4,3 Millionen neue Wohnungen entstehen ohne "nur einen einzigen Quadratmeter Bauland zusätzlich zu benötigen", so Walberg.

Über dieses Thema berichtete BR24 am 17. Februar 2022 um 12:02 Uhr.