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Neue Klage Google Play Store im Visier

Stand: 08.07.2021 12:04 Uhr

36 US-Bundesstaaten haben Google wegen "luxuriöser" App-Provisionen im Play Store verklagt. Zahlen am Ende die Nutzer die Zeche? Und wieso läuft eigentlich Apples App Store unter dem Radar?

Von Angela Göpfert, tagesschau.de

Googles Anwälte können sich über mangelnde Arbeit wahrlich nicht beklagen. Am Mittwoch haben 36 Bundesstaaten und der Regierungsbezirk Washington DC eine Wettbewerbsklage gegen die Tochter des Alphabet-Konzerns beim Bundesgericht in San Francisco eingereicht. Es ist bereits die vierte Klage von US-Bundesstaaten gegen Google seit Oktober. Aber es ist die erste, die den lukrativen App-Store ins Visier nimmt.

"Luxuriöse" Gebühr auf App-Käufe

Laut Klageschrift nutzt Google wettbewerbsfeindliche Geschäftspraktiken um sicherzustellen, dass für die App-Entwickler kein Weg am Play Store vorbeiführt, wollen sie ihre Kunden erreichen. Zudem streiche Google bei den Entwicklern eine "luxuriöse" Provision von bis zu 30 Prozent auf App-Käufe ein. Das zwinge die Entwickler dazu, ihren App-Kunden höhere Preise in Rechnung zu stellen.

Angeführt werden die Kläger von den US-Bundesstaaten New York, Utah, North Carolina und Tennessee. "Google war für viele Jahre der Türsteher des Internet. Doch in letzter Zeit wurde es auch zum Türsteher unserer digitalen Geräte - mit dem Ergebnis, dass wir alle mehr für die Software zahlen müssen, die wir jeden Tag benutzen", unterstrich New Yorks Generalstaatsanwältin Letitia James in einem Statement. Das "Google-Monopol" sei eine Bedrohung für den Markt, ergänzte ihr Kollege aus Utah, Sean Reyes.

Googles Geschäftsgebaren vor Gericht

Die neue Klage lässt die Google-Geschäftspraktiken in einem düsteren Licht erscheinen. Dabei hatte das Bild des Internetriesen in der Öffentlichkeit vor allem in den Augen von Verfechtern des freien Wettbewerbs bereits zuvor durch zahlreiche weitere Klagen Risse erhalten.

So soll Google den größten Android-Smartphone-Hersteller, Samsung, bezahlt haben, damit das koreanische Unternehmen bloß nicht auf die Idee kommt, seinen eigenen App-Store zu entwickeln. Auch die angeblich illegale Monopolstellung Googles im Suchmaschinen- und Onlinewerbegeschäft ist Inhalt von Klageschriften.

Als "Fortnite"-Macher Epic Games begann, seine Apps auch außerhalb von Googles Play Store zu vertreiben, soll Google sogar Entwickler "aufgekauft" haben, um sie davon abzubringen, es Epic gleichzutun. Und das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus den Klagen, die in den vergangenen Jahren gegen Googles Geschäftsgebaren eingereicht wurden.

Die Google-Sicht der Dinge

Mit der neuen Klage rückt der Play Store nun auch ins Visier der US-Staatsanwälte - aus Sicht von Google ein vollkommen unverständlicher Vorgang. Das Unternehmen bezeichnete die Klage in einem Blog-Post als "wertlos". Die Kläger würden ignorieren, dass Google mit Apple um Entwickler und Konsumenten konkurrieren würde. "Wir machen nicht so viele Auflagen wie andere mobile Betriebssysteme", unterstrich Wilson White, bei Google zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit.

Er finde es befremdlich, dass sich eine Gruppe von Staatsanwälten ausgerechnet ein System für ihre Attacken ausgesucht habe, dass über mehr Offenheit und Wahlmöglichkeiten verfüge als andere Systeme. Dass White mit "anderen Systemen" Apple mit seinem Betriebssystem iOS und dem App Store gemeint hat, darf getrost angenommen werden.

