Hitze in Berlin | dpa-Bildfunk
Interview

Anpassung an Klimawandel "In vielen Städten sieht es schlecht aus"

Stand: 29.07.2019 11:19 Uhr

Deutschland tue nicht genug für den Klimaschutz, sagt Steffen Bender vom Helmholtz-Zentrum im Gespräch mit tagesschau.de. Bei der Anpassung von Städten und Landwirtschaft an den Klimawandel sehe es aber noch schlechter aus.

tagesschau.de: Angesichts der jüngsten Hitzewellen gibt es wieder Diskussionen um den Klimaschutz, aber auch über einzelne Maßnahmen, um mit der Hitze umzugehen: Da geht es ums Lüften, um ältere Menschen, um hitzefrei in Büros. Wie sieht es aber insgesamt mit der Anpassung an den Klimawandel in Deutschland aus?

Steffen Bender: Das ganz große Problem sind die noch immer getrennten Lager: Die einen schauen ausschließlich auf Klimaschutz, die anderen überwiegend auf Anpassung. Es gibt immer noch große Bedenken, wenn ich Anpassung betreibe. Dann würde ich den Klimaschutz quasi aufgeben, heißt es dann. Das stimmt natürlich nicht. Andersherum hat man in der öffentlichen Debatte oft den Eindruck, dass manche Leute nur auf den Klimaschutz schauen - und an Anpassung an die Folgen des Klimawandels wird kein Gedanke verschwendet. Man muss aber beide Sachen zwingend zusammendenken. Denn für den Klimaschutz wird immer noch relativ wenig getan - aber bei der Anpassung sieht es noch schlechter aus.

Professor Steffen Bender, Climate Service Center Germany (GERICS).
Zur Person

Steffen Bender leitet die Abteilung Klimafolgen und Ökonomie am Climate Service Center Germany (GERICS) des Helmholtz-Zentrums Geesthacht. Er befasst sich vor allem mit Auswirkungen des Klimawandels, der Analyse von Klimawandelfolgen sowie der Beratung von Städten und Kommunen.

tagesschau.de: Was müsste denn beispielsweise in den Großstädten getan werden?

Bender: Es müsste ein Umdenken in fast allen Bereichen stattfinden: Man kann nicht mehr alle Flächen in der Stadt bebauen. Man braucht zum Beispiel große Grün- und Wasserflächen unter anderem zur Kühlung. Man muss beispielsweise so planen und bauen, dass Verschattung eine wichtigere Rolle spielt. So gibt es sehr genaue und umfangreiche Kartierungen, die zeigen, wo Frischluft-Schneisen liegen, die kühlere Luft vom Umland in die Stadt führen. Solche Korridore darf man nicht bebauen, aber das wird immer noch gemacht. Damit stellt man der natürlichen Luft-Zirkulation in der Stadt quasi den Motor ab.

Es ist immer eine Abwägung: Will man eine gesunde Stadt, die auch bei steigender Wärme lebenswert bleibt - oder eine Stadt, die wächst? Bis jetzt ist es so, dass die Großstädte auf Wachstum setzen. Klimaanpassung wird gewissermaßen als Luxus betrachtet, den man sich angesichts des Mangels an Wohnraum nicht leisten will. In der Folge sieht es in allen größeren Städten in Bezug auf ihre Klimawandeltauglichkeit relativ schlecht aus.

tagesschau.de: Aber die Städte wissen doch um das Problem: Es wird doch vielerorts der Klimanotstand ausgerufen.

Bender: Es ist immer einfach, über Klimaschutz und Anpassung zu reden, wenn gerade extreme Ereignisse auftreten. Starkregen oder Hitzewellen merken Betroffene direkt - und dann sagen die verantwortlichen Entscheidungsträger: "Jetzt müssen wir was tun." Da werden dann ein paar Bäume gepflanzt. Aber erstens dauert es, bis sie ausreichend Schatten spenden, zweitens ist Begrünung zur Minderung der Folgen des Klimawandels im Stadtmaßstab etwas ganz anderes. Außerdem haben die meisten Maßnahmen, die geplant und umgesetzt werden müssten, zum Teil einen jahrelangen Vorlauf.

tagesschau.de: Was für Maßnahmen sind das?

Man müsste zum Beispiel darüber nachdenken, ob der Aufbau oder die Geometrien von Stadtquartieren nicht anders gestaltet werden müssten, so dass Gebäude sich gegenseitig verschatten, die Fassaden und Dächer begrünt werden und größere Wasserflächen implementiert werden. Stattdessen beobachten wir bei der überwiegenden Mehrheit der Projekte eine weiter zunehmende Verdichtung, bei der sich anschließend die Hitze in den Straßen staut.

