Mahnwache gegen den Krieg vor dem Generalkonsulat der Russischen Föderation in Frankfurt am Main. | Alex Jakubowski, HR
Reportage

Mahnwache in Frankfurt Mit Lautsprecher gegen den Krieg

Stand: 12.04.2022 18:51 Uhr

In Frankfurt am Main protestieren jeden Tag Menschen vor dem russischen Generalkonsulat gegen den Überfall auf die Ukraine. Meist ohne viele Worte, dafür mit Fahnen, Fotos und der ukrainischen Nationalhymne.

Von Alex Jakubowski, HR

Kurz nach acht Uhr morgens. Für Iryna Wentz beginnt ihr Einsatz an der Mahnwache. Per WhatsApp stimmt sie sich mit rund 20 anderen ab, die regelmäßig Teil des Protests hier sind. Es sollen immer mindestens zwei Personen an der Mahnwache teilnehmen - von morgens acht bis abends acht.

Alex Jakubowski

Seit dem zweiten Kriegstag kommt die 60-Jährige hierher, die seit 2002 in Frankfurt wohnt. Ihre 84-jährige Mutter lebt noch auf der Krim. "Ich war auf der Suche nach einem Ort, um mein Plakat zu zeigen. Ich wusste erst gar nicht, ob ich das darf", sagt sie. "Doch dann kamen noch andere und haben sich mit dazugestellt." Seitdem steht sie hier jeden Tag, immer von 8:30 bis 11:00 Uhr und hält ein Plakat hoch. Heute ist ein mit einem Totenschädel verfremdeter Putin drauf.

Das Generalkonsulat liegt am Oeder Weg, mitten in der Stadt. Eine breite Einbahnstraße, in der es viele Geschäfte gibt. Auf der einen Seite der Straße liegt das Generalkonsulat, auf der gegenüberliegenden Seite stehen die Kriegsgegner. "Wir bleiben immer auf unserer Seite", meint Iryna. Sicher ist sicher. Zum Schutz der Auslandsvertretung sind auch immer zwei Polizisten da. "Aber eigentlich beschützen sie uns", flüstert Iryna.

Beistand aus Litauen, Belarus und Russland

Es kommen nicht nur Menschen aus der Ukraine, erklärt sie. Auch Litauer oder Belarusen, manchmal auch Regimegegner aus Russland. Neben Iryna ist auch Ylia Erdt gekommen, wie jeden Tag. Die junge Ukrainerin kümmert sich um die Musikbox. Anfangs dröhnte die Nationalhymne ununterbrochen aus dem Lautsprecher. Inzwischen läuft auch ukrainische Popmusik. Zwischen 13 und 15 Uhr wird Pause gemacht und der Akku aufgeladen - die Anwohner hatten um eine kleine Ruhepause gebeten.

Vor einem Monat erst ist Ylia aus Kiew geflohen. "Ich war zufällig am Bahnhof und habe mit meinem Bruder telefoniert", sagt sie. "Er meinte, steig ein und fahr." Später ging es für sie mit dem Bus weiter. Inzwischen wohnt sie in Frankfurt bei ihrer Cousine. Ihr Bruder ist weiter in der ukrainischen Hauptstadt und fährt ausländische Journalisten durch Kiew. Natürlich telefonieren sie jeden Tag. Noch geht es ihm gut.

Iryna Wentz hält ein Plakat von Putin hoch. | Alex Jakubowski, HR

Iryna Wentz protestiert seit Wochen gegen den Krieg in der Ukraine. Bild: Alex Jakubowski, HR

"Man muss etwas tun"

Der Boden vor Ylia und Iryna ist mit Kerzen, Blumen, Fotos und Plakaten übersät. Inzwischen sind noch andere Menschen gekommen, um zu protestieren. Annette Reschke etwa hält ein Foto hoch, auf dem ein bombardierter Wohnblock zu sehen ist. Die Frankfurter Lektorin kommt fast täglich, immer vormittags. "Das ist meine Form des Beistands", sagt die Deutsche. Einmal sei eine Frau dagewesen, die die Mitglieder der Mahnwache bedrängt habe. Immer wieder würden Leute kommen und sie beschimpfen. "Man merkt, dass viele Russen die Propaganda Putins verinnerlicht haben", sagt sie.

Auch Peter Klopf will sich beteiligen. Der 61-jährige Designer versucht, eine Stunde täglich hier zu sein. "Irgendetwas muss ich machen", meint er. "Psychische Hygiene vielleicht." Er unterstützt die Gruppe nicht nur mit seiner Anwesenheit, er druckt auch Plakate, sorgt immer wieder für Nachschub. "Durch diesen Krieg ist alles infrage gestellt, woran wir immer geglaubt haben", erzählt er. "Wir sind doch Pazifisten. Aber nun denkt da einer, er könnte mit Armeen und Raketen die Welt verändern. Wir dachten, in Europa seien wir dagegen gefeit. Und jetzt stehen wir hier mit unseren Plakaten in der Hand", meint er achselzuckend.

Peter Klopf und Annette Reschke. | Alex Jakubowski, HR

Bild: Alex Jakubowski, HR

"Hoffentlich ist der Krieg bald vorbei"

Ein Radfahrer fährt an der Mahnwache vorbei. Plötzlich brüllt er: "Mörder, Kriegsverbrecher, Mörder!" Das passiere öfter, meint Iryna. Die Besucher des Generalkonsulats beeindruckt das wenig. Die meisten stehen mit dem Rücken zur Mahnwache in der Schlange vor der Sicherheitskontrolle.

Einmal sei eine junge Frau herausgekommen und habe ihren russischen Pass verbrannt, erzählt Iryna und zeigt eine Videoaufnahme davon. Sonst aber sei eher Aggression zu spüren. "Sie beschimpfen uns, manche machen Fotos", sagt Iryna achselzuckend. Heute bleibt es ruhig. "Manchmal denke ich, ich habe keine Kraft mehr", sagt die Ukrainerin. "Aber ich muss einfach etwas machen und dann komme ich doch wieder hierher."

Inzwischen ist Irynas Ablösung gekommen. Die Frau brüllt den Wartenden vor dem Generalkonsulat zu. "Schämt Euch, russische Männer vergewaltigen Frauen und Kinder". Und während Iryna zu ihr geht, um ihr das Plakat zu übergeben und sich zu verabschieden, sagt sie: "Ich bin eher der ruhige Typ. Aber bei manchen muss es eben raus."

Morgen wird sie wiederkommen. Spätestens um halb neun wird sie wieder stumm protestieren und ein Schild hochhalten, und hoffen, dass der Krieg bald vorbei sein wird.

Über dieses Thema berichtete die hessenschau am 26. Februar 2022 um 19:30 Uhr.