Schild in einen Markt in El Salvador weist auf die Akzeptanz von Bitcoin-Zahlungen hin | AFP

El Salvador Im Bitcoin-Fieber in den Staatsbankrott?

Stand: 29.05.2022 14:41 Uhr

In El Salvador ist der Bitcoin ein gesetzliches Zahlungsmittel. Präsident Bukele sieht den jüngsten Wertverfall der Kryptowährung als Chance zum Schnäppchenkauf. Das ist riskant - denn dem Land droht der Staatsbankrott.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Vor dem Stand von Alexander hat sich eine kleine Schlange gebildet. Er verkauft Wassereis am Strand von El Zonte. Auf seinem T-Shirt prangt das Bitcoin-Zeichen. "Für mich ist der Bitcoin eine Chance. Wer hier mit Bitcoin bezahlen will, kann das machen, aber ich nehme auch Dollar, das ist auch kein Problem", sagt er. Es ist mittlerweile früher Nachmittag. Seit einigen Stunden verkauft er bereits sein Wassereis. Bislang hat jedoch nur ein Kunde mit Bitcoin bezahlt. Für eine Mutter mit ihren drei Kindern ist das keine Option. "Ich kenne kaum jemanden, der damit bezahlt. Die meisten zahlen hier mit Dollar. Es sind dann schon eher Touristen, aber auch nicht alle", sagt die 35-Jährige.

Anne Demmer

Als Zahlungsmittel 2021 eingeführt

Am Strand von El Zonte kann man seit 2019 bereits mit der Kryptowährung bezahlen. Das Dorf gilt als Vorreiter für Nayib Bukeles Traum von Bitcoin-Paradies. Im September vorigen Jahres hatte der salvadorianische Präsident den Bitcoin zum legalen Zahlungsmittel erklärt. Er wirbt für die Kryptowährung - ein Zahlungsmittel, für das kein Bankkonto nötig ist, über das 70 Prozent der Salvadorianer nicht verfügen, und mit dem keine Gebühren für die Rücküberweisungen der Familien aus dem Ausland anfallen sollen.

Von der internationalen Bitcoin-Gemeinde wird er dafür bejubelt. Auf Twitter brüstet er sich mit einem goldenen Miniatur-Modell der geplanten Bitcoin-City, die für Investoren und Gründer gebaut werden soll. Das Image des Landes hat sich verbessert, der Tourismus sei um 30 Prozent gestiegen, führt die Tourismusbehörde ab.

Werbung fürs Spekulieren mit Bitcoin

Der Präsident animiert dazu, mit dem Bitcoin zu spekulieren. Er macht es vor mit öffentlichen Geldern - und das, obwohl das Land bereits hochverschuldet ist. Der Wirtschaftswissenschaftler vom mittelamerikanischen Thinktank ICEFI Ricardo Castaneda betrachtet diese Entwicklung mit Sorge.

In einem Monat hat der Bitcoin ein Drittel seines Wertes eingebüßt. In einem Land, das unter der Gang-Gewalt leidet, sich deswegen bereits seit Wochen im Ausnahmezustand befindet und in dem eine Mehrheit in Armut lebt, bedeuten die Kursschwankungen ein großes Risiko. "Die Hälfte der Bevölkerung hatte im vorigen Jahr nicht jeden Tag genug zu essen oder manchmal sogar gar nichts."

IWF drängt El Salvador zur Bitcoin-Kehrtwende

Zuletzt hatte der Internationale Währungsfonds El Salvador dazu aufgefordert, Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel wieder abzuschaffen. Das sei eine der Bedingungen, um einen gewünschten Kredit in Höhe von rund 1,3 Milliarden US-Dollar zu gewähren.

Die Ratingagentur Moody's warnte kürzlich vor der Möglichkeit eines Zahlungsausfalls bei den Schulden El Salvadors, die das Land bereits im nächsten Jahr zurückzahlen muss. Das mittelamerikanische Land steuere auf den Bankrott zu, sagen Experten. Der Wirtschaftswissenschaftler Castaneda gibt zu bedenken: "Bereits im Januar nächsten Jahres läuft die Frist für 800 Millionen Dollar Eurobonds aus, die das Land auf einmal zurückzahlen muss. Im Moment verfügt das Land nicht über diese Summe. Wir werden sehen, ob die Regierung es noch auftreiben wird." Verspekuliert sich Bukele, wird die Bevölkerung den Preis dafür bezahlen müssen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 25. Mai 2022 um 05:45 Uhr.