Interview

Eine Hospizmitarbeiterin hält die Hand eines todkranken Menschen, der im Hospiz im Bett liegt. | Bildquelle: dpa

Sterbebegleitung in Corona-Zeiten "Die Menschen sind einsamer gestorben"

Stand: 20.05.2020 04:57 Uhr

Der Weg am Lebensende ist ohnehin der schwerste. Erst recht, wenn man ihn einsam begehen muss. Der Palliativmediziner Matthias Gockel erzählt im tagesschau.de-Interview von seinen Erfahrungen und Wünschen in der Corona-Krise.

tagesschau.de: Was fehlt Ihnen seit der Corona-Krise bei Ihrer Arbeit am meisten?

Matthias Gockel: Der Blickkontakt von Angesicht zu Angesicht. Wenn man Mundschutz trägt, ist das erheblich erschwert. Wenn man seinem Gegenüber nicht ins Gesicht schauen kann, die Mimik nicht sehen kann, dann weiß man nicht genau: Hört der jetzt noch richtig zu? Grinst der gerade oder schaut er betroffen?

Und das ist bei Gesprächen, die mit emotionalen Ausnahmesituationen zu tun haben noch wichtiger. Es ist nun einmal etwas anderes, ob ich jemandem sage, "Sie brauchen eine neue Hüfte" oder "Sie werden bald sterben".

Zwar kann ich die Gesichter der Patienten sehen, weil meist nur ich eine Maske tragen muss. Dennoch wird so ein Gespräch weniger authentisch und weniger gleichberechtigt. Es kommt öfter vor, dass ich den Patienten verliere und gar nicht mehr richtig ankommt, was ich sage.

alt Matthias Gockel | Bildquelle: Claudia Burger

Zur Person

Matthias Gockel ist Palliativmediziner und begleitet Sterbende auf ihrem letzten Weg. Seit 2018 ist er Leitender Oberarzt Palliativmedizin im Vivantes-Klinikum in Friedrichshain in Berlin.

tagesschau.de: Wie hat sich Ihre Arbeit darüber hinaus verändert?

Gockel: Es gab einen positiven Effekt dadurch, dass weniger Patienten gekommen sind, weil alle planbaren Eingriffe verschoben wurden. Das hat etwas Entspannung in den Alltag gebracht. Das ändert sich gerade, weil die Kliniken langsam wieder hochgefahren werden.

Andererseits haben wir es in der Palliativmedizin mit sehr viel mehr Angst und Verzweiflung zu tun gehabt, eben weil die Menschen nur noch sehr eingeschränkt besucht werden konnten. Eine Diagnose oder die Verschlechterung einer lebensbedrohlichen Erkrankung wirft automatisch die Frage auf: Wenn ich jetzt ins Krankenhaus gehe, werde ich es dann nochmal lebend verlassen? Schon das ist eine Ausnahmesituation.

Zuletzt mussten sich die Patienten zusätzlich fragen: Werde ich die mir wichtigen Menschen nochmal sehen können? Mich verabschieden können? Werde ich allein sterben? Das hat womöglich auch dazu geführt, dass der ein- oder andere Patient sich vielleicht gegen eine stationäre Aufnahme entschieden hat - mit dem Nachteil einer schlechteren medizinischen Versorgung. Zumal auch die ambulanten Palliativkollegen aus Infektionsschutzgründen versucht haben, so viel wie möglich telefonisch zu machen.

tagesschau.de: Welche Erfahrungen haben Sie mit den Besuchseinschränkungen gemacht?

Gockel: Wir hatten ja von Anfang an die Ausnahmeregelung, dass Schwerstkranke und Sterbende für eine Stunde am Tag von einer Person besucht werden können. Aber da taucht schon die Frage auf: Von wem kann ich mich verabschieden? Von der ganzen Familie oder nur vom dem, der mir am wichtigsten ist? Zumal verschiedene Einrichtungen und Stationen es unterschiedlich ausgelegt haben, ob immer dieselbe Person kommen muss, oder ob es jeden Tag jemand anders sein kann.

