Container Terminal Tollerort (CTT) der Hamburg Hafen und Logistik AG (HHLA). | picture alliance / ZB
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Hamburger Hafen "Existenz" von Terminals "gefährdet"?

Stand: 13.12.2022 09:57 Uhr

Das wichtigste Umschlagsunternehmen im Hamburger Hafen beklagt intern eine schwierige Lage beim Containergeschäft. Nach Recherchen von NDR und WDR sind unter anderem offenbar Einsparungen beim Personal geplant.

Von Stefan Buchen, NDR, Manuel Bewarder und Florian Flade, WDR

Nach außen stellt sich die Hamburger Hafen und Logistik AG, kurz HHLA, als erfolgreiches Unternehmen am Puls der Zeit dar, als "Tor zur Zukunft". Eine aktuelle interne Selbstbeschreibung von Hamburgs wichtigstem Hafenunternehmen klingt hingegen ganz anders. Die Präsentation über geplante Einsparungen und Umstrukturierungen, die NDR und WDR vorliegt, zeichnet ein eher düsteres Bild der wirtschaftlichen Lage.

"Unser Marktanteil schrumpft", heißt es in dem Papier vom 24. November. Durch Umschlagsrückgänge und Überkapazitäten drohe "der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit". In einer Videoansprache, die NDR und WDR ebenfalls einsehen konnten, verweist Vorstandsmitglied Jens Hansen auf die Umschlagszuwächse der konkurrierenden Häfen Rotterdam, Antwerpen und Danzig. Er verantwortet das wichtige Containergeschäft.

Einsparungen beim Personal

"Die Existenz" der Terminals in Hamburg sei "gefährdet", wird in dem internen Papier in drastischer Weise gewarnt. Die Wörter "Existenz" und "gefährdet" sind fettgedruckt. Als Ursprung des Übels identifizierte das Unternehmen zu hohe Kosten. Deshalb plant es offenbar drastische Einsparungen, vor allem beim Personal. 1.250.000 Arbeitsstunden könnten laut Präsentation in den Jahren 2023 bis 2025 wegfallen. Das dürfte einigen Hundert Arbeitsplätzen entsprechen. Insgesamt hat die HHLA etwas mehr als 6000 Beschäftigte. Einen detaillierten Fragenkatalog zu der internen Präsentation und dem Video beantwortete die HHLA nicht. Das Unternehmen wollte mit Hinweis auf eine zu kurze Antwortfrist nicht Stellung nehmen.

Die Zukunft des Hamburger Hafens hatte in den vergangenen Monaten für heftigen Streit in der Bundesregierung gesorgt: Während die sechs Fachministerien einen geplanten Einstieg der chinesischen Staatsreederei Cosco bei der Betreibergesellschaft des Terminals Tollerort ablehnten, drückte das Kanzleramt eine Möglichkeit zur Beteiligung durch - auch wenn diese statt 35 Prozent nur noch 24,9 Prozent betragen darf. Über einen Abschluss der Verhandlungen zwischen der HHLA und Cosco ist noch nichts bekannt.

Die HHLA wehrt sich gegen den Vorwurf, das Geschäft würde den Einfluss Chinas in gefährlicher Weise vergrößern. Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) betont zudem immer wieder, wie wirtschaftlich wichtig die enge Kooperation mit Cosco für den Hafen ist: "Es ist für die Sicherheit und Unabhängigkeit Deutschlands von größter Bedeutung, dass der Hamburger Hafen nicht abgehängt wird, dass er im internationalen Wettbewerb bestehen kann und auf Augenhöhe mit anderen leistungsfähig arbeitet", sagte Tschentscher zum Beispiel auf dem SPD-Landesparteitag.

China nutze wirtschaftliche Schwächen

Die interne Unternehmenspräsentation wirft jetzt ein Licht darauf, wie prekär die HHLA die eigene wirtschaftliche Lage einschätzt: "Der Markt wird von wenigen großen Reedereien dominiert", heißt es da. Deren "Verhandlungsmacht" habe sich erhöht. Zu diesen wenigen Großen gehört die chinesische Reederei Cosco. Deren Eigentümer, der chinesische Staat, möchte zur führenden Handelsmacht auf den Weltmeeren werden. In einer vertraulichen Beurteilung beschreibt das Bundeswirtschaftsministerium die Expansionsstrategie der Führung in Peking so: "China nutzt wirtschaftliche Schwächen seiner Kooperationspartner zum eigenen Vorteil aus." 

