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Tröten statt Zwitschern Mastodon - das bessere Twitter?

Stand: 28.10.2022 16:57 Uhr

Nach dem Kauf Twitters durch Elon Musk wollen viele Nutzerinnen und Nutzer zum kleinen Rivalen Mastodon wechseln. Was steckt dahinter - und wie unterscheidet sich die Plattform von Twitter?

Nach einem langen Hin und Her übernimmt der Tesla- und SpaceX-Chef Elon Musk nun offiziell den amerikanischen Kurznachrichtendienst Twitter. Bereits bei der Ankündigung des Kaufs im Frühjahr haben sich zahlreiche Nutzer von dem sozialen Netzwerk getrennt. Und auch heute sind auf Twitter Abschiedsbekundungen von Nutzern zu lesen. Nicht wenige von ihnen ziehen derzeit weiter in Richtung eines anderen Kurznachrichten-Dienstes: Mastodon. Das Unternehmen, das den Namen eines Urzeit-Tiers - einem Mammut-Verwandten - trägt, gilt als eine Twitter-Alternative. Auf Mastodon wird folglich "getrötet" - und nicht "getweetet" wie bei Twitter, dessen Logo ein kleiner Vogel schmückt.

Was steckt hinter Mastodon - und ist der Dienst wirklich das bessere Twitter? Der Mikroblogging-Dienst wurde schon im Jahr 2016 vom Jenaer Entwickler Eugen Rochko ins Leben gerufen. Die Oberfläche des Netzwerks erinnert dabei zunächst einmal stark an Twitter: So gibt es dort eine Timeline mit Beiträgen von Accounts, denen man folgt, Hashtags und auch Follower. Beiträge in Form von Text, Bild oder Video können dort gepostet, geliked und geteilt werden. Statt Herzchen zum Liken gibt es auf Mastodon Sternchen. Und anstelle von 280 Zeichen, die für einen Tweet möglich sind, können die "Tröts" auf Mastodon 500 Zeichen lang sein.

Dezentrales Netzwerk

Doch es gibt auch einige fundamentale Unterschiede. So gibt es nicht nur eine Timeline wie bei Twitter, sondern gleich drei. Auch sieht man in der Zeitleiste nicht sofort, wie viele Likes ein Beitrag erhalten hat. Die Beiträge in den Mastodon-Timelines werden zudem nicht nach einem bestimmten Algorithmus angezeigt, sondern chronologisch entsprechend dem Zeitpunkt der Veröffentlichung.

Warum man sich für Mastodon entscheiden soll? "Weil es dezentralisiert ist", schreibt Plattformbetreiber Mastodon auf Twitter. Es sei eine Open-Source-Plattform, die nicht verkauft werden und insolvent gehen könne.

Im Gegensatz zu Twitter ist das Mastodon-Netzwerk dezentral aufgebaut. Mastodon nutzt unterschiedliche Server, die die Plattform selbst "Instanzen" nennt. Diese werden von unterschiedlichen Organisationen oder Einzelpersonen betrieben. Wer sich auf Mastodon neu anmeldet, muss sich also zunächst für einen dieser Instanzen entscheiden. Diese Art Basis- oder Heimat-Server kann dabei jederzeit wieder gewechselt werden. Die rund 3700 existenten Instanzen, die auch miteinander kommunizieren können, können dabei aber auch als Räume für bestimmte Gruppen gesehen werden: etwa zu bestimmten Themen wie Technologie oder auch als lokale Instanzen für einzelne Bundesländer.

Noch klein im Vergleich zu Twitter

Dementsprechend unterschiedlich fallen auch die drei Timelines auf Mastodon aus: Auf der Heimatzeitleiste sehen Nutzer etwa Beiträge aller Accounts, denen man folgt. In der lokalen Timeline sieht man Beiträge der gleichen Instanz. Und auf der sogenannten föderierten Zeitleiste werden Beiträge von Personen geteilt, mit denen die eigene Instanz verbunden ist.

Mastodon sieht sich dabei als Teil des "Fediverse", ein Netzwerk aus verschiedenen Social-Media-Plattformen. Der Experte für IT-Sicherheit, Mike Kuketz, beschreibt das Fediverse in seinem Blog als "vereinigtes Universum", in dem föderierte, voneinander unabhängige soziale Netzwerke, Mikroblogging-Dienste und Webseiten ein gemeinsames Netzwerk bilden, das die Freiheit der Nutzer in den Vordergrund stellt.

