Ein Firmenschild vor dem Sitz von Johnson & Johnson in Irvine, California. | Bildquelle: AFP

Schmerzmittel-Urteil in den USA Harte Strafe für Sucht-Verharmlosung

Stand: 27.08.2019 08:27 Uhr

Ein US-Gericht hat den Schmerzmittelhersteller Johnson & Johnson wegen einer Mitschuld an der Opioidkrise in den USA verurteilt. Das Urteil ist richtungweisend für die Pharmabranche.

Von Martin Ganslmeier, ARD-Studio Washington

Mehr als 40 US-Bundesstaaten klagen derzeit gegen Pharmafirmen. Das erste Gerichtsverfahren eines US-Bundesstaates gegen einen Hersteller von opioidhaltigen Schmerzmitteln fand nun in Oklahoma statt - insofern wurde das Urteil von Richter Thad Balkman am Bezirksgericht in Oklahoma City überall in den USA mit Spannung verfolgt.

Der Konzern Johnson & Johnson und seine ehemalige Pharmatochter Janssen, so Richter Balkman, seien mitschuldig an der grassierenden Opioidkrise in den USA: durch irreführende und aggressive Vermarktung der Schmerztabletten und durch Verharmlosung der Suchtrisiken. Johnson & Johnson habe damit zur öffentlichen Gesundheitskrise in Oklahoma und den USA beigetragen.

"Profitgier auf dem Rücken leidender Menschen"

Mehr als 572 Millionen Dollar Schadenersatz muss Johnson & Johnson dem Bundesstaat zahlen. Viel Geld, aber deutlich weniger als die von der Anklage geforderten 17 Milliarden Dollar, weshalb die Aktien des Konzerns und anderer Pharma-Hersteller nachbörslich anstiegen.

Dennoch äußerte sich der Generalstaatsanwalt von Oklahoma, Mike Hunter, zufrieden über das Urteil: "Wir haben bewiesen, dass Johnson & Johnson seine milliardenschweren Produkte aus Profitgier und auf dem Rücken leidender und unschuldiger Menschen geschaffen hat", sagte er. 

Allein im Bundesstaat Oklahoma sind in den vergangenen 20 Jahren mehr als 6000 Menschen an den Folgen der Opioidabhängigkeit gestorben. In den USA waren es rund 400.000 Menschen. Jeden Tag sterben mehr als 130 Amerikaner an den Folgen ihrer Sucht, die über opioidhaltige Tabletten oft zu Heroin oder Fentanyl führt.

Auch andere Hersteller mussten bereits zahlen

Auch wenn das Bezirksgericht Oklahoma deutlich unter der geforderten Schadenssumme blieb, hat die Begründung des Urteils Signalcharakter: "Gefährdung der öffentlichen Gesundheit". Den Gesundheitsexperten im Sender CNN, Dr. Sanjay Guptah, erinnert dies an die Milliardenstrafen für die Tabakhersteller vor 20 Jahren. "Das ist schon eine große Sache", meint er. "Das wird ähnliche Wirkung auf die gesamte Pharmabranche haben wie damals die Urteile gegen die Tabakhersteller."

Auch deshalb kündigte Johnson & Johnson sofort nach dem Urteil an, in die Berufung zu gehen. Die Anwältin des Konzerns, Sabrina Strong, betonte, ihr Unternehmen habe die Opioidkrise weder in Oklahoma noch sonst wo in den USA verursacht.

Oxycontin, ein opioides Präparat der Firma Purdue Pharma, in der Medikamentendose. (Archivbild August 2018) | Bildquelle: AP
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Aktion gegen die Firma Puerdue Pharma und die Familie Sackler. Aktivisten, die Freunde und Angehörige durch das Medikament Oxycontin verloren haben, haben Medikamentendosen vor die Hauptverwaltung in Stamford gestellt.

Tatsächlich waren andere Medikamentenhersteller stärker am lukrativen Geschäft mit opioidhaltigen Tabletten beteiligt. So zum Beispiel der Konzern Purdue Pharma, dessen Eigentümer die in den USA als Kulturmäzene bekannte Familie Sackler ist. Doch Purdue Pharma einigte sich bereits Ende März mit dem Bundesstaat Oklahoma außergerichtlich auf Zahlung von 270 Millionen Dollar - nicht einmal die Hälfte der Summe, zu der Johnson & Johnson nun verurteilt wurde.

Die Millionen-Entschädigungen will Oklahoma zur Bekämpfung der Opioidkrise sowie für vorbeugende Maßnahmen nutzen. Weitere Gerichtsverfahren beginnen im Oktober in Ohio sowie auf Bundesebene. Insgesamt laufen etwa 2000 Gerichtsverfahren gegen die Hersteller von opioidhaltigen Schmerztabletten.

Opioid-Epidemie in den USA: Ein Urteil mit Signalwirkung
Martin Ganslmeier, ARD Washington
27.08.2019 06:53 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 27. August 2019 um 06:45 Uhr.

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