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Konjunktur Wie steht es wirklich um die deutsche Wirtschaft?

Stand: 23.06.2023 11:59 Uhr

Deutschlands Wirtschaft schwächelt, Fachleute sprechen zumindest von einer leichten Rezession. Wie schlimm ist die Lage wirklich - und was sind die Aussichten? tagesschau.de hat Top-Ökonomen befragt.

Von Till Bücker, ARD-Finanzredaktion

Das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland ist zwei Quartale in Folge geschrumpft. Fachleute sprechen dann von einer "technischen Rezession". Geht es um die Lage der deutschen Wirtschaft, ist das "R-Wort" derzeit häufig zu lesen. Unter Experten ist die Definition jedoch umstritten. Denn eine Rezession muss nicht gleich ein dramatischer Abschwung sein.

Wie steht es tatsächlich um die Konjunktur hierzulande? Und ist die Wachstumsrate überhaupt die richtige Messgröße, um den Wohlstand beziehungsweise das Wohlergehen einer Gesellschaft abzubilden? Diese Fragen hat tagesschau.de wichtigen deutschen Wirtschaftsexperten gestellt.

"Wohlstand ist nicht nur BIP"

"Das BIP-Wachstum ist nicht das Maß aller Dinge, auch andere Kennziffern sind relevant. Wohlstand ist nicht nur BIP", sagt Achim Wambach, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Um nur einen Indikator für die Messung der Konjunktur zu nutzen, sei die Wirtschaft viel zu komplex. Allerdings seien solche feststehenden Zahlen relevant, um politische Entscheidungen zu treffen, so Wambach.

Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, betont im Gespräch mit tagesschau.de: "Das BIP-Wachstum ist das einzige Maß, auf das man sich verständigen kann, weil es sehr gut messbar ist." Zwar sage es im Endeffekt nicht so viel darüber aus, "wie gut es uns geht", funktioniere aber etwa für Steuerschätzungen sehr gut. "Grundsätzlich ist es aber interessanter, einen ganzheitlichen Blick auf die Entwicklung zu haben", so Schnitzer. Dabei spiele eben nicht nur Wachstum eine Rolle, sondern auch der Zustand der Umwelt oder die Lebenserwartung.

"Neben den reinen Wachstumszahlen müssen wir zum Beispiel auch auf die Beschäftigungs- und Erwerbslosigkeits-Entwicklung schauen", sagt Christoph M. Schmidt, Präsident des RWI - Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen. So gebe es in Deutschland immer noch Millionen Arbeitslose und gleichzeitig zahlreiche offene Stellen. "Das zeigt, dass wir auf ein Problem zulaufen, das in der BIP-Wachstumsrate gar nicht erkennbar ist", so der ehemalige "Wirtschaftsweise". Weitere wichtige Indikatoren sind den Experten zufolge Investitionen, Auftragseingänge- und bestände der Industrie, Produktivität, das staatliche Defizit und die Inflation.

Nicht dramatisch, aber "besorgniserregend"

Wie alarmierend ist dann die sogenannte "technische Rezession"? "Eine technische Rezession ist im Grunde eine Überlegung, die ein Warnsignal geben soll - mit dem Zusatz, dass noch ein wenig mehr passieren muss, bis man wirklich von einer Rezession sprechen kann", erklärt Lars Feld, Professor für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Direktor des Walter Eucken Instituts, gegenüber tagesschau.de.

Auch für Schmidt ist eine technische Rezession "keine besonders aussagekräftige Analyse", die es in der Vergangenheit immer wieder mal gegeben habe. Trotzdem seien die Zahlen besorgniserregend.

"Wirtschaft dümpelt vor sich hin"

Zum Jahresende 2022 sank das BIP in Deutschland um 0,5 Prozent, in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres um 0,3 Prozent. "Was wir im Moment sehen, gibt noch keine volle Rezession her", sagt Feld, der Chefvolkswirt von Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) ist. Dramatisch seien Einbrüche wie in der Corona- oder in der Finanzkrise. Damals war das BIP zeitweise um 4,7 Prozent abgestürzt, während der Pandemie sogar in einem Quartal um 9,5 Prozent.