Mastodon zählt inzwischen knapp 5,6 Millionen Accounts: Im Vergleich zu Twitter ist es winzig, zählt der US-Kurznachrichtendienst Twitter weltweit mehr als 390 Millionen Nutzer, auch wenn die Zahl der Nutzer, die Twitter täglich nutzen, im zweiten Quartal 2022 bei rund 238 Millionen lag.

In ein paar Tagen verpufft?

Dass es zu einer dramatischen Abwanderungsbewegung von Twitter weg zu anderen Plattformen komme, wie einige nun annehmen, glaubt Wolfgang Schweiger, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität Hohenheim, nicht. Ein deutliches Zeichen dafür sei, dass viele Nutzer derzeit nicht etwa Twitter ganz verlassen, sondern parallel auf Mastodon und Twitter posten, sagt Schweiger tagesschau.de. "Ich glaube, wir überschätzen die Bedeutung des Inhabers."

Für passive Twitter-Nutzer gebe es wenig Anreiz, das Nutzungsverhalten vollständig zu ändern. Schweiger geht also davon aus, dass der Wirbel um Twitter in ein paar Tagen verpuffe. Das liegt aus seiner Sicht auch daran, dass Musk wohl nicht so viel verändern wird - obwohl noch unklar sei, was der neue Eigentümer genau wolle. In Musks Schreiben an Werbekunden hätte man aber gemerkt, dass er eher eine Laien-Perspektive einnehme.

Solange Elon Musk nichts erratisches mit Twitter mache, könne das auch positiv für die Plattform sein, sagt Schweiger. Twitter werde vermutlich künftig etwas liberaler sein, als "wir es uns wünschen und vorstellen". Die Spatzen würden es schon seit Monaten von den Dächern pfeifen, dass der frühere US-Präsident Donald Trump zu Twitter zurückkehren wird, sagt Schweiger. Ob das dramatische Veränderungen bringe, könne man nicht sagen. Schweiger glaubt aber nicht, dass Twitter nun zu einer scharf rechten Plattform werde. Zudem gebe es regulatorische Vorgaben in unterschiedlichen Märkten.

Die Entlassungen des Twitter-Managements durch Musk könne man zwar als Signal der Veränderung werten, so Schweiger. Letztlich gehe es aber auch ums Geld. Man müsse wissen, dass Twitter bisher kaum rentabel gewesen sei, so Schweiger. Die Kündigungen sieht er eher als Signal von Musk an das Management: Ihr habt es nicht geschafft, in den Gewinnbereich zu kommen wie andere Plattformen. Musk werde auf eine vernünftige Refinanzierung achten müssen. Denn er wolle schon, dass die Werbekunden bleiben und ticke sehr viel unternehmerischer als man vielleicht meine.

Andere Plattformen

Mastodon ist dabei längst nicht die einzige Plattform, die sich als Alternative zu Twitter sieht. Dazu zählt etwa auch das umstrittene US-Mikrobloggingnetzwerk Parler. Der Rapper Kanye West, dem der Sportartikelhersteller Adidas wegen antisemitischer Äußerungen zuletzt die Zusammenarbeit gekündigt hat, wurde diesen Monat auch erneut von Twitter gesperrt. Auf der Plattform Instagram wurde West in der Vergangenheit immer wieder gesperrt. Der Musiker will nun Parler übernehmen, das als konservatives und rechtes Netzwerk gilt. Es gebe eine grundsätzliche Übereinkunft, hieß es vom Unternehmen. Die Übernahme könnte demnach noch in diesem Jahr abgewickelt werden.

Der frühere US-Präsident Donald Trump, dessen Twitter-Account nach dem Sturm auf das Kapitol in Washington Anfang des Jahres gesperrt wurde, hat die Plattform Truth Social gegründet. Seine Rückkehr zu Twitter könnte aber demnächst wieder bevorstehen.

Daneben gibt es aus den USA auch den Kurznachrichtendienst Gab, der wie auch andere Plattformen ein Tier im Logo trägt: Ein grüner Frosch schmückt die App, die 2016 gegründet wurde. Dabei sah sich auch Gab dem Vorwurf ausgesetzt, Rechtsextremen einen Raum zu bieten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. April 2022 um 15:35 Uhr.