Kinder sitzen in der Kita auf einer Bank. | dpa
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Umfrage bei Aufsichtsbehörden Mehr Verdachtsfälle auf Gewalt in Kitas

Stand: 14.12.2022 05:58 Uhr

Gewalt in Kindertagesstätten ist ein Tabuthema. Wie relevant das Thema ist, zeigt eine BR-Umfrage unter Aufsichtsbehörden in Bayern. Fachverbände sehen ein bundesweites Problem aufgrund von Personalmangel und fehlender Professionalität.

Von Claudia Gürkov und Christiane Hawranek, BR

Es geht um Kinder, die nicht - oder nicht ausreichend - beaufsichtigt werden. Um Zwang zu essen, aber auch um Erniedrigen oder körperliche Gewalt. Meldungen zu seelischer und körperlicher Gewalt gegenüber Kindern nehmen zu: Bis Anfang Dezember zählten bayerische Kita-Aufsichten 232 solcher Verdachtsfälle, das sind rund 100 mehr als im vergangenen Jahr. Das geht aus einer BR-Umfrage unter bayerischen Aufsichtsbehörden hervor.

Verstöße gegen die Aufsichtspflicht stechen heraus, sie haben sich mehr als verdoppelt (2021: 24, 2022: 57 Fälle). Auch die Meldungen zu seelischer Gewalt (2021:16, 2022: 32 Fälle) sowie zu körperlicher Gewalt sind angestiegen (2021: 43 Fälle, 2022: 59 Fälle). Diese Zahlen bilden nur einen Teil ab: Denn zehn Kita-Aufsichten geben an, die Meldungen nicht zu zählen.

Alle befragten Behörden melden Personalmangel und ein Großteil sieht darin einen Risikofaktor für Gewalt in Kitas. Insgesamt wurden 76 Kita-Aufsichten angefragt, 59 nahmen an der Umfrage teil.

Verbände: Ein deutschlandweites Problem

Lisa Pfeiffer vom Verband Kita-Fachkräfte Bayern e.V. ist nicht überrascht, dass die Zahl der Verdachtsfälle angestiegen ist. Vor allem Verstöße gegen die Aufsichtspflicht führt sie auf Personalmangel und Unterbesetzung zurück: "Wir erleben es tagtäglich in der Praxis. Das liegt auch an der ständigen Überlastung der Kollegen und an immer mehr Krankmeldungen, die wiederum mehr Stress für das übrige Personal zur Folge haben. Dann kann es zu mehr Grenzverletzungen kommen." Es sei in vielen Einrichtungen ein regelrechter Teufelskreis.

Für Claudia Theobald, Vorsitzende des Kitafachkräfteverbandes Rheinland-Pfalz, ist das kein bayerisches, sondern ein deutschlandweites Problem. Die Lage werde dramatischer. Ähnliche Rückmeldungen gebe es aus allen Kitafachkräfteverbänden in Deutschland. Der Anstieg der Fälle seelischer und körperlicher Gewalt hat für Theobald andere Ursachen: "Da spiegelt sich das Absinken der Professionalität wider: In den Kitas gibt es immer weniger Fachkräfte und mehr Hilfskräfte. Bei weniger Professionalität ist man schnell überfordert."

Registrierte Fälle nur "die Spitze des Eisbergs"

Die nun bekannten Zahlen zu Verdachtsfällen in Bayern bezeichnet die rheinland-pfälzische Verbandschefin Theobald als Spitze des Eisbergs: "Vielen Erzieherinnen ist nicht bewusst, dass man alle Fälle von verletzendem Verhalten melden muss." Diese Einschätzung deckt sich mit den Aussagen von 61 Kita-Mitarbeitenden, die Reporterinnen von BR-Recherche interviewten. Nur zwei der Befragten hatten nach eigenen Angaben noch keine seelische oder körperliche Gewalt gegen Krippen- oder Kindergartenkinder erlebt. Trotzdem meldeten die Interviewpartner nur wenige Fälle. Dem BR liegen entsprechende Mails, Gefährdungsanzeigen und Gedächtnisprotokolle vor.

Gewalt in Kitas - real, aber ein Tabuthema

Bianka Pergande ist Geschäftsführerin der Deutschen Liga für das Kind. Die Wissenschaftlerin hat zu Selbst- und Mitbestimmungsrechten von Kindern in Kitas geforscht und die bundesweite BiKA-Studie koordiniert. Die Forscherinnen untersuchten in 89 Kitas Routinesituationen und filmten diese offen. Die Ergebnisse offenbarten unterschiedliche Formen von Alltagsgewalt. Einige Beispiele: In fast jeder zweiten Kita wurden Kinder beim Mittagessen mit Stühlen so nah an den Tisch geschoben, dass sie nicht allein aufstehen konnten.

Anderen Kindern wurden Teller auf ihre Lätzchen gestellt, damit sie stillsitzen. In jeder fünften Essenssituation erlebten Kinder Beschämungen, das heißt Kinder wurden bloßgestellt oder lächerlich gemacht. Außerdem kam es oft zu grenzüberschreitendem Körperkontakt, darunter fällt zum Beispiel grobes Anpacken am Arm. In fast jeder zweiten Kita war dies fünf Mal der Fall - binnen zehn Minuten.

Kinderrechtlerin: "Anstieg auch ein gutes Zeichen"

In den Umfrageergebnissen des BR sieht Pergande aber auch ein gutes Zeichen. Es werde offenbar mehr gemeldet. Die steigenden Zahlen sprächen für eine zunehmende Sensibilisierung und abnehmende Duldung von Gewalt gegen Kinder. Dass weniger Verdachtsfälle seelischer als körperlicher Gewalt registriert sind, erklärt die Wissenschaftlerin damit, dass körperliche Gewalt eindeutiger sei. Den Anstieg bei Verstößen gegen die Aufsichtspflicht könne man auch als Hilferuf interpretieren, so Pergande.

Die Umfrageergebnisse führt sie auch auf das Kinder- und Jugendstärkungsgesetz zurück, das im Juni 2021 in Kraft getreten ist. Seitdem ist die Erteilung einer Betriebserlaubnis an das Kindeswohl, die Kinderrechte und ein Beschwerdemanagement geknüpft. Außerdem muss jede Kita ein Konzept zum Schutz vor Gewalt haben. In Bayern aber haben nur zwei Kita-Aufsichten in der Umfrage angegeben, dass sie bisher von allen Einrichtungen in ihrem Zuständigkeitsbereich diese sogenannten einrichtungsbezogenen Schutzkonzepte erhalten haben.

Die Wissenschaftlerin Pergande sieht unter anderem Defizite bei der Aus- und Fortbildung: "Eigenes oder beobachtetes Fehlverhalten sowie Gewalt durch pädagogische Fachkräfte sind große Tabuthemen, über die in Kita-Teams nicht gern gesprochen wird." Kinderschutz hänge von der Einrichtungsleitung, von der Fehlerkultur im Team sowie von den formulierten Erwartungen und der Unterstützung durch den Träger ab. Für die Wissenschaftlerin bestehe hier großer Forschungsbedarf.