Arbeiter montieren ein Plakat zum Thema Organspende | picture alliance / dpa

Transplantationen Warum die Organspenden weniger werden

Stand: 04.06.2022 04:33 Uhr

8700 schwerstkranke Menschen warten derzeit in Deutschland auf eine Organtransplantation. Das liegt vor allem daran, dass es zu wenig potenzielle Spender gibt. Doch das ist nicht der einzige Grund.

Von Sebastian Kisters, HR

Es ist ihre erste Reise mit neuem Herzen. Neun Monate nach der Transplantation. Tamara Schwab sitzt auf einer Klippe über dem Meer. Die Luft riecht nach Salz, das Wasser glitzert, ihr Herz pocht. Regelmäßig, Schlag für Schlag.

Sebastian Kisters

Für Schwab ist das immer noch ungewohnt. Die 29-Jährige denkt in diesem Moment an den Spender. Und hofft, dass er fühlen kann, "welche Liebe das Herz tagtäglich durchströmt. Welch Liebe für dieses wunderbare Leben." So schreibt sie es auf ihrem Instagram-Account.

Schwab hatte Glück. Sie bekam im vergangenen Jahr nach nur wenigen Wochen auf der Warteliste ein Spenderherz. Heute - am Tag der Organspende - warten rund 300 Menschen in Deutschland auf eine Herztransplantation, etwa 700 auf eine Lunge, rund 6800 auf eine Niere.

Zuletzt ist die Zahl der Organspenden deutlich zurückgegangen. Es gibt viele Gründe, warum Herzen aus dem Takt geraten oder plötzlich still stehen, Nieren nicht mehr arbeiten oder andere Organe versagen. Es trifft Menschen jeden Alters.

Tamara Schwab | Rüdiger Jürgensen

Tamara Schwab hat vor neun Monaten ein neues Herz bekommen. Bild: Rüdiger Jürgensen

André Ebbing | Rüdiger Jürgensen

André Ebbing koordiniert für die DSO Organtransplantationen Bild: Rüdiger Jürgensen

Kammerflimmern. Herzstillstand

Schwabs Geschichte verläuft so: Es beginnt im Januar 2018. Da ist sie 24 Jahre alt. Schwab trainiert im Fitnessstudio, da kippt sie plötzlich vom Fahrrad. Kammerflimmern. Herzstillstand. Neben ihr: fünf junge Männer. Sie fühlen den Puls. Nichts. Herzdruckmassage. Schwab überlebt.

Zwei weitere Male wird ihr Herz in den kommenden Jahren stehenbleiben. Sie sei in kein helles Licht getaucht, keine Erinnerungen seien vorbeigerauscht. Es habe sich einfach angefühlt, wie in einem dunklen Tunnel steckenzubleiben, schreibt Schwab in ihrem Buch "Mein Speed-Dating mit dem Tod".

Ein spät entdeckter Gendefekt hatte ihr Herz immer schwächer werden lassen. Im vergangenen Jahr bekam sie das Herz eines Organspenders. Jetzt möchte Schwab dafür werben, dass Menschen sich für Organspendeausweise entscheiden. Sie kenne die Ängste vieler Menschen: dass von Ärzten nicht alles getan werde, wenn man schwerverletzt sei.

"Aber", sagt Schwab, "bei meinem ersten Herzstillstand war ich jung, sportlich, Nichtraucherin, und ich hatte einen Organspenderausweis. Ich wäre die ideale Spenderin gewesen. Aber ich wurde gerettet!"

"Wir Ärzte sind dafür da, Menschenleben zu retten"

Bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) sind die Bedenken vieler Menschen ebenfalls bekannt. Es sei jedoch so, erklärt Ana Barreiros, geschäftsführende Ärztin bei der DSO: "Wir Ärzte sind dafür da, Menschenleben zu retten. Erst wenn jemand mehrere Tage auf einer Intensivstation gelegen hat, wir alles gegeben haben, aber das Leben nicht retten konnten. Dann kommt jemand als Organspender in Frage."

Zwei voneinander unabhängige Ärzteteams müssten vorher das vollständige Erlöschen aller Hirnfunktionen feststellen. Das heißt: Ohne Maschinen wäre ein Überleben unmöglich. Bei Umfragen scheint die Bereitschaft der Menschen in Deutschland hoch zu sein, nach dem sogenannten Hirntod Organe zu spenden.

Das Forsa-Institut hat kürzlich im Auftrag der Techniker Krankenkasse danach gefragt. Demnach geben fast die Hälfte der 18- bis 39-Jährigen an, einen Organspendeausweis zu besitzen. Bei den 40- bis 59-Jährigen sind es 43 Prozent, in der Altersgruppe darüber 32 Prozent. In der Realität sei davon jedoch wenig zu spüren, heißt es bei der DSO.

Einrichtung des Registers verzögert sich

Viele hatten gehofft, dass in diesem Frühjahr ein Spendenregister eingerichtet wird, das verlässliche Informationen liefert, wer Organe spenden möchte, wenn der Hirntod auf einer Intensivstation festgestellt wird. Im Moment müssen potenzielle Spender zu Lebzeiten einer Organentnahme zugestimmt haben, meist dokumentiert durch einen Organspendeausweis oder Angehörige entscheiden. Doch die Einrichtung des Registers verzögert sich. Vom Bundesgesundheitsministerium (BMG) heißt es, man wolle derzeit eine zusätzliche Belastung der Krankenhäuser vermeiden, die mit der Anbindung an das Register einhergehe. Außerdem sei noch zu klären, wie die Informationen erhoben werden.

Angedacht war, dass Behörden diese abfragen, wenn Bürgerinnen und Bürger etwa Pässe oder Personalausweise beantragen. "Ob und inwieweit die Länder diese Verpflichtung umsetzen werden, ist derzeit noch offen. Seit Juni 2021 führt das BMG Fachgespräche mit den Gesundheits- und Innenressorts der Länder", so das Ministerium. Frühestens Ende des Jahres sei mit einem Register zu rechnen.

"Viele können einfach nicht mehr"

Die derzeit rückläufigen Spenden hätten aber einen anderen Grund, meinen viele Expertinnen und Experten. Krankenhäuser hätten während der Corona-Pandemie am Limit - oder darüber - gearbeitet. Zusätzliches Personal und OP-Säle für Organspenden seien im Moment schwierig. "Viele können einfach nicht mehr und das kann ihnen niemand übel nehmen", sagt eine Ärztin.

André Ebbing, der für die DSO Organtransplantationen koordiniert, rechnet vor: "Für eine Organtransplantation braucht man OP-Teams am Entnahmeort und dort, wo die Transplantation stattfindet. Personal in Laboren, Fahrer, manchmal Piloten. Am Ende sind es bis zu 100 Personen." Aktuell warten rund 8700 Menschen in Deutschland auf eine Organtransplantation.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 03. Juni 2022 um 08:37 Uhr.