Bahnfahren im Risikogebiet: Pendler in Berlin-Neukölln | dpa
Hintergrund

Corona-Pandemie Risikogebiet Großstadt

Stand: 09.10.2020 15:00 Uhr

Berlin, Frankfurt, Bremen: Immer mehr Städte entwickeln sich zu Corona-Hotspots. Die Pandemie werde in den Metropolen entschieden, warnen auch die Bürgermeister. Wie ist die Lage in großen Städten? Ein Überblick.

Die Corona-Infektionszahlen steigen fast überall in der Bundesrepublik, besonders in Großstädten. Die Pandemie werde in den Metropolen entschieden, sagte der Erste Bürgermeister Hamburgs, Peter Tschentscher, kürzlich im ZDF. Auch Städtetags-Präsident Burkhard Jung warnte in der dpa: "Ob es gelingt, die zweite Corona-Welle zu bremsen, wird sich in den nächsten Wochen in den großen Städten entscheiden." Dort lebten viele Menschen auf dichtem Raum.

Sicherlich spielt die großstädtische Enge eine gewisse Rolle. Die Menschen können sich dort nicht so aus dem Weg gehen wie in ländlichen Gebieten, etwa, wenn sie Busse, U-Bahnen oder Busse nutzen müssen. Aber auch private Partys und Feiern in Clubs und Bars gelten als Infektionsherde.

Berlin, Bremen und Frankfurt am Main gehören bereits zu den Corona-Hotspots - hier wurden mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern in den vergangenen sieben Tagen registriert. Andere Städte kratzen gefährlich an der kritischen Marke.

Grund genug also, gemeinsam über das weitere Vorgehen zu beraten. Kanzlerin Angela Merkel machte das heute - sie sprach per Videokonferenz mit den Bürgermeistern der elf größten deutschen Städte. Das sind: Berlin, Hamburg, Bremen, München, Frankfurt am Main, Köln, Düsseldorf, Dortmund, Essen, Leipzig und Stuttgart. Wie ist die aktuelle Lage in diesen Städten - ein Überblick:

Berlin

Eine der wichtigen Kennzahlen zur Beurteilung der Corona-Lage ist erstmals für ganz Berlin über den Warnwert von 50 gestiegen. Die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb der vergangenen sieben Tage liegt in der Hauptstadt nun bei 52,8. Das geht aus dem Corona-Lagebericht der Senatsgesundheitsverwaltung vom Donnerstag hervor. Zuvor hatte die sogenannte Sieben-Tage-Inzidenz den kritischen 50er-Wert nur in einigen Stadtbezirken überschritten.

Als Infektionsherde sehen die Behörden illegale Partys und private Feiern mit reichlich Alkoholkonsum. Auch das Robert Koch-Institut führt die steigenden Zahlen in Berlin auch auf junge, international Reisende und Feiernde zurück, "die sich unterwegs beziehungsweise auch auf Partys anstecken und diese Infektionen dann in ihren Haushalten und Familien verbreiten".

Der Senat reagierte inzwischen mit zusätzlichen Maßnahmen: So gelten ab Samstag eine nächtliche Sperrstunde und strengere Kontaktverbote für drinnen und draußen. Die meisten Geschäfte sowie alle Restaurants und Bars müssen von 23 Uhr bis 6 Uhr schließen. Im Freien dürfen sich von 23 Uhr bis 6 Uhr nur noch fünf Personen oder Menschen aus zwei Haushalten versammeln. An privaten Feiern in geschlossenen Räumen dürfen nur noch maximal zehn statt bisher 25 Personen teilnehmen. Zudem gibt es eine allgemeine Maskenpflicht in Büro- und Verwaltungsgebäuden.

Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci sagte im rbb: "Die Zeit der Geselligkeit ist vorbei. Die Lage in Berlin ist ernst."

Wer in Berlin wohnt und in den Herbstferien wegfahren will, sollte sich vorher genau erkundigen. Die große Mehrheit der Bundesländer verhängte Beherbergungsverbote aus Corona-Hotspots, zu denen auch Berlin bzw. einige Bezirke gehören.

Hamburg

Kontinuierlich steigen die Corona-Fallzahlen auch in Hamburg. 125 neue Fälle waren es allein am Donnerstag. Zuletzt gab es Ausbrüche in einer Flüchtlingsunterkunft, zwei Altenheimen und nach Feiern in einer Szene-Bar. Viele der Gäste hatten falsche Kontaktdaten angegeben, sodass die Kontaktnachverfolgung schwierig bis unmöglich war.