Gleichzeitig mit den Einsparungen beim Personal soll laut interner Präsentation der HHLA die Leistung gesteigert werden. So soll ein Brückenkran offenbar künftig 30 Container pro Stunde laden oder löschen, was einer Leistungssteigerung um 20 bis 25 Prozent gleichkäme. Die Kosten für die Containerabfertigung sollen um 30 Euro je Box sinken. So sollen jährlich 120 bis 150 Millionen Euro gespart werden mit dem Ziel, den Reedern einen günstigeren Service anbieten zu können. 

Weniger Personal soll also mehr Leistung bringen für einen günstigeren Preis. Das klingt ambitioniert, zumal das Unternehmen in der Präsentation beklagt, dass Personalengpässe in manchen Schichten "zur geringen Verlässlichkeit" gegenüber "unseren Kunden" führen. Deshalb wolle man die Schichten an Wochenenden und bei Spitzenlasten besser organisieren. 

Im vergangenen April, als sich wegen des Schiffsstaus in der Deutschen Bucht Spitzenlasten bei der Containerabfertigung abzeichneten, warb die Geschäftsleitung des Burchardkais, des größten der drei HHLA-Terminals, um Mehrarbeit der Belegschaft. Es ist also noch nicht lange her, dass es in der Personalpolitik faktisch in eine ganz andere Richtung ging als nun in der Präsentation entworfen. 

Automatisierung und Umstrukturierung

Der Hamburger Senat hält 70 Prozent an der HHLA. Die Vorstandsvorsitzende Angela Titzrath ist mit einem Gehalt von mehr als einer Million Euro Spitzenverdienerin bei städtischen Unternehmen. Würden sie und andere Vorstandsmitglieder auf einen Teil ihrer Bezüge verzichten angesichts des Kostensenkungsbedarfs? Auch zu dieser Frage schweigt die HHLA.

Den Spagat zwischen Personalabbau und Kostensenkung auf der einen und Verbesserung der Performance auf der andern Seite will das Hafenunternehmen vor allem mit Automatisierung und Änderungen in der Firmenstruktur schaffen. So sollen etwa vermehrt selbstfahrende Containertransporter, sogenannte AGVs, auf der Kaikante zum Einsatz kommen. Die HHLA soll in ihrem Aufbau zentralisiert werden. Die bislang getrennt organisierten Containerterminals sollen in einer Holding zusammengefasst werden. Die Mitarbeiter sollen künftig je nach Bedarf zwischen den einzelnen Terminals springen. 

An kühnen Technikvisionen mangelte es der HHLA unter der Chefin Titzrath in der jüngeren Vergangenheit nicht. Innerhalb des Hafens könnten Container künftig mit Drohnen umgelagert werden, erklärte das Hafenunternehmen 2019. Die "fliegenden Container" erwiesen sich jedoch schnell als Science Fiction.

Eine tabellarische Gegenüberstellung zwischen dem Soll- und dem Ist-Zustand in der internen Präsentation zeigt, dass die HHLA den eigenen Kostensenkungszielen hinterherhinkt. In einem Schaubild deutet der Terminalbetreiber aber auch ein Szenario an, bei dem 530.000 der eigentlich abzubauenden Arbeitsstunden erhalten bleiben könnten. Etwas vage wird dies mit "Mengenwachstum (erhöhter Personalbedarf)" erklärt.

Dieses Szenario könnte sich auf die geplante Beteiligung der chinesischen Staatsreederei Cosco am Terminal Tollerort beziehen. Cosco hatte für den Fall seiner Beteiligung an dem Containerterminal angekündigt, dass es Hamburg dann zu einem bevorzugten Umschlagplatz in Europa aufwerten, also mehr Ladung in die Hansestadt bringen werde. Hat das offenbar einkalkulierte "Mengenwachstum" beim Umschlag etwas mit dem Einstieg von Cosco zu tun? Auch diese Frage ließ die HHLA unbeantwortet.

Über dieses Thema berichtete das Hamburg Journal am 12. Dezember 2022 um 19:30 Uhr.