Organspendeausweis | dpa

Organspenden Hilft ein Spenderegister gegen den Mangel?

Stand: 04.06.2022 14:54 Uhr

Viel zu wenig Menschen sind Organspender - das ist bekannt. Ein Spenderegister sollte es eigentlich schon längst geben, doch es hakt. Und würde es überhaupt gegen den Mangel helfen?

Von Birthe Sönnichsen und Vera Wolfskämpf, ARD-Hauptstadtstudio

Sandra Zumpfe weiß, wie es sich anfühlt, auf ein Spenderorgan zu warten. Wegen eines Gendefekts brauchte sie mit Anfang 30 ein neues Herz. Sie kam auf die Warteliste, und es begann eine belastende Zeit. Sie musste rund um die Uhr erreichbar sein, ohne zu wissen, ob der lebensrettende Anruf überhaupt jemals kommen wird. Für Sandra Zumpfe ging es gut aus: Nach einem halben Jahr kam kurz vor Mitternacht der Anruf, keine halbe Stunde später stand der Krankenwagen vor der Tür, um sie zur Herz-Transplantation in die Klinik zu fahren.

Birthe Sönnichsen ARD-Hauptstadtstudio
Vera Wolfskämpf ARD-Hauptstadtstudio

Die Ungewissheit, ob sich rechtzeitig ein Spender findet, durchleben in Deutschland derzeit etwa 8500 Menschen. Für einige auf der Warteliste wird der Anruf nicht rechtzeitig kommen. Im vergangenen Jahr haben 933 Menschen ein oder mehrere Organe nach dem Tod gespendet. Damit es mehr werden, soll ein Onlineregister helfen. Wie beim Organspendeausweis, nur digital, sollen sich alle Menschen eintragen können und erklären, ob sie bereit sind, ihre Organe zu spenden. Die Krankenhäuser sollen so schneller auf die Daten zugreifen können, ohne lange nach Dokumenten suchen zu müssen.

Probleme mit der Software?

Eigentlich sollte das Organspenderegister schon im März an den Start gehen. Aber im Februar teilte das Bundesgesundheitsministerium mit, daraus werde nichts, die Kliniken seien wegen der Pandemie schon zu sehr belastet. Gerald Gaß, der Vorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, hält dagegen: Die Kliniken wären bereit. Es liege an der Bundesbehörde, die für das Online-Register zuständig ist. Demnach gibt es Probleme mit der Software, mit der die Daten abgerufen werden sollen - und es werde sich noch über das Jahr 2022 hinweg verzögern. Und selbst wenn es dann eine gewisse Erleichterung im Alltag bringt, zweifelt Gaß, dass das Onlineregister grundsätzlich etwas ändert: "Ob wir dadurch wesentlich mehr Menschen gewinnen, die ihre Spendebereitschaft erklären, da bin ich skeptisch."

Corona als Ausrede?

Die Regierung bemühe sich nicht genug um das Organspenderegister, kritisiert die Opposition: "Ich glaube, Corona wird auch gern als Ausrede genommen für politische Versäumnisse", sagt Tino Sorge, der gesundheitspolitische Sprecher der Union. Das Bundesgesundheitsministerium müsse aufklären, wo die Probleme liegen und diese dann schleunigst lösen. Es wäre viel zu spät, wenn das Onlineregister erst 2023 an den Start geht, findet der CDU-Politiker.

Gesundheitsminister Karl Lauterbach sieht in technischen Problemen und in der Corona-Pandemie zwei Gründe für die Verzögerung. Doch das eigentliche Übel liegt für ihn tiefer: im Rückgang der Organspenden. Für das erste Quartal dieses Jahres vermeldete die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) einen massiven Einbruch bei den Organspenden: Die Zahl der Organspender sank um 29 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die DSO führt das unter anderem auf die Corona-Pandemie zurück.

Lauterbach will Widerspruchslösung

SPD-Minister Lauterbach meint: "Die Spenden gehen zurück, weil die Bereitschaft zur Spende zwar da ist - aber es wird nicht registriert." Eine Widerspruchslösung würde das beheben, sagte er dem ARD-Hauptstadtstudio. Lauterbach will also einen neuen Anlauf, um die Organspende anders zu regeln. Damit war er schon einmal im Bundestag gescheitert.

Erst im Januar 2020 setzten sich die Abgeordneten intensiv mit dem Thema auseinander und berieten über verschiedene Vorschläge in einer Orientierungsdebatte. Beschlossen wurde ein neues Gesetz zur Stärkung der Entscheidungsbereitschaft bei der Organspende. Einer der Gesetzentwürfe, den Lauterbach mit eingebracht hatte, sah eine Widerspruchslösung vor: Wer nicht zu Lebzeiten widerspricht, wäre automatisch potenzieller Organspender.

Doch dafür gab es keine Mehrheit im Bundestag, stattdessen wurde die erweiterte Zustimmungslösung beschlossen: Wie bisher ist die Einwilligung des möglichen Organ- oder Gewebespenders Voraussetzung. Hat jemand keine Erklärung abgegeben, können die nächsten Angehörigen entscheiden, ob eine Organspende möglich ist. Seit März sollen außerdem Hausärztinnen und Hausärzte regelmäßig beraten, Ausweisstellen von Bund und Ländern Aufklärungsmaterial und Organspendeausweise aushändigen.

"Wir haben jetzt eine Menge versucht, aber es hat nicht wirklich geklappt", meint Lauterbach: "Wir brauchen aus meiner Sicht unbedingt einen neuen Anlauf für die Widerspruchslösung." Sonst bekäme man das Problem nicht gelöst.

Nur ein Register hilft nicht gegen den Mangel

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft glaubt nicht an einen Durchbruch durch das Onlineregister. Denn die Menschen müssten sich trotzdem aktiv mit der Frage auseinandersetzen, ob sie Organe spenden wollen oder nicht. Die Widerspruchslösung würde aus Sicht des Vorsitzenden der Krankenhausgesellschaft Gerald Gaß helfen.

Dass mehr Menschen Organe spenden könnten, dafür spricht eine Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Mehr als 80 Prozent der Deutschen stehen der Organspende positiv gegenüber - aber nur die Hälfte von ihnen hat das auch schriftlich festgehalten.

Doch um die Organspende neu zu regeln, muss der Bundestag die Debatte von vor zweieinhalb Jahren wieder von vorn beginnen. Dazu fordert Minister Lauterbach die Abgeordneten auf: Er glaube, dass es diesmal eine Mehrheit für die Widerspruchslösung geben könnte. Diese ethische Frage müsse aber das Parlament beantworten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 04. Juni 2022 um 13:00 Uhr.