Screenshot des Reuters-Material - aufgenommen am frühen Dienstagmorgen nahe von Donezk
faktenfinder

Video aus der Ostukraine Minenräumgeräte waren bereits bei Donezk

Stand: 24.02.2022 09:46 Uhr

Russland hat am Montag die Entsendung von Truppen in die Ukraine angekündigt. Kurz darauf wurden Militärfahrzeuge nahe Donezk gefilmt - ohne Hoheitszeichen, aber mit einem Spezialsystem gegen Minen.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Russlands Präsident Wladimir Putin hat am Montag mit der Anerkennung der "Volksrepubliken" in der Ukraine eine internationale Krise ausgelöst. Zudem kündigte Putin an, Truppen in das Nachbarland schicken zu wollen. Der Präsident bezeichnete diese als "Friedenstruppen" - und ließ die Öffentlichkeit im Unklaren, wann genau die russischen Soldaten in die Ukraine geschickt werden sollten.

Karte: Separatistengebiete Luhansk und Donezk mit Demarkationslinie

Am Dienstag veröffentlichte die Nachrichtenagentur Reuters Bildmaterial, welches in der Nähe von Donezk in der Ukraine gefilmt worden sein soll. Nach Reuters-Angaben hatte ein Augenzeuge das Video am frühen Dienstagmorgen in der Stadt Makiivka aufgenommen. Zu sehen ist eine Kolonne von Militärfahrzeugen, Mannschaftstransportwagen und Panzern auf einer Hauptverkehrsstraße.

Reuters ergänzt bei den Angaben zu den Bildern, es seien keine Hoheitszeichen auf den Fahrzeugen zu sehen gewesen, Reuters-Reporter hätten zudem zuvor keine entsprechenden militärischen Fahrzeuge dort gesehen.

Verifikation des Ortes

Die Stadt Makiivka liegt östlich von Donezk, zur russischen Grenze sind es über die Autobahn Т0507 nur etwa 80 Kilometer. Es erscheint also vom zeitlichen Ablauf absolut möglich, dass ein Militärkonvoi diese Strecke nach der Ankündigung Putins bewältigt haben kann.

Die Ortsangaben lassen sich zudem überprüfen: So sind auf dem Video verschiedene Schilder zu sehen, die Hinweise liefern. In diesem Fall ist es sogar besonders eindeutig, da ein Schild mit der Aufschrift der Stadt zu erkennen ist. Darüber hängt ein anderes Schild mit einem Glückwunsch zum Feiertag - damit könnte der russische Heldentag gemeint sein - sowie eine auffällige Reklametafel.

Screenshot des Reuters-Material - aufgenommen am frühen Dienstagmorgen nahe von Donezk

Screenshot des Reuters-Material - aufgenommen am frühen Dienstagmorgen nahe von Donezk

Autobahn zwischen Makiivka und Donezk

Verschiedene Suchen mit Screenshots aus dem Video, russischen Karten-Tools und einer in dem Video zu sehenden Telefonnummer führte zu verschiedenen Adressen sowie weiteren Bilddokumenten, in denen die erwähnten Schilder zu sehen sind - und so lässt sich der Ort der Aufnahme verifizieren: Das Video wurde tatsächlich auf der Autobahn zwischen Makiivka und Donezk aufgenommen.

Screenshot aus einem YouTube-Video, das die betreffende Werbetafel sowie die Schilder zeigt.

Screenshot aus einem YouTube-Video, das die betreffende Werbetafel sowie die Schilder zeigt.

Auf Yandex-Maps lassen sich ebenfalls Stadtschilder lokalisieren - die Aufnahmen sind allerdings veraltet, nämlich aus dem Jahr 2010.

Auf Yandex-Maps lassen sich ebenfalls Stadtschilder lokalisieren - die Aufnahmen sind allerdings veraltet, nämlich aus dem Jahr 2010.

Zudem ist das Reuters-Video aktuell: Dafür sprechen neben den vertrauenswürdigen Angaben der Agentur selbst auch verschiedene Überprüfungen. So ist das Video vorher nicht im Netz aufgetaucht; zudem zeigt ein anderes aktuelles Video von der Autobahn exakt dieselben Werbetafeln an dieser Stelle.

Ein Twitter-Nutzer aus der Ukraine lieferte auf Anfrage von tagesschau.de den Hinweis auf das Video von der Autobahn, auf dem die betreffenden Schilder und die Reklame zu sehen sind.

Hier der Ort auf Yandex-Maps, an dem die Bilder aufgenommen wurden.

Hier der Ort auf Yandex-Maps, an dem die Bilder aufgenommen wurden.

Welche Fahrzeuge und Systeme sind zu sehen?

Das Reuters-Video zeigt eine ganze Reihe von Militärfahrzeugen sowie Truppentransportern, auch Spezialfahrzeuge sind in der Kolonne unterwegs. Möglicherweise handelt es sich dabei um das Minenräumsystem UR-77 "Meteorit", das aus sowjetischer Produktion stammt.

Solche Minenräumsysteme waren in den vergangenen Tagen und Wochen in verschiedenen Videos im Netz zu sehen. Diese Videos wiederum sollen den russischen Militäraufmarsch im Grenzgebiet zur Ukraine gezeigt haben - sowohl in Russland selbst als auch in Belarus.

Bereits vor Wochen hatten militärische Fachseiten berichtet, Russland verlege UR-77-Systeme in die Grenzregion, was von Militärfachleuten als ein Indiz für eine bevorstehende Invasion der Ukraine gewertet wurde. Denn um die Kontaktlinie im Donbas zu durchbrechen, wären diese Spezialeinheiten eine besonders wichtige Waffe, schrieb das "Forbes"-Magazin.

Experte bestätigt: UR-77 unterwegs

Der Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations bestätigte auf Anfrage von tagesschau.de nach Ansicht des Reuters-Videos, dass es sich um ein UR-77-Minenräumsystem handele. Zunächst sei in dem Video in der ersten Kolonne eine Pionierkompanie zu sehen, erklärte Gressel. Diese fange mit Straßenverleger an, das Minenräumsystem passe dazu.

Ob dieses Spezialgerät schon vor der Ankündigung Putins zur Entsendung von vermeintlichen "Friedenstruppen" in der Ukraine gewesen ist, lässt sich aus den vorliegenden Bildern allerdings nicht ableiten. Neue Satellitenbilder zeigen aber einen weiteren Truppenaufmarsch Russlands an den Grenzen zur Ukraine. Die Bilder der Militärkolonne mit dem Minenräumsystem waren somit ein weiteres Indiz für den Angriff Russlands auf die Ukraine.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau24 am 24. Februar 2022 um 09:00 Uhr.