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Grenzwerte für Luftverschmutzung WHO verschärft Empfehlungen massiv

Stand: 22.09.2021 15:37 Uhr

Die WHO empfiehlt in neuen Leitlinien, Schadstoffe in der Luft stark zu reduzieren: Auch in niedriger Konzentration seien sie gesundheitsgefährdend. In Deutschland sind vor allem die Feinstaub- und Stickoxidwerte zu hoch.

Von Christian Baars, NDR

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat nach mehr als 15 Jahren neue Leitlinien zur Luftqualität veröffentlicht. Sie enthalten Empfehlungen für neue Richtwerte bei verschiedenen Schadstoffen. Vor allem die Belastungen mit Feinstaub und Stickstoffdioxid (NO2) müssten demnach deutlich gesenkt werden.

Christian Baars

Der nun von der WHO empfohlene Wert für Stickstoffdioxid liegt bei zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. In den alten Leitlinien von 2005 waren es noch 40 Mikrogramm. So hoch ist bislang auch der rechtlich bindende Grenzwert, den die EU vorschreibt.

Empfehlungen für Feinstaub ebenfalls verschärft

Beim Feinstaub sollte laut der WHO die Langzeitbelastung mit kleinen Partikeln (PM2,5) bei höchstens fünf statt bisher zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft liegen. Bei den etwas größeren Partikeln (PM10) empfiehlt sie nun 15 statt bisher 20 Mikrogramm. Auch hier liegen die aktuellen EU-Grenzwerte deutlich darüber: nämlich bei 25 Mikrogramm für PM2,5 und 40 Mikrogramm für PM10. 

Neue WHO Leitlinien (Jahresmittel-Werte)
Luftschadstoff WHO 2005 WHO 2021 EU-Grenzwert
Stickstoffdioxid 40 µg/m³ 10 µg/m³ 40 µg/m³
PM2,5 10 µg/m³ 5 µg/m³ 25 µg/m³
PM10 20 µg/m³ 15 µg/m³ 40 µg/m³

Als Feinstaub bezeichnet man Partikel mit einem aerodynamischen Durchmesser von weniger als zehn Mikrometer (µm) (PM10). Besonders kleine Partikel mit einem aerodynamischen Durchmesser von weniger als 2,5 µm (⁠PM2,5) stellen ein erhöhtes Risiko dar, weil sie tiefer in die Atemwege eindringen können.

Gesetzgeber hat das letzte Wort

Die WHO-Leitlinien enthalten auch Luftqualitätswerte für weitere Schadstoffe - Ozon, Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid. Allerdings sind die Leitlinien lediglich Empfehlungen. Rechtlich verbindliche Grenzwerte müssen jeweils die Gesetzgeber festlegen. Die EU will bis zum Herbst 2022 über mögliche Veränderungen der bisherigen Vorschriften beraten. Das EU-Parlament hat bereits im März dieses Jahres gefordert, dass die zuständige EU-Kommission sich an den neuen WHO-Richtwerten orientieren solle. 

"Die neuen Luftgüteleitlinien der WHO sind ein evidenzbasiertes und praktisches Instrument zur Verbesserung der Qualität der Luft, von der alles Leben abhängt", erklärte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus. Er forderte alle Länder "nachdrücklich auf, davon Gebrauch zu machen, um das Leid zu verringern und Leben zu retten".

Umwelthilfe verlangt Konsequenzen

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH), die seit Jahren für schärfere Grenzwerte kämpft, fordert nun von der Bundesregierung zu handeln. Zum Schutz von Menschen und Umwelt solle sie eine schnelle Absenkung der nationalen Grenzwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid vornehmen und nicht die EU-Gesetzgebung abwarten, sagte der DUH-Geschäftsführer Jürgen Resch dem NDR. Die bisherigen Maßnahmen der Regierung seien "ungenügend". Im Verkehrssektor habe Minister Andreas Scheuer "alle wirksamen Maßnahmen systematisch torpediert". Und auch im Wirtschaftsministerium habe bislang eine Blockadehaltung geherrscht.

Jürgen Resch, der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (Archivbild) | dpa

DUH-Geschäftsführer Resch fordert weitreichende Konsequenzen aus den WHO-Empfehlungen. Bild: dpa

Die politisch brisanteste Verschärfung sieht Resch beim Stickstoffdioxid. Die neuen Richtwerte der WHO würden bedeuten: "Wir müssen Stickstoffdioxid soweit es irgend geht aus der Atemluft verschwinden lassen." Nötig sei dafür unter anderem ein Tempolimit auf Autobahnen und Tempo 80 außerorts. Außerdem müsse der motorisierte Individualverkehr in den Städten schnell und deutlich reduziert werden. Im Umgang mit Raffinerien, Industrieanlagen und Tierhaltung forderte Resch ebenfalls ein Umdenken.

