Fernsehbildschirme zeigen eine Nachrichtensendung auf der der russische Präsident Putin spricht. | picture alliance/dpa/AP
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Krieg gegen die Ukraine Putin-Rede schon zwei Tage alt?

Stand: 24.02.2022 11:56 Uhr

In sozialen Medien wird behauptet, die Rede von Russlands Präsident Putin zum Angriff auf die Ukraine sei bereits vorab aufgezeichnet gewesen. Eine Analyse der Videodatei bestätigt das nicht.

Von Patrick Gensing und Carla Reveland, Redaktion ARD-faktenfinder

Russland hat in den vergangenen Jahren immer wieder Strategien zur Verschleierung und Verwirrung der Öffentlichkeit angewandt. Auch vor dem Angriff auf die Ukraine ließ Präsident Wladimir Putin die Welt rätseln, wie seine nächsten Schritte aussehen könnten.

Dazu kamen verschiedene Beispiele von irreführenden Meldungen und fragwürdigen bis falschen Behauptungen.

Angesichts dessen erschien es vielen Beobachtern offenkundig nicht abwegig, dass der Kreml auch bei dem Video getrickst habe, in dem Putin mit drastischen Drohungen um sich wirft und den Angriff auf die Ukraine als Selbstverteidigung bezeichnet.

Auf Twitter verbreitet sich ein Screenshot, der die Metadaten der Videodatei zeigen soll - und zwar von der Rede, die der Kreml am Donnerstagmorgen auf seiner Seite zur Verfügung gestellt hatte. Demnach wurde diese Video-Datei bereits am 21. Februar um 19:00 Uhr erstellt. Unter anderem die "Novaya Gazeta" berichtete darüber und verbreitete diesen Screenshot.

Offenkundig falsch zugeordnet

Doch einer Überprüfung hält das nicht stand: Nach dem Herunterladen des Videos mit der Kriegserklärung von Putin an die Ukraine ergibt sich vielmehr, dass die Datei am frühen Morgen des 24. Februar erstellt worden sei.

Metadaten zu Putins Kriegserklärung | Kreml

Von tagesschau.de ausgewertete Metadaten des Videos vom Kreml. Diese zeigen, dass die 28-minütige Videodatei am Donnerstagmorgen erstellt wurde. Bild: Kreml

Die Angaben, die derzeit auf Twitter kursieren, beziehen sich offenkundig auf das Video vom 21. Februar, in dem Putin die Anerkennung der "Volksrepubliken" verkündet hatte. Dafür sprechen auch die jeweiligen Längenangaben der Videos: Putins Rede vom 21. Februar war fast eine Stunde lang, die aus der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hingegen weniger als eine halbe Stunde.

Metadaten von Putins Rede zur Anerkennung der "Volksrepubilken" | Kreml

Von tagesschau.de ausgewertete Metadaten des Videos vom 21. Februar mit der Länge von 55 Minuten. Bild: Kreml

Große Ähnlichkeiten

Für Spekulationen sorgte zudem, dass die Videos sehr ähnlich sind, was Putins Kleidung und den Schreibtisch betrifft. Allerdings gibt es auch Unterschiede in kleinen Details, so fällt beispielsweise die russische Flagge links neben Putin in den Videos unterschiedlich.

Auch der Videoausschnitt unterscheidet sich minimal. Dass es im Kreml eine feste Kameraposition für solche Ansprachen von Putin gibt, ist zudem plausibel.

Russlands Präsident Putin bei seiner Rede, in der er den Angriff auf die Ukraine ankündigt. | AFP

Wladimir Putin in seiner 28-minütigen Rede, die am 24. Februar veröffentlicht wurde. Bild: AFP

Wladimir Putin | AP

Wladimir Putin in seiner 55-minütigen Rede, die am 21. Februar veröffentlicht wurde. Bild: AP

Insbesondere die Längenangabe des Videos in dem derzeit kursierenden Screenshot weist darauf hin, dass diese Metadaten tatsächlich zu dem Video vom 21. Februar gehören - und nicht zu dem aktuellen.

Metadaten lassen sich zwar editieren, doch insgesamt gibt es keinen belastbaren Beweis, dass Putin die Rede zum Angriff auf die Ukraine bereits vor Tagen aufzeichnen ließ - auch wenn er die Entscheidung für den Angriff mutmaßlich längst getroffen hatte.