"Corona Sperrzone" steht auf einem Schild am Eingang einer Covid-19 Intensivstation. | dpa
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Corona und Hospitalisierungen Hohe Inzidenz sorgt für unklare Daten

Stand: 27.01.2022 13:34 Uhr

Die Zahl der Neuinfektionen explodiert, doch die Lage in den Krankenhäusern bleibt stabil. Allerdings werden Zahlen über Covid-Patienten auf Normalstationen ungenauer. Ein Grund: Die Daten werden noch immer gefaxt.

Von Patrick Gensing, Redaktion ARD-faktenfinder

Viel mehr Infektionen, doch eine stabile Lage auf den Intensivstationen - so stellt sich die Situation derzeit in Deutschland dar. Die Omikron-Variante scheint zumeist milder zu verlaufen als Covid-Fälle durch Delta, zudem zeigen die Booster-Impfungen offenkundig Wirkung.

Patrick Gensing tagesschau.de

Dennoch warnen Fachleute, die extrem hohe Anzahl von neuen Fällen könne wiederum zu einer Belastung für das Gesundheitssystem werden - auch wenn anteilig weniger Menschen schwer erkranken als in vorherigen Wellen.

Datenlage wird unklarer

Doch wie viele Menschen werden tatsächlich schwer krank und müssen ins Krankenhaus? Die Datenlage dazu ist nicht eindeutig, wie ein Blick nach Dänemark anschaulich zeigt. Die Regierung in Kopenhagen hat gerade angekündigt, sämtliche Maßnahmen aufheben zu wollen - trotz vieler Neuinfektionen und trotz mehr Menschen in den Kliniken, die als Covid-Patienten erfasst werden.

Doch diese Daten trügen, wie die zuständigen Stellen selbst betonen: Denn bei den registrierten Covid-Patienten in den Kliniken werden alle gezählt, die positiv auf Corona getestet worden sind. Das heißt: Auch Menschen, die nicht ursächlich wegen Covid ins Krankenhaus mussten, werden als solche Patienten gezählt.

Aus einer Unschärfe wird ein Problem

Dieses Vorgehen war in Zeiten von niedrigen oder moderaten Inzidenzen lediglich eine Unschärfe, doch mittlerweile verschwimmt das Gesamtbild immer mehr.

Der dänische Sender TV2 sammelte regionale Daten, die zeigten, dass rund ein Drittel der als Covid-Patienten erfassten Fälle aus anderen Gründen hospitalisiert wurden. Die Corona-Infektion sei eine Nebendiagnose gewesen.

Dem Bericht zufolge erwarteten Fachleute, dass sich der Anteil dieser Nebendiagnosen angesichts von Omikron weiter deutlich erhöhen werde. Allerdings ist es nicht in allen Fällen eindeutig, inwieweit eine Corona-Infektion eine andere Erkrankung beeinflusst. Das heißt: Auch wenn die Corona-Infektion nicht die Hauptursache für eine Einweisung in ein Krankenhaus ist, kann sie dennoch eine Rolle spielen.

Ein Viertel psychiatrische Fälle

Um die Ungenauigkeit der Daten transparenter zu machen, hat das zuständige dänische Institut in seinem Dashboard die Angabe zu den hospitalisierten Personen um die Kategorie "in psychiatrischer Behandlung" erweitert, denn auch diese werden als Covid-Patienten erfasst, sollten sie positiv auf Corona getestet werden.

Demnach sind aktuell insgesamt 938 Menschen als Corona-Patienten in Krankenhäusern erfasst - darunter finden sich allerdings allein 226 psychiatrische Fälle, also rund ein Viertel. Dazu kommen noch die Fälle, bei denen nicht erfasst werden kann, ob Covid die Ursache für die Einlieferung war.

In seinem aktuellen Bericht schreibt das dänische Institut, es gebe weniger Hospitalisierungen wegen Corona, aber mehr Patienten mit Corona. Grund seien viele positive Tests auf Omikron. Besonders bei den Jüngeren nehme der Anteil ab, der wegen Covid hospitalisiert wird. Bei den Älteren liege der Anteil der Covid-Patienten zwar noch höher, sinke aber ebenfalls.

Risiko für Ungeimpfte weiterhin deutlich höher

Die zuletzt in Dänemark registrierte Übersterblichkeit geht nach Einschätzung der Epidemie-Kommission noch auf die Delta-Variante zurück. Grund dafür seien zum einen die Zeit, die zwischen Infektion und Versterben vergeht, zum anderen der Meldeverzug bei solchen Fällen.