Eine Entwarnung ist das laut Feld aber nicht: "Es läuft nicht wirklich gut - die Wirtschaft dümpelt so vor sich hin." Im weiteren Verlauf erwarte er eine Stagnation, und es sei noch nicht erkennbar, wo neue Dynamik herkommen soll. "Die Diskussion, ob eine technische Rezession wirklich eine Rezession ist, verschleiert so ein wenig, wie wir wirtschaftlich dastehen", sagt auch ZEW-Präsident Wambach. Finanzmarktexperten, die das Mannheimer Institut monatlich befragt, sprächen von einer besonderen Situation: Die konjunkturelle Lage sei schlecht, gleichzeitig seien die Erwartungen nicht besonders gut.

Privater Konsum dürfte wieder steigen

RWI-Präsident Schmidt ist etwas optimistischer: "Wenn die Inflation zurückgehen sollte und im Herbst eine Erholung einsetzt, werden wir wohl an einer Rezession, die alle Bereiche und damit auch den Arbeitsmarkt erfasst, herumkommen." So erwarte das RWI für dieses Jahr zwar ein Minus beim BIP von 0,3 Prozent. 2024 werde die Wirtschaft aber wieder stärker aufholen - bei einem Wachstum von zwei Prozent.

Ökonom Feld bleibt mit Blick auf das kommende Jahr vorsichtig: "Es gibt immer gewisse Aufholeffekte, wenn man eine Restriktion des Wachstums hat." Mehrere Wirtschaftsforschungsinstitute hatten zuletzt ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr gesenkt. Etwa das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) revidierte seine Frühjahrsprognose auf ein Minus von 0,3 Prozent, sprach allerdings von einem besseren Ausblick, "als es die negative Jahresrate für das Bruttoinlandsprodukt vermuten lässt". So könnte eine steigende Kaufkraft infolge von sinkender Inflation und Lohnzuwächsen den privaten Konsum im Jahresverlauf ankurbeln und damit die Konjunktur stützen.

Unsicherheit bei Firmen

ZEW-Präsident Wambach bezeichnet die aktuelle Debatte über die Konjunktur als "Schattendiskussion". Stattdessen müsse darüber gesprochen werden, "ob und wie uns die Transformation" hin zu einer klimaneutralen Wirtschaft gelingen könne. Diese Frage sorge für viel Unsicherheit bei den Unternehmen. "Wir müssen an diesen Punkten arbeiten und Zuversicht signalisieren", so der Volkswirt.

"Ich mache mir zwar keine Sorgen über die kurze Frist, dafür aber über die mittlere und lange Frist", sagt auch Volkswirt Schmidt. Der ehemalige "Wirtschaftsweise" Feld kritisiert vor allem die bisherige Dauer von Genehmigungsverfahren in Deutschland: "Das basiert auf einer intensiven Regulierung, die gleichzeitig für hohe Kosten sorgt." Damit Unternehmen mehr Zuversicht für die Zukunft haben und nicht ins Ausland abwandern, müssten sie bei Energiepreisen und Steuern entlastet werden.

Die Sachverständigenrats-Vorsitzende Schnitzer verweist auf einen weiteren Faktor, der die Wirtschaft neben dem Fachkräftemangel ausbremsen könnte: "Der große Unsicherheitsfaktor ist die stockende Entwicklung in China". Wenn die chinesische Wirtschaft wieder laufe, könne es auch hierzulande wieder konjunkturell bergauf gehen. Für dieses Jahr rechnet Schnitzer mit einer Stagnation der deutschen Wirtschaft.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete Inforadio am 23. Juni 2023 um 11:4 Uhr.