Die Stadt plant, schärfere Corona-Maßnahmen zu ergreifen, sollte der Inzidenzwert drei Tage in Folge über 35 liegen. In diesem Fall soll ab kommenden Montag für alle Personen eine Maskenpflicht in gastronomischen Einrichtungen und im Einzelhandel gelten, teilte Bürgermeister Tschentscher nach Beratungen des Senats mit. Das gilt dann also auch für das Personal. "Darüber hinaus werden wir die Einhaltung der Regeln, insbesondere in der Gastronomie, noch stärker kontrollieren", so Tschentscher.

Sollte sich die Zahl der Infektionen weiter auf hohem Niveau bewegen, müssen ab Montag auch Mund-Nase-Bedeckungen bei allen Veranstaltungen in geschlossenen Räumen und in Gebäuden mit Publikumsverkehr und an öffentlichen Plätzen getragen werden, an denen es zu größeren Ansammlungen und Enge komme. Bei Veranstaltungen mit festen Sitzplätzen muss ein Mund-Nasen-Schutz laut Kulturbehörde nur bis zum Einnehmen des Platzes getragen werden - zum Beispiel im Theater, Kino oder Konzert. Am Platz kann die Maske abgenommen werden.

Laut Gesundheitsbehörde soll es dann auch eine Maskenpflicht an Orten geben, wo wiederholt gegen Corona-Regeln verstoßen wurde - zum Beispiel im Schanzenviertel oder auf St. Pauli. 

Bremen

Auch die Hansestadt Bremen bleibt von steigenden Corona-Zahlen nicht verschont. Die Obergrenze von 50 Neuinfektionen war am Donnerstag gerissen worden. Seitdem gelten schärfere Regeln für private Feiern, öffentliche Veranstaltungen und auch für das Tragen von Masken. "Wir werden jetzt alles daran setzen, dass die Zahl der Neuinfektionen je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen wieder unter den kritischen Wert von 50 gedrückt wird", sagte Bremens Regierungschef Andreas Bovenschulte (SPD).

Nach der heutigen Schaltkonferenz will der Bremer Senat darüber beraten, ob Maßnahmen weiter verschärft werden müssen. Dabei geht es auch um eventuelle Reisebeschränkungen für Urlauber aus innerdeutschen Risikogebieten. Er halte nichts von einer "Corona-Vielstaaterei" und auch nichts von innerdeutschen Reisebeschränkungen, so Bovenschulte. Allerdings werde man im Senat entscheiden, ob Bremen bei seiner ablehnenden Haltung bleibe oder wie andere Bundesländer nachziehe.

Die Grafik zeigt die 7-Tage-Inzidenz deutscher Städte, Stand 09.10.2020

München

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder hat sich bei einigen seiner Länderkollegen zuletzt nicht beliebt gemacht. Ein Vorwurf: "Berlin-Bashing". Einige Städte wie Berlin stünden kurz davor, die Kontrolle zu verlieren", mahnte der CSU-Chef in Richtung des rot-rot-grünen Senats. Hilfe bekam Berlin aus Hamburg: "Wer einen Vorschlag hat, wie man es besser macht als Berlin, soll ihn nennen", sagte Rathauschef Tschentscher dem "Spiegel" und erinnerte: "Es gab Zeiten, da hatte München die höchsten Infektionsraten. Und da hat auch niemand gesagt, dass das an der Natur der Münchner liegt."

Derzeit steigt die Sieben-Tage-Inzidenz in München wieder an, bleibt aber unter dem kritischen Grenzwert von 50. In München gilt sogar der schärfere Signalwert von 35 - und auch diese Marke bleibt knapp unterschritten. Doch angesichts des Trends verlängerte die Stadt einige einschränkende Maßnahmen. Dazu gehören etwa Einschränkungen bei Treffen und in der Gastronomie. Auch gilt weiterhin am Wochenende ein Alkoholverbot auf zentralen Plätzen in der Innenstadt.

Frankfurt am Main

Auch Frankfurt am Main zählt inzwischen zu den Corona-Hotspots. Die kritische 50er-Marke ist überschritten. Die Anzahl der Neuinfektionen habe sich in den vergangenen zehn Tagen annähernd verdoppelt, teilte die Stadt mit. Als Reaktion gelten unter anderem Alkoholverbote sowie die generelle Pflicht zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in bestimmten Bereichen. Zudem wurde eine Sperrstunde für die Zeit zwischen 23 Uhr und 6 Uhr eingeführt. Ursprünglich war dies bereits ab 22 Uhr geplant gewesen.

