Hintergrund

Nur wenige Menschen sind in der Innenstadt von Hamm unterwegs. | Bildquelle: AP

Coronavirus in Deutschland Sieben Hotspots - verschiedene Ursachen

Stand: 06.10.2020 19:52 Uhr

Teile Berlins sind Corona-Risikogebiet, auch in NRW und Niedersachsen wird mancherorts der kritische 50er-Grenzwert gerissen. Die Ursachen für die hohen Fallzahlen in den sieben Hotspots sind unterschiedlich - ein Überblick.

Berlin

Die Aufforderung von Gesundheitsminister Jens Spahn war unmissverständlich: Berlin müsse die geltenden Corona-Regeln strikter umsetzen. "Es liegt nicht an zu wenig Regeln. Es liegt eher an der Frage, wo werden welche Regeln durchgesetzt. Und da geht zumindest in manchen Bereichen dieser schönen Hauptstadt, glaube ich, noch mehr", sagte Spahn. Er könne nicht verstehen, dass große Partys möglich seien, und dass es Restaurants gebe, wo man mit Maske angeguckt werde, als wäre man vom Mond.

Wer in diesen Tagen in die Hauptstadt fährt, begibt sich unter Umständen in ein Corona-Risikogebiet. Vier Bezirke fallen aufgrund hoher Fallzahlen inzwischen in diese Kategorie: Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Tempelhof-Schöneberg und Neukölln. Hier liegt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Bewohner deutlich über der Schwelle von durchschnittlich 50 in sieben Tagen. Für Berlin-Reisende heißt das: erhöhte Ansteckungsgefahr und womöglich Quarantäne nach Rückkehr.

Warum bekommt Berlin die Corona-Lage nicht unter Kontrolle? In vielen Großstädten steigen derzeit die Fallzahlen. Die Situation in einigen Berliner Bezirken ist außergewöhnlich. Als Infektionsherde sehen die Behörden nicht zuletzt illegale Partys und private Feiern mit reichlich Alkoholkonsum. Erst am Wochenende waren auf Twitter wieder Bilder von dichtgedrängten feiernden Menschen zu sehen.

Im Interview mit den tagesthemen sprach Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci von "einigen Wenigen, die sich sehr egoistisch verhalten". Konkret sprach sie von der Nacht- und Partyszene.

Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel sprach sich im rbb dafür aus, die Bußgelder bei Verstößen gegen Corona-Regeln möglichst direkt einzutreiben. "Ich glaube, das würde auch wichtige Signale setzen,(...) dann würde man sofort merken, dass es auch eine Konsequenz hat. Das ist, glaube ich, ganz wichtig." Das hatte auch der Regiernde Bürgermeister Michael Müller schon gefordert. So sollten die Ordnungsämter Bußgelder von Gastronomen bei Regelverstößen sofort kassieren dürfen und nicht erst nach einem langen Verfahren.

Am Abend reagierte der Berliner Senat und beschloss Verschärfungen der Regeln. Ab Samstag müssten zwischen 23.00 und 06.00 Uhr alle Stellen geschlossen bleiben, "wo man Alkohol kaufen könnte", sagte Justizsenator Dirk Behrendt nach einer Sondersitzung des Senats. Das gelte etwa für Bars und Restaurants, Supermärkte und die in Berlin Spätis genannten Kioske. Tankstellen dürften im fraglichen Zeitraum nur Benzin und Ersatzteile verkaufen.

"Zerstreuungsgebot" in Parks und auf Plätzen

Im gleichen Zeitraum gilt demnach außerdem ein "Zerstreuungsgebot" im öffentlichen Raum. Treffen etwa in Parks oder auf öffentlichen Plätzen müssen um 23 Uhr beendet werden. Bis 6 Uhr dürfen sich nur noch maximal fünf Menschen aus verschiedenen Haushalten oder Angehörige zweier Haushalte im Freien treffen.

Auch zur übrigen Tageszeit werden die Kontaktbeschränkungen verschärft, wie Müller sagte. Im privaten Bereich dürfen sich nur noch maximal zehn Menschen in geschlossenen Räumen treffen. Bisher sind 25 Teilnehmer erlaubt. Es handele sich um "erhebliche Eingriffe", die aber nötig seien, um einen kompletten Lockdown noch zu verhindern, sagte Müller. Er appellierte an die Bürger, die Corona-Maßnahmen konsequent umzusetzen: "Ich bitte alle um Mithilfe in jedem Lebensbereich."

Wegen der zugespitzten Corona-Situation in Berlin sollen auch Touristen vorerst nicht weiter angeworben werden. Die Hauptstadt hat deshalb vorübergehend alle Werbekampagnen gestoppt, sagte der Geschäftsführer von Visit Berlin, Burkhardt Kieker, dem rbb.

