Roland Krabs, Oberarzt, untersucht einen Patienten auf der Covid 19 Intensivstation im SRH Waldklinikum.  | dpa

Langzeitfolgen von Covid-19 Wenn die Krankheit kein Ende nimmt

Stand: 20.04.2021 16:13 Uhr

Etwa jeder zehnte Covid-19-Patient leidet unter den Spätfolgen der Erkrankung. Mit den neuen Virus-Varianten sind auch immer mehr Kinder und Jugendliche betroffen. Nur langsam erkennt die Gesellschaft das Problem.

Von Anja Martini, tagesschau.de

Eigentlich ist das Krankenhaus in Heiligendamm eine Reha-Klinik für Erwachsene mit Atemwegserkrankungen. Doch in der Corona-Pandemie sollen nun auch Jugendliche von der Median Klinik aufgenommen werden. "Die Hilferufe besorgter Eltern, deren Kinder nach einer Corona-Infektion nicht ganz gesund werden, häuften sich", sagt Chefärztin Jördis Frommhold.

Anja Martini tagesschau.de

Zu Beginn der Pandemie erkrankten junge Menschen noch vergleichsweise selten schwer an Covid-19. Durch die Virus-Variante  B.1.1.7 hat sich das aber geändert. Auch leichte Verläufe könnten höchst problematisch werden, sagt Frommhold. Nach einer im Januar 2021 veröffentlichten britischen Studie würden sieben Prozent der infizierten Kinder unter Langzeitfolgen wie Long Covid leiden. Bei Kindern und Jugendlichen könnten beispielsweise nach einer Corona-Infektion Konzentrationsprobleme zu schlechten Schulleistungen führen.

Ausmaß der Long-Covid-Erkrankungen

Immer mehr Studien beschäftigen sich mit den Langzeitfolgen nach einer Corona-Infektion. Wissenschaftler der Uniklinik Köln und des King's College in London gehen davon aus, dass zehn Prozent der ambulanten Patienten sechs Monate nach ihre Infektion noch Langzeit-Symptome aufweisen. Dazu gehören Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Geruchs- und Geschmacksverlust, Konzentrationsschwächen, Gedächtnisprobleme. Einige können nicht mehr lesen oder sind schnell erschöpft.

Frommhold berichtet von einer Patientin, die plötzlich in ihrer überfluteten Küche stand, weil sie vergessen hatte, dass sie den Wasserhahn aufgedreht hatte, um etwas abzuspülen. Eine andere Frau konnte bei leichtem Stress keine zusammenhängenden Sätze mehr formulieren. Auf die Bitte hin, ihre Gedanken aufzuschreiben, malte sie unleserliche Zeichen auf das Blatt Papier.

Eine junge Patientin war nach dem Aufstehen, Anziehen und Frühstückmachen so erschöpft, dass sie zu mehr nicht in der Lage war, noch irgendetwas anderes zu tun. Die meisten dieser Menschen, so Frommhold, seien mitten aus ihrem Leben gerissen worden. Sie wollten alle nur eines: ihren Alltag zurück. 

Menschen mit schweren Verläufen leiden häufiger 

Bei Covid-19-Patienten mit schweren Verläufen sind die Folgen noch gravierender. Studien gehen davon aus, dass 50 bis 70 Prozent dieser Patienten lange an den Folgen ihrer Covid-19-Erkrankung leiden. Das heißt: Verlassen sie das Krankenhaus, müssen sie langsam wieder an ihrer Kondition arbeiten. Jede Treppe werde zur Herausforderung, sagt Frommhold. Sie müssen ihren Atemrhythmus wiederfinden und langsam wieder zu Kräften kommen. Monate nach ihrer Infektion kämpfen sie mit Atembeschwerden und Erschöpfung.

Jetzt sind es viel mehr Patienten

Auch in Berlin steigt die Zahl der Long-Covid-Patienten. Zu Beginn des Jahres musste Carmen Scheibenbogen vom Charité-Klinikum eine Warteliste einführen. Die Leiterin der Immundefekt-Ambulanz erforscht das sogenannte chronische Fatigue-Syndrom. Es seien mittlerweile viel mehr Patienten, die nach einer Infektion auf Dauer erschöpft seien und ihr bisheriges Leben nicht mehr fortführen könnten, beobachtet auch sie. Vor allem jüngere Patienten seien betroffen, die keinen schweren Verlauf der Krankheit hatten.

"Wir müssen besser verstehen, was der Grund ist, warum diese Patienten so krank sind", sagt die Ärztin. Früher sei die Krankheit fälschlicherweise als eine psychische Erkrankung, Burn-out oder eine Depression eingeordnet worden. Es sei aber wahrscheinlich, dass es sich beim chronischen Fatigue-Syndrom um eine Art Autoimmunerkrankung handle.

Immunsystem richtet sich gegen den Körper

Das bedeutet, dass bei diesen Patienten das Immunsystem nach einer Infektion hochfährt und sich gegen das Virus richtet. Doch nach der Infektion ist das Immunsystem nicht mehr in der Lage, sich wieder abzuschalten und wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Genau das, sagt Scheibenbogen, könne auch der Grund für die chronische Erschöpfung nach einer SARS-Cov2-Infektion sein. Nun müsse dringend mehr geforscht werden, um Behandlungsmöglichkeiten für diese schwere Erkrankung zu entwickeln, fordert sie.

Zehn Prozent der Patienten leiden unter Long Covid

Epidemiologische Studien zeigen, dass etwa zehn Prozent der ambulanten Patienten nach sechs Monaten unter Long Covid leiden. Von diesen Patienten sind wiederum zehn Prozent vom chronischen Fatigue-Syndrom betroffen, schätzen Wissenschaftler.

Wenn sich die Corona-Infektionszahlen in Deutschland so weiter entwickeln, könnten bis zum Ende des Jahres bis zu 100.000 Menschen am chronischen Fatigue-Syndom erkranken, befürchtet Scheibenbogen. Eine Befürchtung, die auch die weltweite Selbsthilfegruppe Langzeit-Covid teilt. In Deutschland allein schätzt man, dass mehr als 250.000 Menschen vom chronischen Fatigue-Syndom betroffen sind.

Viele ihrer aktuellen Patienten, sagt Scheibenbogen, seien oft junge Menschen, die in ihrem Berufsleben stehen, sich um ihre Kinder kümmern und eigentlich mitten im Leben stehen.

Die Patienten ernst nehmen

Für die beiden Medizinerinnen ist klar: Noch immer bekommen Langzeitfolgen nach einer Covid-19-Erkrankung nicht genügend Aufmerksamkeit. Nicht nur die Forschung und die medizinische Versorgung müssten besser werden. Auch an Aufklärung fehle es. Auch Kompetenzzentren, an die sich die Menschen wenden könnten, seien ein Weg, sagt Frommhold.

Die Gesellschaft, so Scheibenbogen, habe wahrscheinlich noch gar nicht realisiert, was auf sie zukomme, wenn die Zahl der chronisch Kranken nach einer Corona-Infektion wirklich so sehr steigen werde. Sie fordert mehr Geld für die Erforschung der Covid-Langzeitfolgen. In den USA seien gerade etwa eine Milliarde Euro an Forschungsgeldern bereitgestellt worden. Deutschland habe hier noch Nachholbedarf, sagt sie.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. April 2021 um 12:00 Uhr.