Eine Hand zählt Geldscheine | dpa

Verbraucherpreise im Euroraum Inflationsrate sinkt auf 10,0 Prozent

Stand: 30.11.2022 12:23 Uhr

Die Inflationsrate in der Eurozone ist im November erstmals seit vielen Monaten gesunken. Das dürfte den Druck auf die EZB etwas mildern. Doch die hohe Kerninflationsrate mahnt zur Vorsicht.

Laut einer ersten Schätzung des Statistikamts Eurostat ist die Inflationsrate in der Eurozone auf 10,0 Prozent gesunken. Noch im Oktober hatte die Teuerung bei 10,6 Prozent gelegen. Volkswirte hatten mit einem Rückgang auf 10,4 Prozent gerechnet.

Gefühlte Inflation liegt höher

Einmal mehr fachten die Energiepreise auch im November die Inflation an - allerdings nicht mehr ganz so stark wie noch in den Vormonaten. Energie verteuerte sich binnen Jahresfrist um 34,9 Prozent nach 41,5 Prozent im Oktober.

"Bedenklicher ist der weitere Anstieg der Nahrungsmittelpreise auf 13,6 Prozent, was vor allem die gefühlte Inflation noch höher erscheinen lässt", betont DWS-Chefvolkswirtin Ulrike Kastens. Der Preisanstieg für Lebensmittel, Alkohol und Tabak hatte im Vormonat noch 13,1 Prozent betragen.

Kerninflation weiter auf Rekordniveau

"Bei aller Erleichterung über die deutlich gefallene November-Inflation sollte man nicht vergessen, dass die Kerninflation ohne die schwankungsanfälligen Preise für Energie, Nahrungs- und Genussmittel auf dem Höchststand von 5,0 Prozent verharrte", gibt jedoch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer zu bedenken.

Das Inflationsproblem des Euroraums sei noch lange nicht gelöst. Dafür sprechen die massiv gestiegenen Inflationserwartungen der Bürger sowie die anziehenden Lohnabschlüsse."

Inflationsrate auch in Deutschland überraschend gesunken

Erst gestern hatte die überraschende Abschwächung der Inflationsrate in Deutschland für etwas Erleichterung gesorgt. Die Verbraucherpreise in der Bundesrepublik waren im November um 10,0 Prozent gestiegen nach 10,4 Prozent im Oktober. Es war der erste Rückgang im Vormonatsvergleich seit Juli gewesen.

Was macht Christine Lagarde?

Die frischen Inflationsdaten aus der Eurozone dürften den Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB), die Zinsen weiter kräftig zu erhöhen, nun etwas mildern. Zwar hatte EZB-Chefin Christine Lagarde erst zu Wochenbeginn eingeräumt, dass es zu viel Unsicherheit gebe, um anzunehmen, dass die Inflationsraten bereits ihren Höhepunkt erreicht hätten.

"Die im November etwas geringere Inflationsrate könnte allerdings all diejenigen EZB-Ratsmitglieder bestätigen, die für eine Zinsanhebung von 'lediglich' 50 Basispunkten plädieren", betont Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank.

EZB von Inflationsziel weit entfernt

Die EZB hinkt, was den Zinserhöhungszyklus anbelangt, weiterhin deutlich der US-Notenbank Fed hinterher. Nach langem Zögern stemmt sie sich erst seit Juli mit kräftigen Zinserhöhungen von zuletzt 0,75 Prozentpunkten gegen die rekordhohe Teuerung.

Der Leitzins im Euroraum, der jahrelang auf einem Rekordtief von null Prozent eingefroren war, liegt mittlerweile bei 2,0 Prozent. Die europäischen Währungshüter werden am 15. Dezember ihre letzte Zinsentscheidung in diesem Jahr bekannt geben. Die EZB strebt eine Inflationsrate von zwei Prozent als Idealwert für die Euro-Zone an. Von diesem Ziel ist sie aktuell sehr weit entfernt.

Ex-EZB-Chef Trichet warnt vor Kontrollverlust

Auch der ehemalige EZB-Präsident Jean-Claude Trichet sieht die anhaltend hohe Inflation im Euroraum mit Sorge. "Ich bin besorgt. Die Inflation muss unbedingt wieder unter Kontrolle gebracht werden", sagte Trichet der Nachrichtenagentur dpa.

"Wir haben in den 1970er Jahren eine Phase erlebt, in der wir die Kontrolle über die Inflation verloren haben. Wir wissen, was es kostet, die Kontrolle über die Inflation zu verlieren. Das müssen wir vermeiden."

Trichet, der von November 2003 bis Oktober 2011 EZB-Präsident war und am 20. Dezember seinen 80. Geburtstag feiert, äußerte sich heute jedoch zuversichtlich, "dass der Euroraum in drei Jahren zu seiner Definition von Preisstabilität zurückkehren wird".