Störung bei Microsoft Teams | picture alliance / NurPhoto
FAQ

Nach der Störung Wie groß ist die Abhängigkeit von Microsoft?

Stand: 25.01.2023 17:57 Uhr

Weltweit sind heute zahlreiche Microsoft-Dienste ausgefallen. Die Büro-Kommunikationsplattform Teams oder der E-Mail-Service Outlook konnten nicht mehr genutzt werden. Wie abhängig haben sich Unternehmen vom US-Tech-Riesen gemacht?

Was war die Ursache der Störung?

Auslöser für die weltweiten Störungen bei den Diensten des US-Konzerns war laut Unternehmen ein Fehler bei einer Änderung der Netzwerk-Konfiguration in Microsoft-Systemen. Dadurch konnten Dienste nicht mit der Cloud-Infrastruktur und auch nicht untereinander kommunizieren. Nachdem das fehlerhafte Update rückgängig gemacht wurde, kamen die betroffenen Dienste am späten Vormittag (MEZ) nach und nach wieder online. Microsoft selbst gab die Anzahl der von der Unterbrechung betroffenen Benutzer nicht bekannt, aber Daten der Ausfallverfolgungs-Website "Downdetector" zeigten Tausende von Vorfällen auf allen Kontinenten.

Welche Rolle spielt Microsofts Cloud bei den Störungen?

Das Ausmaß von Störungen wird oft dadurch vergrößert, dass die Infrastruktur für den Betrieb von Cloud-Diensten stark bei wenigen großen Anbietern wie Amazon, Microsoft und Google konzentriert ist. So großflächige Störfälle seien aber eher selten, sagt Volker Pfirsching, Partner beim Beratungshaus Arthur D. Little. "Die großen Dienste halten dafür auch viele Backup-Ressourcen vor."

Zu bedenken sei jedoch, dass aufgrund der Verwobenheit von Diensten schnell komplexere Störungen auftreten können, die dann alle Dienste betreffen können, so Pfirsching. So rissen Probleme in Googles Cloud-Service im Herbst 2021 auch den Musikdienst Spotify, die Fotoplattform Snapchat und den Chatdienst Discord mit aus dem Netz. Disney+ und Netflix nutzen etwa die Infrastruktur des Cloud-Anbieters Amazon Web Services (AWS). Und auch auf Microsofts Cloud-Angeboten wie Azure setzen nicht nur die hauseigenen Angebote des Konzerns auf, sondern es greifen auch viele Start-ups und große Unternehmen auf sie zurück. Microsofts Cloud-Plattform Azure hat Unternehmensangaben zufolge etwa knapp 15 Millionen Unternehmenskunden. Störungen dort dürften im Ernstfall das Gros der Unternehmen in Deutschland treffen, vermutet Pfirsching.

Wie groß ist Microsofts Cloud?

Eine Cloud ist eine Art externer Speicher, der auf einem entfernten Server liegt. Dieser Server wird vom Cloud-Anbieter verwaltet und gewartet. Über das Internet kann dabei jederzeit auf die Daten des entfernten Servers auch von unterschiedlichen Geräten zugegriffen werden - darin liegt ein großer Vorteil der Cloud. Auf den lokalen Geräte wird daher auch weniger Speicherplatz benötigt. Auch die einfache Skalierbarkeit ist für viele Unternehmen ein Grund, sich für einen Cloud-Dienst zu entscheiden.

Microsofts Plattform für Cloud Computing, Azure, verfügte 2022 einer Schätzung der Bank of America zufolge über einen Marktanteil von rund 30 Prozent und reiht sich damit auf den zweiten Platz hinter dem Platzhirsch Amazon Web Services (AWS) ein. Dahinter folgt Googles Cloud-Plattform Trotz der jüngst angekündigten Entlassungen von 10.000 Microsoft-Mitarbeitern wegen eingetrübter Geschäftsaussichten, sprudelt das Cloud-Geschäft des Konzerns. Der Umsatz von Azure und anderen Cloud-Diensten des Unternehmens stieg im vergangenen Quartal um 31 Prozent. Es ist das Zugpferd Microsofts geworden, beinahe die Hälfte des gesamten Umsatzes stammt mittlerweile aus diesem Bereich.