Grüne fordern schnelle Umsetzung

Auch die Grünen fordern weitergehende Maßnahmen. "Wir müssen die neuen Erkenntnisse der Weltgesundheitsorganisation zur schädlichen Wirkung von Luftschadstoffen ernst nehmen", sagte die Sprecherin für Umweltpolitik und Umweltgesundheit der Grünen, Bettina Hoffmann, dem NDR. Die neuen Leitlinien müssten konsequent umgesetzt werden. "In Deutschland besteht akuter Handlungsbedarf", so Hoffmann. Denn Luftverschmutzung sei weiterhin das umweltbedingte Gesundheitsrisiko Nummer Eins. Sie fordert, mehr Radwege statt Autobahnen zu bauen, den Kohleausstieg vorzuziehen und Autos mit E-Antrieb statt Dieselmotor einzusetzen.

Werte in Deutschland oft über Empfehlungen

Das Bundesumweltministerium schrieb auf NDR-Anfrage, Deutschland sei auf einem guten Weg, die durch Luftverschmutzung verursachte Krankheitslast weiter zu vermindern. Insbesondere durch die "fortlaufende Flottenerneuerung im Fahrzeugbestand" werde die Stickstoffdioxid-Belastung gemindert, also durch strengere Vorgaben für Diesel-Pkw und mehr E-Autos auf den Straßen.

Tatsächlich sind in Deutschland zwar die Stickstoffdioxid-Werte in den vergangenen Jahren stetig gesunken. Sie liegen aber weiterhin an vielen Orten über den nun aktuellen WHO-Empfehlungen. An mehr als 80 Prozent aller Messstation wurde 2020 der neue Richtwert von zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft für Stickstoffdioxide überschritten, insbesondere an Straßen. An bundesweit allen verkehrsnahen Messstellen in Städten lag der Jahresmittelwert darüber. Hauptquelle für Stickstoffdioxid sind laut dem Umweltbundesamt (UBA) Dieselfahrzeuge.

Das UBA teilte nun mit, es begrüße, dass die WHO ihre Luftqualitätsleitlinien aktualisiert habe. Das Amt werde nun ausführlich prüfen, was die Ergebnisse für Deutschland bedeuten. Die Richtwerte seien vor dem Hintergrund der aktuellen Ausstöße "herausfordernd", sagt Wolfgang Straff vom UBA. Fachlich seien sie aber wegen der hohen gesundheitlichen Relevanz zu begrüßen. Außerdem hätten die meisten Maßnahmen zur Verringerung der Luftverschmutzung auch einen Effekt auf die Reduzierung von Treibhausgasen, würden also beim Klimaschutz helfen.

WHO geht von Millionen Todesfällen aus

Die WHO-Empfehlungen basieren auf Tausenden wissenschaftlichen Studien zu gesundheitlichen Auswirkungen von Schadstoffen. Luftverschmutzung ist global eine der größten Gefahren für die menschliche Gesundheit. Die WHO schätzt, dass sie weltweit sieben Millionen vorzeitige Todesfälle jedes Jahr verursache und darüber hinaus viele weitere Menschen krank mache.

Bei Kindern können die Schadstoffe etwa das Lungenwachstum beeinträchtigen und zu Erkrankungen der Atemwege führen. Bei Erwachsenen kommt es häufig zu Herzkrankheiten und Schlaganfällen. In Europa gibt es etwa 417.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr, schätzt die Europäische Umweltagentur. In Deutschland sind es demnach mehr als 70.000.

Wissenschaftler begrüßen WHO-Empfehlungen

In ersten Reaktionen äußerten sich viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler positiv zu den neuen WHO-Leitlinien. "Ich sehe die große Bedeutung dieser neuen WHO-Leitlinien vor allem darin, dass sie zeigen, dass es keine 'ungefährliche' Luftverschmutzung gibt", sagte Barbara Hoffmann, Pofessorin und Leiterin der Arbeitsgruppe Umweltepidemiologie von der Universität Düsseldorf dem Science Media Center (SMC). Auch ein bisschen Luftverschmutzung sei schlecht für den Körper, wenn sie jeden Tag, Jahr für Jahr eingeatmet werde.

Annette Peters vom Deutschen Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt in München sagte, die WHO-Leitlinien würden ambitionierte Ziele vorgeben und aufzeigen, welche Schritte zur Absenkung sinnvoll sein könnten. Besonderen Handlungsbedarf sieht sie bei den Feinstäuben. Hier seien die Grenzwerte in der EU bislang viel zu hoch.

Grenzwerte auch im Corona-Jahr überschritten

Die Vorgaben der EU-Gesetzgebung für die kleinen Partikel (PM2,5) von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft wurden 2020 von allen Messstationen in Deutschland erfüllt. Allerdings lagen die Werte fast aller Messstationen, mit nur einer Ausnahme, über der neuen WHO-Empfehlung - und das im Corona-Jahr 2020, in dem zwischenzeitlich deutlich weniger Autos unterwegs waren. Auch bei den größeren Feinstaub-Partikeln (PM10) lagen die Jahresmittel an vielen Messstationen über 15 Mikrogramm, die nun die WHO empfiehlt.

Hartmut Herrmann vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung in Leipzig bewertet die WHO-Leitlinien als "lange erwarteten und überraschend großen und wichtigen Schritt in die richtige Richtung". Er habe nicht so starke Reduzierungen der Richtwerte erwartet. "Diese neue Generation von Richtwerten setzt die Messlatte deutlich höher und wird weitere, substanzielle Maßnahmen zur weiteren Verbesserung der Luftqualität erfordern," sagte Herrmann.