Zum anderen gab es das Problem der Definition: Wann ist jemand schwerstkrank oder sterbend? Trifft das auf jeden Krebskranken zu? Und was, wenn die Angehörigen das anders definieren als das Klinikpersonal? Ich glaube zwar, dass das in unserem Haus ganz gut gehandhabt wurde, so dass es zu keinen massiven Härten gekommen ist. Aber ich kann natürlich nur von den Besuchskontakten sprechen, die ich persönlich mitbekommen habe.

Ich weiß andererseits aus dem privaten Umfeld, dass Menschen gesagt wurde, Besuch ist nicht möglich und die haben das dann so hingenommen.

tagesschau.de: Das heißt, es dürfte durchaus sehr harte Entscheidungen gegeben haben …

Gockel: Ich denke schon, dass auch einiges falsch gelaufen ist und man Regeln vielleicht strikter ausgelegt hat, als es im Einzelfall nötig gewesen wäre. Es gab ja keinerlei Vorerfahrungen mit so einer Situation und alle hatten Angst, etwas falsch zu machen. Beziehungsweise Angst vor Regressen und Sanktionen, falls tatsächlich infektiöse Personen ins Krankenhaus kommen.

Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es infektiologisch sinnvoll war, wie das in den Krankenhäusern gehandhabt wurde, zumal mit dem wenigen Wissen, das man zu Anfang hatte. Aber es hat auch viel Leid, Verzweiflung und Trauer ausgelöst. Die Menschen sind einsamer gestorben und konnten sich weniger von ihren Angehörigen verabschieden.

tagesschau.de: Wie sind die Schwerkranken und ihre Familien mit der Situation umgegangen?

Gockel: Ein überraschend großer Teil hat es zwar als schlimm empfunden, es aber hingenommen mit der Haltung: "Ich weiß ja, warum das jetzt nötig ist".

Es gab aber auch sehr verzweifelte Fälle. Ich hatte mit zwei Töchtern zu tun, denen es sehr schwer fiel, nur so wenig beziehungsweise nur abwechselnd bei der Mutter sein zu können. Die haben dann alles daran gesetzt, die Mutter so schnell wie möglich nach Hause zu holen, auch wenn dort noch nicht alles perfekt organisiert war. Die Mutter entschied sich dann für eine nicht ganz optimale Versorgung, konnte dafür aber bei ihren Töchtern sein.

tagesschau.de: Inzwischen dürfen auch Menschen besucht werden, die nicht schwerkrank sind und es gibt keine zeitliche Beschränkung mehr. Ist das eine große Erleichterung?

Gockel: Ja. Ich hatte mit einem Ehemann zu tun, dessen Frau sich in diesem Graubereich zu schwerstkrank beziehungsweise sterbend befand. Er ist mit einer Mischung aus Verbitterung und Erleichterung in Tränen ausgebrochen als er mir erzählte, wie er seit zwei Wochen gehofft hat, endlich zu ihr ins Krankenhaus zu dürfen.

Diese Sozialkontakte sind ja mit das Wichtigste in dieser Zeit am Lebensende. Sie sind eine unglaubliche Kraftquelle und sind notwendig, um Dinge zum Abschluss zu bringen. Der Satz "Wir haben noch so viel zu bereden" fällt sehr häufig. Die Menschen wollen sich nochmal bedanken oder entschuldigen, Dinge bereinigen. Dafür braucht es Zeit. Auch damit Angehörige irgendwann sagen können: "Du darfst jetzt gehen".

tagesschau.de: Was muss anders werden, falls es eine nächste Infektionswelle gibt?

Gockel: Wir müssen jetzt so viele Informationen sammeln, wie möglich, damit wir genauer wissen: Welcher Kontakt ist eigentlich gefährlich? Wo entstehen Infektionen und wo nicht? Und davon ausgehend sollten wir den Schwerstkranken und ihren Angehörigen so viel Freiheit und Unterstützung geben, wie möglich - ohne das mit steigenden Infektionszahlen bezahlen zu müssen.

Wenn sich beispielsweise bestätigt, dass es an der frischen Luft ein viel geringeres Infektionsrisiko gibt als in geschlossenen Räumen, dann müssen wir Strukturen schaffen, wie Angehörige im Park mit Patienten zusammenkommen können.

Das Interview führte Sandra Stalinski, tagesschau.de.

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Sandra Stalinski, tagesschau.de

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