Rebecca Legarth vom staatlichen dänischen Institut betont aber auch, trotz der sinkenden Zahl von Covid-Patienten gebe es weiterhin ein deutlich höheres Risiko für Ungeimpfte, schwer an Corona zu erkranken und ins Krankenhaus zu müssen.

Wie ist die Lage in Deutschland?

Über die Unschärfe bei der Erfassung von Covid-Hospitalisierungen in Deutschland hatte der ARD-faktenfinder bereits im vergangenen Jahr berichtet. Zu diesem Zeitpunkt war die Ungenauigkeit aber noch überschaubar, da die Inzidenz viel niedriger lag als aktuell.

Das RKI schreibt zur Erfassung der Daten in Deutschland:

Bei der Berechnung der 7-Tage-Hospitalisierungsinzidenz wird der Grund für die Hospitalisierung nicht berücksichtigt, da diese Informationen nicht immer vollständig und valide vorliegen. [...] Meldepflichtig gemäß Infektionsschutzgesetz ist jede Hospitalisierung in Bezug auf COVID-19. Das bedeutet, dass der Grund der Aufnahme in Zusammenhang mit der COVID-19-Erkrankung steht, aber ein direkter kausaler Zusammenhang zum Zeitpunkt der Meldung noch nicht hergestellt werden muss. [...] Wird bei Aufnahme der betroffenen Person jedoch deutlich, dass die Krankenhausaufnahme in keinem Zusammenhang mit der COVID-19-Diagnose steht, z.B. bei einem Verkehrsunfall, dann besteht keine Meldepflicht.

Eine Corona-Infektion muss also auch in Deutschland nicht der Grund für eine Hospitalisierung sein, kann aber dennoch in den Daten auftauchen.

Offenbar weniger Corona-Patienten

Laut "Bild"-Zeitung ist das zunehmend der Fall. Im Saarland lag demnach in den vergangenen zwei Wochen nur jeder vierte offiziell gemeldete Corona-Patient tatsächlich wegen Covid im Krankenhaus. In Bremen hatten laut "Bild" vergangene Woche 40 Prozent der Corona-Patienten den Einweisungsgrund Covid, bei 60 Prozent wurde Corona nebenbei festgestellt. In Rheinland-Pfalz lagen in den vergangenen zwei Wochen 44 Prozent der offiziell gemeldeten Corona-Patienten wegen des Virus dort, 56 Prozent aus anderem Grund. Allerdings lässt sich wie erwähnt nicht immer eine eindeutige Ursache für eine Hospitalisierung bestimmen.

Vorliegende Daten von Krankenhäusern zeigen, dass die Belegung mit Covid-Patienten zuletzt rückläufig war, derzeit aber wieder leicht steigt. Als Grund sehen Fachleute die sehr hohen Infektionszahlen. Sequenzierungen zeigen zudem übereinstimmend einen Omikron-Anteil von mindestens 80 Prozent bei Covid-Patienten in Krankenhäusern, wie Anfragen an verschiedene Kliniken zeigen.

Meldebögen per Fax

Aus Klinikkreisen heißt es, bei vielen Fälle lasse sich nicht eindeutig bestimmen, ob eine Corona-Infektion Ursache für eine stationäre Aufnahme sei - und diese Angabe sei in den Meldebögen auch nicht vorgesehen. "Mit oder wegen Corona lässt sich nicht ankreuzen", heißt es.

Allerdings ließe sich beispielsweise vermerken, dass Corona-positive Patienten symptomfrei seien. Doch diese Bögen würden dann per Fax übermittelt. Das heißt: Eine digitale Auswertung ist nicht oder nur nach einer Übertragung der Angaben in ein digitales System möglich.

Unschärfe dürfte zunehmen

Die unklare Datenlage dürfte sich weiter verschlechtern. Die deutsche Krankenhausgesellschaft teilte auf Anfrage mit, die extrem hohen Inzidenzen "werden in den kommenden Wochen zwangsläufig zu mehr positiven Befunden bei Patienten, die aus anderen Gründen im Krankenhaus sind, führen".

Für die Kliniken bedeuten diese Patienten der Krankenhausgesellschaft zufolge "aber weiterhin aufgrund des Infektionsschutzes einen deutlich erhöhten Arbeitsaufwand und damit auch eine Beeinträchtigung der Regelversorgung".

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 27. Januar 2022 um 13:35 Uhr.