Mit Maske auf der Frankfurter Zeil. | dpa

Mit Maske auf der Frankfurter Zeil. Bild: dpa

Köln, Düsseldorf, Dortmund, Essen

Nordrhein-Westfalen hat seit Tagen die höchsten Ansteckungsraten aller deutschen Flächenländer. Mehrere Städte liegen seit Tagen über der kritischen Marke - aus verschiedenen Gründen. Mit Köln und Essen liegen jetzt auch zwei nordrhein-westfälische Großstädte nur noch ganz knapp unter der kritischen Marke. Das Landeszentrum Gesundheit gab den Wert für Köln am Freitag mit 49,8 an (plus 4,4 im Vergleich zum Vortag), für Essen mit 48,4 (plus 5,0).

Auch gab es einen massiven Anstieg in Herne: Die Ruhrgebietsstadt kam auf einen Wert von 56,2 (plus 22,4 im Vergleich zum Vortag) und gilt damit jetzt als Corona-Risikogebiet. Ähnlich im Kreis Unna. Was den dortigen Behörden Sorgen macht: Sie können den Anstieg nicht auf ein einzelnes Superspreader-Event zurückführen. Vielmehr verteilten sich die gemeldeten neuen Fälle gleichmäßig auf alle Städte im Kreis. Es gebe Infektionen und Verdachtsfälle an mehreren Schulen, Kitas und in Fußballmannschaften. Das macht die Kontaktnachverfolgung für die Gesundheitsämter besonders schwierig.

In Düsseldorf und Dortmund sind die Zahlen noch vergleichsweise moderat - in beiden Städten liegt die Sieben-Tage-Inzidenz laut Robert Koch-Institut bei rund 26.

Leipzig

Als einzige ostdeutsche Stadt nahm Leipzig an der Videoschalte mit der Kanzlerin teil. Im Vergleich zu westdeutschen Bundesländern sind die Corona-Zahlen in Sachsen mit insgesamt bislang rund 7700 Fällen geringer, aber inzwischen zeigt auch hier der Trend deutlich nach oben. Vor allem im Landkreis Zwickau und im Erzgebirgekreis steigt die Zahl der Neuinfektionen stark. Aber auch im Landkreis Bautzen. Hier wurde am Donnerstag der Grenzwert überschritten - Großveranstaltungen wurden daraufhin abgesagt.

In Dresden und Leipzig werden ebenfalls deutlich mehr Neuinfektionen registriert. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung hält nun Alkoholverbote auf öffentlichen Plätzen und eine Maskenpflicht in Fußgängerzonen für denkbar.

Nach Einschätzung von Jung, der auch Städtetagspräsident ist, versuchen "die Städte alles, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten." Viele handelten bereits nach einem Stufenkonzept. "Sobald in einer Stadt die bundeseinheitlichen Stufen von 35 oder 50 Corona-Erkrankungen je 100.000 Einwohner überschritten werden, greifen strenge Auflagen. Das können eine ausgeweitete Maskenpflicht sein, Obergrenzen bei Veranstaltungen oder eingeschränkte Besuchsregeln in Krankenhäusern oder Pflegeheimen."

Burkhard Jung | dpa

"Die Städte versuchen alles, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten:" Leipzigs OB Jung Bild: dpa

Jung warnte zugleich, wenn die Neuinfektionen weiter rasant stiegen, erreichten die Gesundheitsämter ihre Grenzen, weil Infektionsketten nicht mehr nachverfolgt werden könnten.

Stuttgart

Stuttgarts Nachbarlandkreis Esslingen ist bereits Corona-Hotspot - hier gelten ab sofort eine Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen und schärfere Teilnehmerbeschränkungen bei Feiern und Veranstaltungen.

Auch in anderen Kommunen Baden-Württembergs ist die Lage riskant. Stuttgart (43,7) liegt über der kritischen Marke von 35 Neuinfektionen. In der Landeshauptstadt waren angesichts steigender Infektionszahlen bereits am Mittwoch die Auflagen für Feiern verschärft worden. Die Landkreise Göppingen (34,9) und Mannheim (33,8) verzeichnen ebenfalls hohe Werte.

Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn erinnert die Lage stark an die Situation im März. "Immer mehr Fälle werden registriert, das Infektionsgeschehen wird diffuser. Das bereitet uns Sorgen", sagte der Grünen-Politiker. Ein weitreichender Lockdown müsse verhindert werden. Deshalb würden private Zusammenkünfte eingeschränkt.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 09. Oktober 2020 um 12:00 Uhr.

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Moderation 09.10.2020 • 19:08 Uhr

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