Gasflamme | picture alliance/dpa

Energieversorgung Ist die Gaskrise schon vorbei?

Stand: 18.01.2023 08:51 Uhr

Kalte Häuser und stillgelegte Fabriken - doch statt solcher Schreckensszenarien gibt es nun deutliche Entspannungssignale am Gasmarkt. Die ökonomische Krise bleibt aber ungelöst.

Von Detlev Landmesser, tagesschau.de

Das klingt schon sehr nach Entwarnung: "Wir sind sehr optimistisch, dass wir in diesem Winter keine Gasmangellage mehr zu befürchten haben", sagte Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller am Dienstag auf dem "Handelsblatt Energiegipfel 2023" in Berlin. Ist damit die Gaskrise, die Deutschland seit dem vergangenen Frühjahr in Atem hält, überwunden?

Tatsächlich entwickeln sich die drei großen "Wenns", die die Bundesnetzagentur als Voraussetzung dafür genannt hat, dass Deutschland ohne Gasmangel über den Winter kommt, alle in die richtige Richtung. Also "wenn" dieses und jenes eintritt, dann klappt es mit der Gasversorgung ...

Einsparungen und milde Temperaturen

Das erste "Wenn" war zugleich der deutlichste Hinweis darauf, wie kritisch die Versorgungslage nach dem Stopp der russischen Lieferungen eingeschätzt wurde: Die Bundesnetzagentur hatte den Deutschen nahegelegt, ganze 20 Prozent ihres gewöhnlichen Gasverbrauchs einzusparen. Im vergangenen Jahr lag der Verbrauch nach Daten der Agentur bereits 14 Prozent unter dem Durchschnitt der vorherigen vier Jahre. Die Industrie sparte 15 Prozent ein, private Haushalte und kleinere und mittlere Unternehmen zwölf Prozent.

Aber auch die bisherigen Sparanstrengungen in diesem Winter stimmten die Expertinnen und Experten insgesamt zufrieden. Temperaturbereinigt habe der Verbrauch in der 52. und ersten Kalenderwoche 25 Prozent unter dem Referenzwert der Jahre 2018 bis 2021 gelegen, so die Bundesnetzagentur. In der ersten Kalenderwoche wurde unbereinigt sogar 38 Prozent weniger Gas verbraucht. Selbstverständlich spielten dabei die vergleichsweise milden Temperaturen eine entscheidende Rolle, zugleich das zweite große "Wenn" der Agentur, die stets auf die große Bedeutung des Winterwetters für die Versorgungslage hingewiesen hatte.

Die dritte Voraussetzung, der Beginn der Gaseinspeisung aus den neuen LNG-Terminals noch in diesem Frühjahr, hat sich ebenfalls weitgehend erfüllt. Auch dank beschleunigter Verfahren liegen mehrere Projekte vor ihrem Zeitplan.

"Sicherheit für das gesamte Jahr"

Im Effekt sind die deutschen Gasspeicher für diese Jahreszeit so gut gefüllt wie nie zuvor, was einen Gasmangel noch in diesem Winter praktisch ausschließt. Selbst wenn sämtliche Importe plötzlich ausfielen, könnte das gespeicherte Gas den Bedarf von etwa drei Monaten decken. "Die Gasspeicherstände liegen aktuell bei sehr hohen 90 Prozent in Deutschland und 81 Prozent in der EU und werden voraussichtlich auf Rekordständen für diese Jahreszeit bleiben", erläutert Andreas Schröder vom Energie-Analysehaus ICIS. "Das gibt dem Markt Sicherheit für das gesamte Jahr 2023."

Das Szenario einer Mangellage und Rationierung von Gasmengen ist also vom Tisch. Die ungewöhnlich komfortablen Speicherstände und das zunehmende Ersetzen der ausgefallenen russischen Gaslieferungen stimmen Energieexperten auch zuversichtlich, dass im Jahresverlauf auch die Vorsorge für den nächsten Winter gelingt. Die wichtigsten Gaslieferanten sind nun Norwegen, Belgien und die Niederlande, dazu kommen zunehmend LNG-Lieferungen aus Übersee. "Mittlerweile haben auch Deutschlands Nachbarländer weitere Flüssiggas-Kapazitäten aufgebaut, die mögliche Lieferengpässe lindern können", so Energie-Analyst Schröder.

Kostenproblem bleibt

Während das physische Angebot also weitestgehend gesichert ist, bleibt die ökonomische Seite der Krise ungelöst. Das Ersetzen des billigen russischen Gases verursacht Industrie und Verbrauchern erhebliche Mehrkosten, die auch langfristig nicht einfach verschwinden werden.

Das gilt auch trotz der deutlichen Entspannung auf dem Gasmarkt. Aktuell werden für den richtungsweisenden Terminkontrakt TTF an der Energiebörse in den Niederlanden zur Lieferung im Februar nur noch knapp 57 Euro pro Megawattstunde bezahlt. Zur Hochphase der Energiekrise im Sommer war die Notierung bis auf mehr als 340 Euro gestiegen.

Großhandelspreise bleiben hoch

Allerdings sind die Großhandelspreise im historischen Vergleich immer noch sehr hoch. Zwischen Januar 2016 und Frühjahr 2021 notierte der TTF-Preis zwischen rund fünf und 25 Euro je Megawattstunde. Auch heute müssen Gasversorger neue Mengen also noch zu einem Vielfachen des Vorkrisenpreises beschaffen, was sich unweigerlich in den Gasrechnungen niederschlägt. Wegen der langfristigen Natur der meisten Lieferverträge kommen die Preisspitzen nur scheibchenweise und mit mehrmonatiger Verzögerung bei den Endkunden an.

Auch wenn der Staat mit Gas- und Strompreisbremsen einen Teil der Last schultert, müssen sich die Endverbraucher auf langfristig hohe Energiekosten einstellen. Und die Politik steht vor umso größeren Herausforderungen, weil sie zusätzlich noch die Energiewende meistern will, bei der nicht nur zahlreiche Angebots-, sondern auch infrastrukturelle Probleme zu lösen sind. Die Gaskrise darf also in physischem Sinne als überwunden gelten - ökonomisch betrachtet ist sie es noch lange nicht.