Arbeiter fertigen am 06.07.2014 im FAW-VW Werk in Chengdu Volkswagen-Fahrzeuge vom Typ Jetta.

Wegen Corona-Lockdown VW schränkt Produktion in China ein

Stand: 28.11.2022 14:59 Uhr

Die strikte Corona-Politik in China hat auch Folgen für einige deutsche Unternehmen. Neben Verzögerungen in den Lieferketten sind auch Produktionsstätten betroffen - so etwa von Volkswagen.

Zahlreiche Menschen in China demonstrieren derzeit gegen die strikte Corona-Politik der Regierung. Sie fordern ein Ende der harten Lockdowns, die auch die Wirtschaft im Land stark trifft. Nachdem es in den vergangenen Wochen immer wieder zu Unruhen und Produktionseinschränkungen etwa in Apples größtem iPhone-Werk der Welt gekommen war, ist nun auch Volkswagen von den Einschränkungen betroffen.

Der deutsche Autobauer hat die Bänder in einem Werk angehalten und produziert andernorts weniger. "Die Produktion im Werk Chengdu wurde im Zusammenhang mit der aktuellen Corona-Welle vorübergehend gestoppt", teilte ein Sprecher heute auf Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters mit. Später konkretisierte er, die Bänder in der gemeinsam mit FAW geführten Fabrik im Südwesten Chinas seien schon vor einer Woche angehalten worden.

Kurzfristige Änderungen "nicht ausgeschlossen"

In Changchun im Nordosten sei zudem die Produktion von zwei von insgesamt fünf Produktionslinien durch Teilemangel beeinträchtigt, so der VW-Sprecher weiter. Die weiteren Linien würden derzeit ausreichend versorgt. In den übrigen Werken laufe die Fertigung weitestgehend stabil. "Aufgrund der Volatilität der Situation sind allerdings kurzfristige Änderungen in der Fahrweise einzelner Produktionsstätten nicht ausgeschlossen", fügte er hinzu.

Bei BMW liefen die chinesischen Werke dagegen zuletzt normal. Konzernchef Oliver Zipse hatte am Freitag gesagt, lediglich Büros seien geschlossen, weil die Mitarbeiter von zu Hause arbeiteten. Mercedes-Benz reagierte zunächst nicht auf eine Anfrage, ob die Produktion in China beeinträchtigt sei.

Die Null-Covid-Strategie in China hat massive Auswirkungen auf die Wirtschaft in der Volksrepublik. Experten der japanischen Finanzgruppe Nomura schätzten, dass etwas mehr als ein Fünftel der chinesischen Wirtschaftsleistung vom Lockdown betroffen ist - doppelt so viel wie noch im Oktober. Das Analysehaus senkte seine Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im vierten Quartal bereits von 2,8 auf 2,4 Prozent im Jahresvergleich. Erstmals seit fast zweieinhalb Jahren waren im Oktober sowohl die Exporte als auch die Importe zurückgegangen.

"Katastrophale Situation" auch für europäische Firmen

Besonders Apple und sein Zulieferer Foxconn stehen bereits seit Wochen im Fokus. Die Fabrik in der Stadt Zhengzhou, in der rund die Hälfte aller iPhones weltweit produziert wird, arbeitet schon länger mit deutlich reduzierter Kapazität. Nach einem Corona-Ausbruch hatten die Behörden Anfang November im Gebiet rund um die Anlage einen Lockdown verhängt. Tausende Mitarbeiter waren anschließend aus Angst vor einer Corona-Ansteckung oder den strengen Maßnahmen geflohen, und es war zu gewaltsamen Protesten gekommen.

Foxconn stellte den Mitarbeitern daraufhin höhere Löhne in Aussicht, wenn sie sich trotz der Einschränkungen für eine Rückkehr entschieden. Das Werk lief in einem sogenannten "geschlossenen Kreislauf" weiter: Mitarbeiter durften damit das Werksgelände nicht verlassen. Nun wurde sogar in der gesamten Stadt ein Lockdown beschlossen. Das verzögert überall auf der Welt die Lieferungen neuer iPhones.

Auch europäische Firmen schlagen mittlerweile Alarm. Die Situation sei "katastrophal", sagte der Präsident der EU-Handelskammer in Peking, Jörg Wuttke, am Freitag. Während sich die Welt öffne und zu "business as usual" zurückkehre, sei man in China wieder in einer unsicheren Lage. Viele Unternehmen hätten daher Geschäftsreisen aufgeschoben und sich auf anstehende Abriegelungen der Produktionsstätten vorbereitet, hieß es von Francis Liekens, Vertreter der EU-Handelskammer in Shanghai.

Deutsche Unternehmen verändern Lieferketten

In der deutschen Wirtschaft lösen der Anstieg der Infektionszahlen und die verhängten Lockdowns in China ebenfalls Sorge aus. Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutsche Industrie- und Handelskammertags (DIHK) sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Die jetzt wieder einsetzenden Lockdowns, aber auch die zunehmend protektionistische Wirtschaftspolitik, sind für die deutschen Unternehmen in China eine große Belastung." Viele deutsche Unternehmen richteten gerade ihre Lieferketten neu aus.

"Mehr als ein Drittel der deutschen Unternehmen in China plant den Ausbau und die Diversifizierung seiner Lieferantennetzwerke außerhalb des Landes", so Treier. Besonders im Blick seien dabei andere asiatische Märkte. "Ganz auf den Markt China zu verzichten ist für viele Unternehmen aber keine Option." Vielmehr geht es laut DIHK darum, sich breiter aufzustellen. Deutschland sei bei Rohstoffen stark abhängig von China - beispielsweise bei Silizium oder Seltenen Erden.

Staus vor den chinesischen Häfen noch in guter Erinnerung

Gerade für den Handel ist die strenge Corona-Politik ein Risiko. "Chinas Festhalten an der Null-Covid Politik in der Kombination mit den exzessiven Lockdowns schon bei vereinzelten Krankheitsfällen erschweren die für den deutschen Handel so wichtigen Geschäftsbeziehungen mit dem Reich der Mitte", sagte Außenhandelspräsident Dirk Jandura jüngst der Nachrichtenagentur Reuters.

Für die bilateralen Handelsbeziehungen und auch den Welthandel bringe dies erneut Unsicherheit in die Lieferketten und belaste die wirtschaftliche Entwicklung auf breiter Fläche. "Die Staus vor den chinesischen Häfen zu Beginn des Jahres sind uns noch in unguter Erinnerung. Die Folgen waren bis weit ins Jahr hinein für viele unserer Groß- und Außenhändler spürbar", so Jandura. So weit ist es aber offenbar noch nicht.

Zwar stellten sich einige Firmen schon auf "schwerwiegende Auswirkungen in der Produktion" ein, doch hätten Unterbrechungen der Lieferketten aufgrund der "Soft-Lockdowns" in Peking und vielen anderen Städten Chinas noch nicht vollständig durchgeschlagen, meinte Jens Hildebrandt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der deutschen Außenhandelskammer (AHK) in China, gegenüber dem "Handelsblatt". Trotz Verzögerungen in den Lieferketten müsse sich in Deutschland niemand Sorgen um leere Regale im Einzelhandel machen, betonte auch der deutsche Handelsverband HDE. Die Händler hätten Lieferwege verändert und neue Lieferanten.