Mitarbeiter der Pflege in Schutzkleidung behandeln einen Patienten mit Corona-Infektion auf der Intensivstation Universitätsklinikums Essen.  | dpa
Hintergrund

Coronavirus Infektion statt Impfung?

Stand: 10.02.2022 15:27 Uhr

Infektionen mit Omikron verlaufen oft mild - kann man sich dann nicht einfach bewusst infizieren, um dann immun zu sein? Warum das riskant ist und keine Alternative zur Impfung - ein Überblick.

Von Pascal Kiss und Ralf Kölbel, SWR

Die Infektionszahlen sind auch in Deutschland derzeit auf Rekordniveau. Die deutlich ansteckendere Omikron-Variante des Coronavirus breitet sich immer mehr aus. Dabei hat sich gezeigt: Auch Geimpfte können sich infizieren.

Insgesamt ist das Risiko für einen schweren Verlauf bei einer Omikron-Infektion aber geringer. Das Risiko für eine Krankenhauseinweisung nach einer Omikron-Infektion hat sich mehreren Studien zufolge mehr als halbiert. Da stellt sich bei manchen Menschen womöglich die Frage: Sollte ich mich nicht einfach bewusst infizieren, um dann immun zu sein? Was bringen überhaupt noch Impfungen?

Warum absichtliche Infektionen keine gute Idee sind - ein Überblick:

Auch Geimpfte können sich mit Omikron infizieren, aber ...

Klar ist: Durch die Impfung bilden sich Antikörper gegen das Coronavirus. Vor allem die Antikörper in Rachen und Nase können die Omikron-Variante aber schlecht erkennen. Die Folge: Auch Geimpfte können sich leicht mit der Omikron-Variante infizieren: Der zweite Teil des Immunsystems, bei dem sich Gedächtniszellen bilden, kann die Variante noch immer rechtzeitig erkennen und schwere Erkrankungen verhindern. Deshalb schütze die Impfung vor einem schweren Verlauf - auch im Falle einer Omikron-Infektion, betont Christine Falk von der Deutschen Gesellschaft für Immunologie.

Das Risiko der Ungeimpften

"Wer geimpft ist, kann sich auch gut geschützt fühlen - vor allem vor einem schweren Verlauf. Wer noch nicht geimpft ist, hat noch immer das Risiko, dass man nicht genau sagen kann, wie diese Infektion genau ausgeht", sagt Immunologin Falk.

Bei den Über-60-Jährigen schützen die Impfungen laut Robert Koch-Institut derzeit zu 95 Prozent vor einem schweren Verlauf. Diese Impfeffektivität wird aus den Klinikdaten der vergangenen vier Wochen berechnet.

Milder Verlauf? Das heißt nicht harmlos

Weil sich in der Lunge Omikron etwa zehn Mal langsamer ausbreitet als die früheren Varianten, sind schwere Verläufe insgesamt seltener. Aber ein Restrisiko bleibt. Selbst milde Krankheitsverläufe könnten vor allem für bislang Ungeimpfte ein Problem sein. Eine Studie des Uniklinikums Hamburg deutet darauf hin, dass es auch bei scheinbar harmlosen Corona-Infektionen zu Organschäden kommen könnte.

Außerdem wisse man noch nichts über Long Covid nach einer Omikron-Infektion, betont Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie am Klinikum Schwabing in München. Er warnt: Ein milder Verlauf sei nicht automatisch harmlos. Eine israelische Studie hat gerade gezeigt, dass Geimpfte viel seltener an Spätfolgen einer Infektion leiden als Ungeimpfte.

Ungeimpfte sind auch nach einer Omikron-Infektion schlechter geschützt

Wer geimpft ist, hat womöglich auch langfristig einen Vorteil: Denn Ungeimpfte, die sich jetzt in der Omikron-Welle zum ersten Mal infizieren, sind vor früheren Corona-Varianten nur schlecht geschützt. Darauf weisen mehrere Laborstudien hin. Das heißt: Das Immunsystem lernt also nur die mildere Omikron-Variante kennen.

Eine Omikron-Infektion führt laut dem Virologen Christian Drosten zu keinem ausreichenden Immunschutz vor den älteren Virusvarianten. Bisher hätten die Virusvarianten alle einen gegenseitigen Kreuzschutz hervorgerufen: "Und jetzt bei Omikron sieht man erstmalig, dass das nicht mehr so ist", sagte Drosten im NDR-Podcast Coronavirus Update. Ungeimpfte und Menschen, die sich jetzt zum ersten Mal mit dem Coronavirus infizieren, sind demnach langfristig vor anderen Virusvarianten schlechter geschützt.

Impfung schützt auch vor früheren Varianten

Geimpfte dagegen können sich jetzt zwar mit der Omikron-Variante infizieren. Die Impfungen schützen aber auch vor den früheren Varianten, die in ähnlicher Form in Zukunft nochmal zurückkommen könnten. Geimpfte haben also einen breiteren Immunschutz gegenüber Coronaviren als Ungeimpfte. "Das bedeutet, wenn man sich jetzt nur mit Omikron anstecken würde, auch wenn es ein milder Verlauf hoffentlich ist, ist die Immunität nicht so lange und nicht so robust, als wenn man tatsächlich die Impfung als Grundlage hat", erklärt Falk.

Nach Ansicht der Immunologin ist es am besten, erst geimpft zu sein - und sich dann Omikron einzufangen. So entstehe eine langfristige Immunität. Diese langfristige Immunität durch die Impfungen könnte wichtig werden, wenn womöglich weitere besorgniserregende Varianten entstehen.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Morgenmagazin am 19. Januar 2022 um 05:37 Uhr.