Geschlossenes Hotel in Rüdesheim

Pleite-Gefahr im Lockdown Droht das große Hotelsterben?

Stand: 28.01.2021 14:49 Uhr

Die Pandemie bringt immer mehr Hotels an ihre finanziellen Grenzen. Insolvenzexperten berichten von vermehrten Anfragen, die Zahl der Pleiten steigt. Die Branche fragt sich: Wer hält durch?

Von Anne-Catherine Beck, tagesschau.de

Seit den vergangenen Wochen und Monaten mehren sich in der Hotelbranche die Insolvenzanträge. Wie viele es deutschlandweit inzwischen genau sind, kann Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Branchenverbands DEHOGA, nicht sagen. Konkrete Zahlen lägen noch nicht vor.

Der Hamburger Insolvenzverwalter Tjark Thies zumindest verzeichnet in letzter Zeit eine deutlich gestiegene Nachfrage nach Insolvenz- und Beratungsgesprächen. "Ein Großteil der Hamburger Hotels befindet sich derzeit in Existenznot", sagt er.

Thies leitet auch das Insolvenzverfahren des Hotels Nordport Plaza am Hamburger Flughafen. Das erst 2018 eröffnete Haus hatte sich noch nicht voll etabliert, als es schon wieder schließen musste. Im November vergangenen Jahres kam es dann zur Pleite. Dabei lief das junge Hotel dank des Messe- und Flughafengeschäfts vor Corona durchaus gut. "Die Auslastung vor der Krise war ausgiebig und zufriedenstellend", sagt der Insolvenzverwalter. Bis zu 80 Prozent sei das Hotel im Schnitt ausgebucht gewesen. Seit der Pandemie seien allerdings nie mehr als zehn der 188 Zimmer belegt gewesen. "Betrieb und Immobilie sollen nun verkauft werden."

Die Zahl der Pleiten steigt. Bereits im vergangenen Sommer Insolvenz angemeldet hatte das Sofitel Berlin. Zahlungsunfähig wurden ebenso der Hessische Hof in Frankfurt und eine Betreibergesellschaft, die zehn Hotels unter den Marken Holiday Inn und Crowne Plaza in Deutschland betreibt. Lokale Medien berichten von weiteren Fällen. Manche in der Branche wundern sich, dass es nicht schon zu mehr Insolvenzen gekommen ist.

"Wir verbrennen jeden Monat 1,5 Millionen Euro"

Von einer ernsten Lage spricht auch Dirk Iserlohe, Aufsichtsratschef der Hotelgruppe Dorint: "Der letzte Lockdown hat erneut so drastisch zugeschlagen, sodass wir fast gar kein Geschäft mehr machen." Während die Auslastung der Hotelgruppe in normalen Zeiten bei knapp unter 70 Prozent liege, verzeichne Dorint derzeit eine Belegung von lediglich fünf bis sechs Prozent. Die Zahl der Hotelgäste sei während der Pandemie dermaßen stark gesunken, dass nicht einmal die Fixkosten gedeckt werden könnten.

"Jeden Monat verbrennen wir 1,5 Millionen Euro", beklagt der Chefaufseher der Hotelgruppe. Auch die Hilfsprogramme der Bundesregierung könnten an diesen Verlusten recht wenig ändern. Schließlich seien die 60.000 Euro, die die Dorint-Gruppe im Januar 2021 erhalten habe, keine Entschädigung für den allein im November und Dezember verbuchten Schaden von 32 Millionen Euro. Seine Kette brauche nun rasch eine Erstattung der monatlichen Fixkosten.

Staathilfe für Betreiber der Ibis-Hotels

Wie bedrohlich die Lage gerade für größere Ketten ist, zeigt auch der Fall AccorInvest. Der französische Konzern, der hinter Marken wie Ibis, Novotel und Mercure steht, muss von der Regierung in Paris gestützt werden. Das Unternehmen erhält eine Kreditbürgschaft in Höhe einer halben Milliarden Euro. AccorInvest befinde sich in "großen finanziellen Schwierigkeiten", sagte Frankreichs Wirtschaftsminister Bruno Le Maire. Bei der Kette, die nach eigenen Angaben 887 Hotels in 28 Ländern betreibt, war der Umsatz um mehr als zwei Drittel eingebrochen.

Auch die jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamts zum Gastgewerbe zeigen: Die Existenzen vieler Hotelbetriebe stehen auf dem Spiel. Lediglich neun Millionen Übernachtungen in- und ausländischer Gäste konnten im November in Deutschland verzeichnet werden. Das waren über 72 Prozent weniger als noch im November 2019. Während das Hotelgewerbe laut DEHOGA-Berechnungen im Jahr 2019 noch einen Umsatz von 33 Milliarden Euro erzielte, waren es im Jahr 2020 mit knapp 20 Milliarden rund 40 Prozent weniger. "Die Hotelbranche erlebt derzeit eine der schwersten und existenzbedrohlichsten Zeiten seit 1945", so Verbandsgeschäftsführerin Hartges.

Pläne für eine "hybride Welt"?

Dorint-Aufsichtsratchef Iserlohe setzt darauf, dass die Geschäftsreisenden zurückkehren. "Ich glaube fest daran, dass das Homeoffice keine Dauerlösung bleiben wird." Auch hätten die Menschen grundsätzlich einen großen Drang nach Urlaub und Freiheit. Doch was würde es für die Branche bedeuten, wenn Dienstreisen auch nach Ende der Pandemie nicht mehr das alte Niveau erreichen, weil Unternehmen zum Beispiel Kosten sparen wollen? Wenn Großveranstaltungen dauerhaft digital veranstaltet werden?

"Wir werden in einer hybriden Welt leben, in der virtuelle Messen gewöhnlich und Geschäftsreisen nicht zwangsläufig notwendig sind", sagt der Schweizer Zukunftsforscher Gerhard Leonhard. Umso mehr komme es nun darauf an, dass die Hotels ihre Geschäftsmodelle kreativ überdächten - und etwa Angebote machten für eine Büronutzung ihrer Zimmer. Aus seiner Sicht werden die Ansprüche der Gäste steigen, weswegen Hotels nun vor allem in Exklusivität investieren müssten.

"Das Schlimmste, was die Hotelbetriebe derzeit tun können, ist auf das Ende der Pandemie zu warten und anschließend so weitermachen zu wollen wie zuvor", so Leonhard. "Den Prä-Corona-Zustand wird es schließlich nicht mehr geben."