Wie viele Unternehmen nutzen die Anwendungen Microsofts weltweit?

Zu den Online-Diensten Microsofts zählen sowohl die Bürokommunikations-Plattform Teams als auch die Office-Produkte wie Word, Excel oder Powerpoint. Die Nutzerzahlen von Teams sind dabei vor allem in der Hochphase der Corona-Pandemie in die Höhe geschossen. Nutzten 2019 noch 20 Millionen Menschen Teams weltweit, waren es ein Jahr später 115 Millionen. Die Nutzung ist aus vielen Büros nicht mehr wegzudenken, 2022 wurde die Kommunikationsplattform jeden Monat weltweit von 270 Millionen Menschen verwendet. Damit liegt Teams auch weit vor der Konkurrenz-Plattform Slack.

Kritik an Microsoft gibt es dabei aus zwei Richtungen. Einerseits wird etwa kritisiert, dass der US-Softwareriese seine Arbeitsplatz-Chat-App Teams auf unfaire Weise in sein Office-Produkt integriert hat. Auch beim Cloud-Geschäft Microsofts gibt es kartellrechtliche Bedenken, die geprüft werden. Der deutsche Softwareanbieter NextCloud, die französische OVHcloud und zwei weitere Unternehmen hatten vergangenes Jahr Beschwerde über die Cloud-Praktiken von Microsoft eingereicht. Dabei geht es vor allem um unfaire Wettbewerbsbedingungen. Das Projekt Gaia X, eine europäische Cloud-Plattform, soll dabei langfristig die Abhängigkeit Europas von den großen US-Cloud-Anbietern verringern.

Wie abhängig sind Unternehmen von Microsoft?

Office-Produkte von Microsoft werden Schätzungen des Marketingunternehmens Enlyft zufolge von mehr als drei Millionen Unternehmen genutzt. Und noch immer dominiert Windows von Microsoft den Markt für Betriebssysteme in Deutschland mit einem Anteil von mehr als drei Viertel. Ahmad-Reza Sadeghi, Professor für Informatik an der TU in Darmstadt, sagt dazu: "Unternehmen sind sehr abhängig von Microsoft-Diensten." Dabei muss unterschieden werden, ob die Anwendungen unabhängig von Microsoft-Servern genutzt werden können oder nicht. Größere Unternehmen nutzten in der Regel firmeninterne Server, seien also prinzipiell abhängig von den Microsoft-Diensten, aber unabhängig von der Microsoft-Cloud.

Wie sicher sind die Dienste und die Infrastruktur dahinter?

Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten. Immer mehr Unternehmen nutzen cloudbasierte Dienste. Das habe mit der Wartung und Gewährung der Sicherheit zu tun, "die einfach zu komplex geworden sind", sagt IT-Experte Sadeghi. Große Unternehmen wie Microsoft hätten unerreichbare Ressourcen, die auch präventiv an der Verbesserung der Sicherheit arbeiteten. So sind weltweit allein 3500 Cybersicherheits-Experten für Microsofts Cloud-Dienst Azure zuständig, die Investitionen in die Sicherheit betragen dem Unternehmen zufolge mehr als eine Milliarde Dollar im Jahr.

Die eigene Handlungsfähigkeit sei typischerweise "extrem limitiert", man müsse sich auf die Problembehebung von Microsoft verlassen, so Pfirsching. Es gebe vielfältige Angriffsmöglichkeiten: die Netzwerk-Infrastruktur, die den Zugriff auf die Cloud-Dienste sicherstellt, aber auch die Benutzerkonten der User. Die Dienste der großen Cloud-Anbieter seien per se ein willkommenes Ziel, aber würden selten wirklich kompromittiert. Grundsätzlich seien die Dienste als sicher einzustufen.