Hamm, NRW

Was eine aus dem Ruder laufende Großveranstaltung in Corona-Zeiten bewirken kann, zeigt das Beispiel der Stadt Hamm in Nordrhein-Westfalen. Eine Hochzeit Anfang September an mehreren Veranstaltungsorten, mit mehr Gästen als erlaubt und schlecht bzw. gar nicht ausgefüllten Teilnehmerlisten führte dazu, dass Hamm zur Stadt mit der höchsten Rate an Neuinfektionen in ganz Deutschland wurde.

Die Folge: Wieder Kontaktbeschränkungen und private Feste mit mehr als 25 Gästen müssen angemeldet werden. An den Schulen gilt die Maskenpflicht auch im Unterricht. Zwar gibt es inzwischen etwas weniger Corona-Fälle, doch noch meldet das RKI für Hamm durchschnittlich 94,4 Neuinfektionen in den vergangenen sieben Tagen pro 100.000 Einwohner - fast doppelt so hoch wie der Schwellenwert von 50, ab dem Kontaktbeschränkungen und strengere Corona-Maßnahmen in Kraft treten sollen.

Nur wenige Menschen sind in der Innenstadt von Hamm unterwegs. | Bildquelle: AP
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Nur wenige Menschen sind in der Innenstadt von Hamm unterwegs.

Remscheid, NRW

Während in Hamm die extrem hohe Zahl an Corona-Infektionen auf ein "Superspreader-Event" zurückzuführen ist, können die Behörden in Remscheid nur mutmaßen, warum die Stadt im Bergischen Land zu einem Corona-Hotspot wurde. Am Dienstag waren insgesamt 578 Infektionen in Remscheid gemeldet, pro 100.000 Einwohnern gab es in den vergangenen sieben Tagen 63,1 Neuinfektionen. Damit wird der von Politik und Experten festgelegte Schwellenwert von 50 seit mehr als zwei Wochen überschritten. Gesundheitsamt und Stadtverwaltung tippen auf Reiserückkehrer, die das Virus dann über Kindergärten und Schulen ins Gemeinwesen geschleppt haben. Doch mehr als eine durch Indizien gestützte Vermutung ist das nicht. Und ganz offensichtlich bleibt das Infektionsgeschehen nicht auf diese beiden Orte begrenzt: Denn sowohl in Wuppertal als auch in Solingen, den beiden anderen großen Städte im Bergischen Land, steigen die Infektionszahlen wieder an.

Landkreis Vechta

Auch der Landkreis Vechta in Niedersachsen gehört zu den deutschen Corona-Hotspots. Dass der 50er-Grenzwert dort gerissen werden würde, war nach einem Ausbruch in einem Alten- und Pflegeheim erwartet worden. Am Freitag hatte die niedersächsische Kommune mitgeteilt, dass in einem Heim 31 Bewohner und 19 Mitarbeiter positiv getestet worden waren. Die Infizierten wurden inzwischen von den übrigen Bewohnern getrennt untergebracht.

In einem alten- und Pflegeheim in Vechta gibt es einen Corona-Ausbruch. | Bildquelle: dpa
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In einem Alten- und Pflegeheim in Vechta gibt es einen Corona-Ausbruch.

Für das Pflegeheim gilt bis auf Weiteres ein Aufnahmestopp und ein Besuchsverbot. Sämtliche Bewohner und Mitarbeiter sollen im Zwei-Tages-Rhythmus auf das Coronavirus getestet werden. Das Personal dürfe nur noch mit einer medizinischen Schutzmaske (FFP2) und in bewohnerbezogenen Einsatzbereichen arbeiten. Zudem werde eine zum Haus gehörende Demenzstation, die bislang coronafrei sei, organisatorisch vom Haus getrennt.

Nach Angaben der Leiterin des Gesundheitsamts Vechta, Sandra Guhe, konnte eine genaue Ursache des Ausbruchs bisher nicht ermittelt werden. "Priorität hat jetzt die Versorgung der Infizierten und die Abgrenzung des Infektionsgeschehens, in dem alle engeren Kontaktpersonen ermittelt und in Quarantäne versetzt werden."

Landrat Herbert Winkel zufolge sind weitere Einschränkungen des öffentlichen Lebens in der Region zunächst nicht geplant, da sich der Corona-Ausbruch klar verorten lasse. Der CDU-Politiker appellierte an alle Einwohner im Landkreis, auf Feiern und Treffen im größeren Umfang zu verzichten. Ein für den 4. Oktober geplanter verkaufsoffener Sonntag in Vechta fiel aus.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 06. Oktober 2020 um 14:00 Uhr.

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