Neubaugebiet mit Blick auf im Bau befindliche Einfamilienhäuser | dpa

Häuslebauer in der Krise Wenn der Traum vom Eigenheim platzt

Stand: 26.11.2022 15:42 Uhr

Höhere Zinsen und stark steigende Preise führen gerade dazu, dass viele Familien Hausbau-Pläne fallen lassen müssen. Kommunen werden ihre Bauplätze nicht los. Ein Beispiel aus Baden Württemberg.

Von Martin Rottach, SWR

Traurig blättert Stefan Gödecke die Seiten um. Der Ordner ist so dick wie seine Träume einst groß waren, gefüllt mit Bildern, Plänen und Zeichnungen. Sie zeigen das Haus, das sich der 38-Jährige gewünscht hatte. Für sich und seine Familie. Doch der Traum vom Haus ist begraben. Er liegt nun ganz unten im Regal im Wohnzimmer der Familie.

Den Ordner aus dem Regal zu holen, schmerzt Gödecke. Es führt ihm jedes Mal aufs Neue vor Augen, dass sie sich das Haus nicht mehr leisten können. Trotz zweier Gehälter, trotz vieler Arbeit und trotz der Bereitschaft, viel für diesen Traum zu opfern.

Die Familie Gödecke wohnt in Gammelshausen in Baden Württemberg. Hier fühlen sie sich wohl, sagt Stefan Gödecke. Mit dem zweiten Kind sei ihre 88 Quadratmeter große Wohnung allerdings zu klein geworden. Als klar war, dass nebenan auf grüner Wiese, mit Blick auf die benachbarte, schwäbische Alb ein Neubaugebiet entstehen soll, stand der Entschluss für die Familie fest: Sie wollen dort bauen.

"Das funktioniert einfach nicht"

Die Gemeinde Gammelshausen hat im Neubaugebiet 19 Bauplätze ausgewiesen. Im ersten Bewerbungsverfahren sprudelten die Bewerbungen. Mehr als 100 waren es insgesamt. Die Gödeckes landeten auf der Nachrückerliste. Für sie begann nun eine Zeit des Bangens und Hoffens.

Der Ukraine-Krieg trieb in der Folge die Preise, Zinsen und Baukosten stiegen. Als die Gödeckes oben auf der Liste angekommen waren und sie endlich einen Bauplatz kaufen konnten, war der einst üppige finanzielle Puffer überschritten. "Am Ende muss man sagen, das funktioniert einfach nicht. Das ist zu viel Belastung für uns als vierköpfige Familie", sagt Gödecke heute.

Absagen sorgen für Herzklopfen

Nicht nur die Gödeckes hatten schlaflose Nächte wegen des Neubaugebiets in Gammelshausen. Bürgermeister Daniel Kohl spricht offen über seine Sorgen: "Wir hatten schon Notartermine vereinbart, und zwei Tage vorher kam der Anruf, wir kriegen es finanziell nicht hin." Mit 1,5 Millionen Euro ist die kleine Gemeinde für die Erschließung des Baugebiets in Vorkasse getreten. Viel Geld für einen Ort wie Gammelshausen mit gerade einmal 1500 Einwohnern, kaum Gewerbe und deshalb auch wenig Budget. Von den 19 Bauplätzen hat der Bürgermeister gerade einmal vier verkauft.

Täglich telefoniert er nun Interessenten der ehemaligen Bewerberliste ab - bisher ohne Erfolg. Von seinen Amtskollegen aus anderen Gemeinden hört Kohl, dass sie ähnliche Probleme wie er haben. "Das ist landauf, landab eine Thematik, die wir als Bürgermeister bisher noch nicht gekannt haben." Die finanzielle Sorge um die Gemeindekasse ist das eine - die Sorge des Bürgermeisters um die Situation der Gemeindemitglieder ist das andere. "Wenn man merkt, dass der Lebenstraum für eine zwei-, drei- oder vierköpfige Familie platzt, das nimmt einen auch persönlich mit."

Noch volle Auftragsbücher bei der Baufirma

Zwei Bewerber des Gammelshausener Neubaugebiets hatten sich für ein Haus der Firma SchwörerHaus interessiert. Jetzt sind es zwei potenzielle Aufträge weniger für den Fertighausproduzenten. Mit mehr als 40.000 gebauten Häusern und 1800 Mitarbeitern ist SchwörerHaus eine der größten Fertighausfirmen in Deutschland. Gammelshausen beschreibt einen Trend, bestätigt Johannes Schwörer. Er ist Geschäftsführer von SchwörerHaus. "Die, die gerade in der Fragestellung sind, will ich kaufen oder bauen, die sind eher zurückhaltend." Grund seien die Zinsentwicklung bei den Baukrediten, steigende Bauplatzkosten und Kostensprünge bei den Baumaterialien.

Noch ist das Auftragsbuch der Firma SchwörerHaus gut gefüllt, sagt Schwörer. Bis 2024 seien sie ausgebucht. Aber spätestens Mitte nächsten Jahres sollte sich die Nachfrageschraube wieder nach oben drehen, um auch langfristig Sicherheit zu haben. Er mahnt die Politik, die Bauwirtschaft jetzt nicht ausbluten zu lassen. Einerseits möchte man mehr Wohnraum, um gegen hohe Immobilien und Mietpreise vorzugehen, andererseits werden Förderungen nicht verlängert und laufen aus.

Trotz negativer Zahlen schaut er allerdings optimistisch in die Zukunft. "Ich glaube, es wird nicht so schlimm, wie es gerade befürchtet wird." Vor allem die vollen Auftragsbücher beruhigen ihn. Außerdem werde der Ukraine-Krieg irgendwann aufhören, so der Geschäftsführer, und dann werde sich auch die wirtschaftliche Situation wieder verbessern. Auch für die Bauwirtschaft.

Baugenehmigungen gehen deutschlandweit zurück

Stefan Gödecke, Daniel Kohl und Johannes Schwörer sind mit ihren Sorgen nicht allein. Das bestätigt auch das Statistische Bundesamt. Es hat die Baugenehmigungen von Januar bis September 2022 ausgewertet. Alleine im September waren es 9,1 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. Im gesamten Zeitraum Januar bis September war es ein Minus von  3,7 Prozent.

Für Gödecke und seine Familie ist das Thema Hausbau erstmal vom Tisch. Seitdem schlafe er auch wieder ruhiger, sagt er und schlägt den Ordner mit den Bauunterlagen zu. Sie wollen jetzt ihre Wohnung umräumen, um das Beste aus dem beengten Zuhause herauszuholen. Und wer weiß? Vielleicht holen sie den Ordner ja irgendwann wieder aus dem Regal hervor und setzen den Traum doch noch in die Tat um - wenn die Zinsen und die Preise wieder sinken.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 24. November 2022 um 21:45 Uhr.