Generell ist die Anpassung komplexer Systeme wie eine Stadt nicht einfach so zu umzusetzen. Genau hier liegt aber das Hauptproblem: Es wird quasi nicht weitergedacht, wie man das Gesamtsystem klimaresilient machen kann. Stattdessen gibt es eine Reihe punktueller Maßnahmen, die am Gesamtproblem in den meisten Fällen nichts ändern.

tagesschau.de: In südlicheren Ländern gibt es bereits seit Jahren vielfach klimatisierte Innenräume. Brauchen wir in Deutschland nicht auch mehr Klimaanlagen?

Bender: Klimaanlagen sind generell eine gute Anpassungsmaßnahme, jedoch nicht aus Sicht des Klimaschutzes. Trotzdem sollte es mehr kühle Räume geben, in denen man sich zumindest zeitweise aufhalten kann. Es wird langfristig eine zentrale Rolle spielen, solche Orte zu schaffen: in Schulen, Altenheimen, Krankenhäusern, aber auch in Büros und an anderen Arbeitsplätzen. Bisher können die Menschen in Deutschland zur Abkühlung das Auto, die Bahn - wenn die Klimaanlagen funktionieren - oder ein Einkaufszentrum aufsuchen. Das wird zukünftig aber nicht ausreichen, wenn man Hitzetote vermeiden will.

Neue Konzepte zur Bewässerung

tagesschau.de: Verlassen wir die Städte und kommen zur Landwirtschaft: Was muss sich da ändern?

Bender: Wenn sich teilweise ganze Klimazonen verändern, wird man auch in unseren Regionen sparsamer und effizienter mit Wasser umgehen müssen. Das Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden. Bisher hatten wir in fast ganz Deutschland immer mehr als genug Wasser, aber man wird sich den neuen Gegebenheiten stellen müssen. In vielen Regionen wird großflächige Spritzbewässerung nicht mehr funktionieren. Es kommt dann zu einer Konkurrenzsituation zwischen der Landwirtschaft, der Trinkwassergewinnung und dem Naturschutz. Wenn die Wassernutzung der Landwirtschaft durch Regularien weiter limitiert wird, wird man sich nach neuen Bewässerungsmethoden umsehen müssen, wie zum Beispiel die Tröpfchenbewässerung, wie sie in Israel oder Südeuropa schon heute praktiziert wird.

Riesige Felder mit pflanzlichen Monokulturen könnten in Zukunft ebenfalls problematisch werden. Aber auch die Pflanzensorten, die angebaut werden, werden sich verändern. Es gibt bereits Beispiele aus dem Alten Land, wo keine Äpfel mehr angebaut werden, sondern Aprikosen. Auch so kann eine Anpassung an den Klimawandel aussehen

tagesschau.de: Tut der Staat denn genügend dafür, um die Infrastruktur im Hinblick auf den Klimawandel anzupassen?

Bender: Aus meiner Sicht fehlt ein umfassendes in die Zukunft gerichtetes Konzept. Zum Beispiel in den Ausbau des Individualverkehrs oder den Flugverkehr ist sehr viel Geld geflossen - aber es gibt andere Mobilitätskonzepte, die aus klimapolitischer Sicht mehr Geld verdient hätten. Gerade, wenn man an die Bahn denkt oder an den öffentlichen Nahverkehr. Da wird man sich umstellen müssen, denn so wie bisher wird es eben nicht mehr weitergehen können.

Das Interview führte Andrej Reisin, NDR

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 26. Juli 2019 um 17:00 Uhr.

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KOMMENTARE

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Al Ternativ 29.07.2019 • 20:42 Uhr

Keine Greta hält den Klimawandel auf

Das sollten die ewigen Demonstrierer begreifen. Daher hat es mich fast verwundert, dass plötzlich in diesem Beitrag von Anpassung die Rede ist. Anpassung an den unaufhaltsamen Klimawandel - das ist zweifellos richtig. D. h. endlich schonender Umgang mit allen Ressourcen, ausgewogener Naturschutz (nicht Wölfe um jeden Preis), schneller Ausbau des Nahverkehrs (Voraussetzung ist aber auch, was gern vergessen wird, man braucht viel mehr qualifizierte Mitarbeiter, die muss man heranbilden), sorgsamer Umgang mit Lebensmitteln (wir brauchen keine Grillmeister, sondern Eltern, die in der Lage sind, ihren Kindern noch zu zeigen, wie mit richtigen Lebensmitteln gekocht und gebacken wird), Schluss mit der Wasservergeudung, wenn private Wiesenflächen ganztägig aus dem Grundwasser gesprengt werden, damit es schick aussieht - man kann eine Menge tun, aber in Deutschland dauert eben alles gaaaanz lange, weil erst die nötigen Gesetze durch den Bundesquatsch beschlossen werden müssen.