Zuschauer verfolgen das Konzert von Helge Schneider auf der Berliner Waldbühne (Archivbild) | dpa
Interview

Veranstaltungen in Corona-Zeiten "Wir möchten überleben können"

Stand: 30.11.2020 19:20 Uhr

Die Konzert- und Veranstaltungswirtschaft leidet mit am stärksten unter der Corona-Krise. Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) fordert passgenauere Hilfen von der Politik: Die Lage sei dramatisch.

tagesschau.de: Die Hoffnung auf Lockerungen zum Ende dieses Jahres haben sich zerschlagen. Auch im Dezember wird es keine Veranstaltungen geben. Wie ist die Lage Ihrer Branche?

Jens Michow: Die Veranstaltungsbranche befindet sich seit neun Monaten in einem Total-Lockdown. Eine so lange Zeit ohne Einnahmen und das Fehlen jeder Perspektive für die Zukunft würde wohl fast jeden wirtschaftlich in die Knie zwingen. Dabei haben gerade Veranstalter viel Geld investiert, um alle Voraussetzungen für die Umsetzung aller Hygieneanordnungen überobligatorisch zu gewährleisten. Würden die Länder mit uns über das Machbare reden, würden sie feststellen, dass bei Veranstaltungen weitaus mehr Sicherheit geboten werden kann als zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln oder Kaufhäusern.

Ich möchte das nicht missverstanden wissen: Wir respektieren alle gebotenen Maßnahmen des Infektionsschutzes. Aber es ist auch Aufgabe des Staates, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Und dazu muss Berücksichtigung finden, was wir beim Hygieneschutz bereits geleistet haben.

"Wirklich beachtliche Maßnahmen"

tagesschau.de: Zur  Zeit ist ja die Insolvenzantragspflicht noch ausgesetzt. Wie schlimm steht es um die Unternehmen?

Michow: Nach meiner Einschätzung sind mindestens 50 Prozent der Unternehmen wirtschaftlich nicht mehr überlebensfähig. Irgendwann sind bei jedem die Rücklagen aufgebraucht. In den letzten Wochen und Tagen hat der Staat nun mit der Novemberhilfe und der Überbrückungshilfe III endlich einige unserer Forderungen umgesetzt und bietet uns passgenauere Hilfsprogramme an. Es handelt sich da wirklich um beachtliche Maßnahmen.

tagesschau.de: Reichen denn die Maßnahmen aus?

Michow: Leider fallen auch hier wieder einige Veranstaltungsunternehmen komplett durch das Raster. So sind zum Beispiel Unternehmen mit einem Umsatz von über 500 Millionen Euro nicht antragsberechtigt. Da dazu bei verbundenen Unternehmen alle Umsätze eines Unternehmensverbunds zusammengerechnet werden, betrifft das nahezu alle größeren Veranstaltungsunternehmen. Sie haben in den letzten Jahren Anteile ihrer Unternehmen verkauft, um die ständig wachsenden Risiken des Geschäfts auf breitere Schultern zu stellen.

Zur Person: Jens Michow

Jens Michow gründete 1985 den Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft (bdv) e. V., dessen Präsident und Geschäftsführer er bis zum 31. Dezember 2018 war. Seit der zum 1. Januar 2019 erfolgten Fusion des bdv mit dem VDKD zum Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV) ist Michow geschäftsführender Präsident dieses Verbandes. Der BDKV vertritt die Interessen von über 420 Unternehmen der Veranstaltungsbranche und repräsentiert damit einen Marktumsatz von jährlich rund fünf Milliarden Euro.

Dass diese Unternehmen, die seit Monaten größtenteils höhere sechsstellige Beträge in die Aufrechterhaltung ihrer Betriebsstrukturen investieren, nun leer ausgehen, ist völlig inakzeptabel und führt zu erheblichen Wettbewerbsverzerrungen. Auch die Tatsache, dass im Ausland getätigte Veranstaltungsumsätze nicht berücksichtigt werden, ist für die international aufgestellte Veranstaltungsbranche ein großes Problem. Die Begrenzung der Hilfe für Solo-Selbständige auf lediglich 5000 Euro ist ebenfalls nicht angemessen.

Unter diesen beispielhaft erwähnten Problemen leidet übrigens nicht nur die Konzertveranstaltungsbranche, sondern die gesamte Veranstaltungswirtschaft. Dazu zählen zum Beispiel auch Messe-, Kongress- und Tagungsveranstalter oder auch die Schaustellerbetriebe. Insgesamt handelt es sich hier um den sechstgrößten Wirtschaftszweig dieses Landes mit über 1,3 Millionen Erwerbstätigen.

Rückkehr zur Normalität nicht vor 2022?

tagesschau.de: Was glauben Sie, wann wird es wieder Konzerte "wie früher" geben?

Michow: Mittelfristig wird viel davon abhängen, wie schnell flächendeckend geimpft werden kann. Eine Rückkehr zur Normalität wird allerdings noch von einer Reihe anderer Entwicklungen abhängig sein: Es ist derzeit so gut wie unmöglich, für die zweite Hälfte 2021 noch einen Konzertsaal zu buchen, da alle Termine bereits für Nachhofkonzerte reserviert sind. Und fraglich ist doch auch, wann Künstler aus dem Ausland - zum Beispiel aus den USA - wieder nach Deutschland reisen dürfen. Dann wird der Kampf um Freitermine von international bekannten Künstlern losgehen, natürlich haben die Anfragen für Nachholtermine aus der ganzen Welt. Also "Konzerte wie früher" wird es - abgesehen mal von grundsätzlichen Änderungen - wohl frühestens wieder 2022 geben.

tagesschau.de: Wird die Veranstaltungsbranche dann eine andere sein?

Michow: Ich fürchte ja. Das beginnt bei der Frage, ob es nach der Krise überhaupt noch hinreichend Veranstalter geben wird, um tatsächlich alle Genres und Größenordnungen des Kulturbetriebs zu präsentieren. Um den Mainstream und die Shows mit Weltstars mache ich mir da weniger Sorgen. Aber dass es noch genügend Unternehmen geben wird, die sich auch mit den vergleichsweise schmalen Gewinnmargen bei kleinen Jazz-, Blues- oder Singer/Songwriter-Konzerten arrangieren können, wage ich zu bezweifeln. Wenn es die aber nicht mehr gibt, wird die Vielfalt des Kulturangebots erheblich leiden.

Ein weiteres großes Problem ist jetzt schon voraussehbar: nämlich die Frage, ob es zukünftig noch hinreichend Veranstaltungsdienstleister wie Ton- und Lichttechniker, Bühnenbauer, Produktionsleiter bis hin zu Aufbauhelfern geben wird. Das sind ja alles keine ungelernten Kräfte, sondern Experten in ihrem Fach. Ohne ihre Leistungen funktionieren Veranstaltungen nicht. Wir beobachten aber jetzt schon, dass sie sich beruflich anders orientieren, da sie im Veranstaltungsgeschäft keine Perspektive mehr sehen.

Das Interview führte Ute Spangenberger, SWR.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. November 2020 um 18:40 Uhr.