Das App-Duopol

Tatsächlich kann man die Google-Sicht der Dinge nicht so einfach von der Hand weisen. Schließlich ist das App-Geschäft in der westlichen Welt keineswegs ein reines Google-Monopol, sondern vielmehr ein Duopol: Apple und Google teilen den Markt unter sich auf. Da ist es nur folgerichtig, dass "Fortnite"-Macher Epic zwei Wettbewerbsklagen eingereicht hat: eine gegen Google, eine gegen Apple.

Im Gegensatz zur Privatwirtschaft scheinen die Generalstaatsanwälte der US-Bundesstaaten und das Justizministerium mit ihren Klagen tatsächlich mehr auf Google und weniger auf Apple abzuzielen. Apple läuft derzeit noch ein wenig unter dem Radar. Zumindest in den USA. In Deutschland knüpft sich gerade das Bundeskartellamt Apple wegen seines Geschäftsgebarens im App Store vor.

Zahlen die Nutzer die Zeche?

Dabei müsste die Logik, die hinter der US-Klage gegen Googles Play Store steckt, Experten zufolge eigentlich auch auf Apples App Store anwendbar sein. Laut Sean Reyes, Generalstaatsanwalt Utah, haben Googles Geschäftspraktiken zu einer Kosteninflation für die App-Konsumenten geführt. Der typische Konsument könnte "Hunderte, wenn nicht gar Tausende Dollar" mehr bezahlt haben.

Auch Verbraucherschützer kritisieren, dass die hohen App-Gebühren bei Google und Apple die Kosten für Verbraucher in die Höhe geschraubt haben. Das Analysehaus App Annie hat ausgerechnet, dass Kunden 2020 insgesamt 143 Milliarden Dollar in mobilen App Stores ausgegeben haben - 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Konsumenten lassen mehr Geld in Apples App Store

Im ersten Halbjahr 2021 verschärfte sich dieser Trend: Den Analysten von Sensor Tower zufolge gaben Konsumenten in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres insgesamt 65 Milliarden Dollar im App Store und Play Store aus, ein Plus von 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Davon entfielen 41,5 Milliarden Dollar auf Apples App Store, 23,4 Milliarden Dollar auf Google Play. Berücksichtigt man, dass deutlich mehr Android-Geräte im Umlauf sind als iOS-Geräte, so ist der Vorsprung des App Stores umso markanter.

Wichtige Frage bleibt offen

Doch das ist noch lange kein zwingender Beweis dafür, dass die App-Entwickler die hohen Gebühren, die sie an Apple und Google zahlen müssen, wirklich an die Nutzer weiterreichen. Gut möglich ist auch, dass die Menschen spätestens seit Corona einfach mehr Zeit mit mobilen Geräten verbracht und dafür auch mehr kostenpflichtige Apps heruntergeladen haben.

Um den von Entwicklern, Verbraucherschützern und Staatsanwälten beschriebenen Kausalweg zu belegen, dass hinter der Umsatzexplosion in den mobilen App Stores wirklich wettbewerbsfeindliche Praktiken stecken, sind somit weit detailliertere Untersuchungen, etwa seitens der Wettbewerbsbehörden in den USA, aber auch in Europa nötig.

Börse ganz gelassen

An der Börse sieht man die neue Klage gegen Google übrigens ganz gelassen. Papiere des Google-Mutterkonzerns Alphabet fielen im nachbörslichen US-Handel um 0,2 Prozent auf 2523,20 Dollar. Seit Jahresbeginn haben sie Kursgewinne von 44 Prozent eingefahren und damit den breiten amerikanischen Aktienmarkt weit hinter sich gelassen.

Mit anderen Worten: Zum jetzigen Zeitpunkt sehen Anleger in den zahlreichen Wettbewerbsklagen offenbar keine echte Bedrohung für Googles Geschäftsmodell - und damit auch keinen Grund, nervös zu werden.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. Juli 2021 um 06:36 Uhr.