Ein Pfleger geht in einem Krankenhaus mit einem Patienten über einen Flur.
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Arbeitszeitmodell "Flexpool" "Ich gebe vor, wann ich arbeite"

Stand: 12.12.2023 08:18 Uhr

Angesichts des Fachkräftemangels müssen sich Arbeitgeber für neue Arbeitszeitmodelle öffnen, um Mitarbeiter zu halten und zu gewinnen. In Krankenhäusern werden zum Beispiel flexible Dienstzeiten angeboten.

Die Rückkehr in den Beruf ist für Claudia Schmidt alles andere als ein Selbstläufer gewesen. Nach fünf Jahren Elternzeit und mit zwei kleinen Kindern war eine Arbeit in ihrem bisherigen Schichtmodell für die Kinderkrankenpflegerin nicht möglich. Dass der Wiedereinstieg dann doch gut geklappt hat, hängt mit dem flexiblen Arbeitszeitmodell ihrer Klinik zusammen.

Mehr Arbeitsstunden durch flexible Arbeit

Seit etwa zwei Jahren arbeitet Claudia Schmidt im "Flexpool" der DRK-Kinderklinik Siegen und wird in verschiedenen Bereichen des Hauses eingesetzt. "Ich gebe vor, wann ich arbeite", sagt sie.

Etwa sechs Wochen im Voraus gibt sie ihre Verfügbarkeiten an. In ihrem Fall sind das zwei feste Tage in der Woche, an denen sie von 8 bis 15 Uhr in die Klinik kommt. Ihr Frühdienst startet sie also später als üblich, während ihre Kinder schon in Kita und Schule sind. Hinzu kommen zwei Wochenenden im Monat. So kommt Claudia Schmidt insgesamt auf eine halbe Stelle. "Ohne den 'Flexpool' würde ich weniger oder vielleicht auch gar nicht in meinem Beruf arbeiten", sagt sie.

Die Pflegerin Claudia Schmidt beugt sich über ein Kinderbettchen.

"Ich gebe vor, wann ich arbeite": Der "Flexpool" hat Pflegerin Claudia Schmidt (l.) den Wiedereinstieg in den Beruf erleichtert.

Arbeitgeber profitiert von Flexibilität

Das Modell in der Siegener Klinik richtet sich nicht nur an Mütter und Väter, die aus der Elternzeit kommen, sondern grundsätzlich an alle Mitarbeitenden, deren Lebensumstände flexible Arbeitszeiten erfordern.

Das hat auch für den Arbeitgeber Vorteile. Die Mitarbeiterinnen im "Flexpool" - tatsächlich sind es derzeit nur Frauen - können flexibel in verschiedenen Bereichen der Kinderklinik eingesetzt werden, wo der Bedarf gerade am größten ist. "Die Idee dahinter war zunächst, kurzfristige Krankheitsausfälle gut abdecken zu können", sagt Corinna Lemberg, kommissarische Pflegedirektorin der Klinik, die den "Flexpool" mitgegründet hat.

Die Mitarbeiterinnen entscheiden also zwar, wann sie arbeiten wollen, aber nicht unbedingt, in welchem Bereich. Dadurch kann der Arbeitgeber kurzfristig Lücken im Dienstplan füllen.

Wechselnde Kollegen und Bereiche

Für Claudia Schmidt bedeutet das, dass sie sich auf regelmäßig wechselnde Kollegen und Bereiche einstellen muss. Das sei zwar eine Herausforderung, sie fühlt sich dabei aber gut unterstützt. "Man wird sehr wohlwollend aufgenommen, weil die Kollegen uns als Bereicherung und Unterstützung sehen", sagt die Kinderkrankenpflegerin.

Vor der Geburt ihrer Kinder hat sie in der Neurologie gearbeitet, inzwischen springt sie unter anderem zwischen Chirurgie, allgemeiner Kinderstation und Frühchenstation hin und her. Nur auf der Intensivstation wird sie nicht eingesetzt, weil dafür eine spezielle Qualifikation notwendig ist.

Ganz nach Wunsch werden die Dienste allerdings nicht vergeben. "Irgendwie müssen wir den Dienstplan geschrieben bekommen", sagt Pflegedirektorin Lemberg. Wer im "Flexpool" ist, muss daher unter anderem an mindestens einem Wochenende im Monat und an einem großen Feiertag pro Jahr arbeiten.

"Etwas extrem Zukunftsträchtiges"

Trotz dieser Einschränkungen bewertet Enzo Weber, Arbeitsmarktforscher am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, das Arbeitszeitmodell der Siegener Klinik positiv. "Selbstbestimmung in der Arbeitszeit ist etwas extrem Zukunftsträchtiges", sagt Weber. "Unsere Studien zeigen: Wenn man als Arbeitnehmer die Dinge selbst in der Hand hat, steigen Zufriedenheit und Motivation."

Aus Sicht des Arbeitsmarktforschers müssen sich die Arbeitgeber den neuen gesellschaftlichen Realitäten anpassen: "Alleinverdiener-Haushalte gibt es kaum noch, in der Regel arbeiten beide Partner", sagt Weber. Je nach Lebensphase werde deshalb eine andere Flexibilität gebraucht.

"Musste mich im Haus ein bisschen durchsetzen"

Dass manche Arbeitgeber etwas Zeit brauchen, um sich neuen Ideen zu öffnen, hat Corinna Lemberg selbst erlebt, als sie das flexible Arbeitszeitmodell in ihrer Klinik einführen wollte. "Den Gedanken hatte ich schon sehr lange, am Anfang musste ich mich im Haus aber ein bisschen durchsetzen", sagt sie. Seit Anfang 2020 gibt es den "Flexpool" nun in der Siegener Kinderklinik.

Genaue Zahlen dazu, wie verbreitet solche Arbeitszeitmodelle bundesweit sind, liegen der Deutschen Krankenhausgesellschaft nicht vor, der Trend scheint aber klar. "Generell wissen wir, auch ohne feste Daten, dass immer mehr Krankenhäuser auf Springerpools setzen", teilt die Krankenhausgesellschaft auf Anfrage mit.

Dieses Thema im Programm: Über dieses Thema berichtete HR Info "Aktuell" am 30. Juni 2023 ab 06:00 Uhr.