RWE Braunkohletagebau Garzweiler II, Lützerath | picture alliance / Panama Pictur

Lützerath-Räumung Warum RWE die Kohle lieber los wäre

Stand: 11.01.2023 14:53 Uhr

Dem Energiekonzern RWE liegt nicht mehr viel an seinem Kohlegeschäft. Das Unternehmen hat sogar ein großes Interesse daran, sich eher früher als später von der Kohle zu trennen.

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Auch wenn die aktuellen Bilder aus Lützerath auf den ersten Blick vielleicht anderes vermuten lassen: Das Kohlegeschäft hat für den Energiekonzern RWE selbst keine allzu große Bedeutung mehr. Das zeigt schon ein Blick in die Bilanz des Unternehmens, in der das Geschäft mit Kohle und Kernenergie explizit nicht mehr zum Kerngeschäft gezählt wird. Stattdessen setzt RWE auf die Segmente Offshore Wind, Onshore Wind/Solar, Wasser/Biomasse/Gas und Energiehandel.

Die Kohle ist für RWE ein Auslaufmodell; erst im vergangenen Herbst verständigte sich das Unternehmen mit dem Bund und dem Land Nordrhein-Westfalen darauf, die Braunkohleverstromung im Rheinischen Revier bereits 2030 - und damit acht Jahre früher als es der gesetzliche Ausstiegsplan zuvor vorsah - zu beenden.

Staat nimmt RWE bei der Kohle in die Pflicht

Trotzdem reaktivierte RWE im vergangenen Jahr drei Braunkohleblöcke. Das erfolgte jedoch im Rahmen des deutschen Ersatzkraftwerkebereithaltungsgesetzes vom Juli 2022 und war damit in erster Linie eine Folge gesetzlicher Vorgaben zur Einsparung von Gas. Über das staatlich verfolgte Ziel der Versorgungssicherheit hinaus hat der Konzern Experten zufolge kein Eigeninteresse an einer Fortführung des Kohlegeschäfts.

"Grundsätzlich lässt sich sagen, dass das Aufrechterhalten der Kohleverstromung eher ein Anliegen der Bundesregierung gegenüber RWE ist im Sinne der Gewährleistung der Versorgungssicherheit. RWE selbst liegt hingegen nicht mehr viel am Kohlegeschäft", betont Analyst Guido Hoymann vom Bankhaus Metzler im Gespräch mit tagesschau.de.

Blitzsaubere Gewinne mit schmutziger Kohle

Und doch dürfte sich die Kohle in der Jahresbilanz 2022 durchaus positiv bemerkbar machen. So erzeugte RWE aus Braunkohle und Steinkohle allein in den Monaten Januar bis September 42.447 Gigawattstunden (GWh) Strom - das entspricht einem Anteil von 36,8 Prozent an der gesamten Stromerzeugung.

Die Erlöse aus Kohlestrom und sonstigen Kohleprodukten beliefen in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres auf einen Anteil von 18 Prozent am Konzernumsatz. RWE selbst rechnet für das Gesamtjahr 2022 mit einem positiven operativen Ergebnis der Sparte Kohle/Kernenergie von 650 bis 750 Millionen Euro.

Auch künftig könnte RWE mit der Kohle noch prächtig Geld verdienen. "Vor dem Ukraine-Krieg sahen die Planungen für die kommenden Jahre einen Ertrag von null bis 200 Millionen Euro pro Jahr vor. Jetzt dürfte das eher in Richtung einer Größenordnung von über 500 Millionen im Jahr laufen", erklärt Metzler-Experte Hoymann.

Übernimmt der Staat die RWE-Kohle ganz?

Vor diesem Hintergrund mag es schon fast verwundern, dass der Konzern in der Vergangenheit bereits Gespräche über eine komplette Übertragung des Kohlegeschäfts an den Staat, etwa in Form einer Stiftungslösung, geführt hatte. Diese Gespräche waren 2022 wegen des Ukraine-Kriegs unterbrochen worden, dürften nun aber Branchenkennern zufolge zügig wieder aufgenommen werden.

"RWE würde die Kohle sofort für Null weggeben, obwohl da auch Gewinne dranhängen", ist Hoymann überzeugt. Der Konzern wäre froh, wenn er dieses Kapitel endlich schließen könnte. Für RWE gebe es gute Gründe, sich eher früher als später von der Kohle zu trennen.

Kohle ist aus ESG-Perspektive ein dickes Malus

"Es gibt viele große Investoren, die gerne in RWE investieren würden, weil RWE gerade beim grünen Strom hervorragende Fortschritte gemacht hat. Doch wegen der ESG-Vorschriften dürfen sie das nicht, weil RWE den Malus seiner Kohlekapazitäten noch immer mit sich trägt", erklärt Analyst Hoymann.

Das Kürzel ESG steht für nachprüfbare Kriterien bei der Geldanlage in den Dimensionen Umwelt (Environment), Soziales (Social) und verantwortungsvolle Unternehmensführung (Governance). Fossile Brennstoffe wie Kohle oder Öl gehören für Investoren, die nach ESG-Vorgaben investieren, zu den sogenannten Ausschluss- oder Negativkriterien.

Laut einer aktuellen Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC Deutschland werden ESG-Fonds mit einer jährlichen Wachstumsrate von 12,9 Prozent deutlich schneller wachsen als der Gesamtmarkt. 2026 werde das verwaltete ESG-Vermögen bei 33,9 Billionen Dollar liegen. Damit würde der ESG-Anteil an allen global verwalteten Vermögenswerten von 14,4 Prozent im Jahr 2021 auf 21,5 Prozent steigen.

Neues Kurspotenzial für die RWE-Aktie?

"Sollte sich RWE früher von der Kohle trennen können, wäre das definitiv ein riesiger Schub für die Aktie. Da reden wir von 15 bis 20 Prozent Kurspotenzial", betont Metzler-Experte Hoymann. Die RWE-Aktie werde derzeit nämlich mit einem deutlich messbaren Abschlag gegenüber den reinen grünen Stromanbietern gehandelt.

"Zugleich hat RWE noch viele Gaskraftwerke, um diese Übergangsphase zu gestalten, denn diese können schnell einspringen, wenn kein Wind und Sonne da sind. Damit ist RWE nahezu perfekt aufgestellt, um von dem grünen Marktwachstum im Bereich Strom zu profitieren", so Hoymann.

Dabei zählt RWE an der Börse bereits heute schon zu den großen Gewinnern. Die Aktie des Essener Konzerns war mit einem Plus von 16,4 Prozent der drittgrößte DAX-Kursgewinner des vergangenen Börsenjahres hinter Beiersdorf und Münchener Rück. Zum Vergleich: Der deutsche Leitindex verlor im gleichen Zeitraum 12,4 Prozent.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 11. Januar 2023 um 16:00 Uhr.