Dampf steigt aus den Kühltürmen des Kohlekraftwerkes von Xining in China auf. (Archiv: 18.01.2006) | picture alliance / dpa

Wegen Strommangel China kommt der Kohleindustrie entgegen

Stand: 13.10.2021 16:52 Uhr

China will den Markt für Kohlestrom weiter liberalisieren - um so gegen die Stromknappheit im Land vorzugehen. Verbrauchern und Firmen dürfte das helfen. Aber sind die Klimaziele noch zu halten?

Von Benjamin Eyssel, ARD-Studio Peking

Zwei Jahre hat sich die Nationale Energiekommission Chinas nicht getroffen. Dass sie am Wochenende zusammengekommen ist, zeigt, wie ernst die Lage ist. Wie gestern bekannt wurde, soll der Markt für Kohlestrom in der Volksrepublik liberalisiert werden. "Diese Maßnahmen sind ein weiterer Schritt der Reform des Elektrizität-Marktes", sagte Wan Jinsong vom Komitee für Entwicklung und Reform in einer Pressekonferenz.

Benjamin Eyssel ARD-Studio Peking

Ziel sei es, einen Strompreis zu schaffen, der durch Angebot und Nachfrage steigen und fallen kann. Durch die teilweise Liberalisierung des Kohlestrommarktes will China es für Kraftwerksbetreiber attraktiver machen, Strom zu produzieren. Derzeit sind die Strompreise in der Volksrepublik stark reguliert. Weil in China zurzeit wenig Kohle auf dem Markt ist und die Preise für den Brennstoff extrem hoch sind, lohnt es sich für viele Kraftwerksbetreiber nicht, Strom zu erzeugen.

Fabriken müssen Produktion stoppen

In zahlreichen chinesischen Landesteilen wird deshalb seit Wochen immer wieder zeitweise der Strom abgestellt - für Privathaushalte und in Industriegebieten. Ein weiterer Grund für die Abschaltungen ist offenbar, dass lokale Regierungen Klima- und Umweltvorgaben der Zentralregierung erfüllen wollen.

Der Wirtschaft in China bereitet die Stromknappheit große Schwierigkeiten. In Fabriken muss häufig mit nur wenigen Stunden Vorwarnung der komplette Betrieb heruntergefahren werden. Auch ausländischen Unternehmen macht das zunehmend zu schaffen.

Nach Einschätzung von Jörg Wuttke, Präsident der Europäischen Handelskammer in China, werden die Probleme noch mehrere Monate anhalten - und sich im Winter sogar noch verschärfen. Hintergrund sind die vielen kohlebetriebenen Fernwärme-Kraftwerke in Nordchina, die in den kommenden Wochen nach und nach hochgefahren werden.

"Einige werden hinten runterfallen"

"Das richtige Rätselraten geht eigentlich erst am Freitag los", sagt Wuttke. "Am 15. Oktober wird in Nordost-China planmäßig die Fernwärme angestellt und dann geht es wirklich zur Sache. Dann müssen wir sehen, inwieweit sie Firmen vom Strom abschließen. Denn ganz klar hat man sich um die Bewohner zu kümmern, um Schulen und öffentliche Gebäude. Da werden einige von uns hinten runterfallen."

Die Liberalisierung des Kohlestrommarktes dürfte die Lage für Unternehmen und Verbraucher etwas entspannen. Allerdings zweifeln mache Beobachter daran, dass China seine selbstgesteckten Klimaziele noch halten kann. Auch, weil wahrscheinlich noch mehr neue Kohlekraftwerke gebaut werden sollen als ohnehin schon geplant.

China will bis 2060 klimaneutral sein

Kein Land der Welt stößt mehr CO2 aus als China. Die Staatsführung sagt, dass die Emissionen des klimaschädlichen Treibhausgases noch fast zehn weitere Jahre zunehmen werden. Erst nach 2030 soll er wieder abnehmen und bis 2060 will die Volksrepublik klimaneutral sein.

Die Energieexpertin Yan Qin von der Wirtschafts-Analysefirma Refinitiv in Norwegen sieht das langfristige Ziel allerdings nicht in Gefahr. "Weil Energiesicherheit jetzt die Top-Priorität der Regierung ist, könnten die kurzfristigen Klima- und Umweltziele im kommenden halben Jahr etwas angepasst werden", sagt sie. "Wir sehen ja, wie jetzt die Kohleindustrie gefördert wird. Aber kurzfristige Klimaziele und mittel- und langfristige Ziele sind zwei verschiedene Dinge."

Von Chinas Nationalen Energiekommission hieß es dazu nur, man werde sich die Situation genau anschauen und den Zeitplan gegebenenfalls neu berechnen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Oktober 2021 um 13:49 Uhr.