Südkoreanische Krankenhausmitarbeiter in Daegu | Bildquelle: AP

Maßnahmen gegen Corona Südkorea als Vorbild?

Stand: 31.03.2020 16:56 Uhr

Auf der Suche nach Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus gilt Südkorea als Vorbild. Dort blieb die Zahl der Infektionen relativ niedrig. Aber auch dort ist die Krise noch nicht vorbei.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

In einem vertraulichen Strategiepapier des Bundesinnenministeriums zum Kampf gegen das Coronavirus wird Südkorea als Vorbild genannt. Mittels Massentests und Isolierung von Erkrankten sei die Ausbreitung des Erregers stark verlangsamt worden, ohne das öffentliche Leben zum Stillstand zu bringen.

In der Tat flachte sich die Infektionskurve in Südkorea schnell ab, obwohl es im Februar einen heftigen Ausbruch gab. Bis Dienstag wurden dort lediglich 9786 Menschen positiv auf den Sars-CoV-2-Erreger getestet. Die Zahl der Todesfälle in Verbindung mit dem Virus lag bei 162. In Deutschland sind es fast 67.000 Infizierte und 650 Todesfälle.

Dabei gibt es Ähnlichkeiten zwischen Südkorea und der Bundesrepublik - auch dies ein Grund, das nordostasiatische Land zum Vorbild zu nehmen. Mit einer Bevölkerung von 50 Millionen ist Südkorea nicht zu weit von Deutschland entfernt. Allerdings sind nach Angaben einer Studie der Vereinten Nationen in Deutschland, wie in Italien, 28 Prozent der Bevölkerung älter als 60 Jahre. In Südkorea sind es nur 18 Prozent.

Die Wirtschaft ist hingegen vergleichbar strukturiert und anders als China ist Südkorea demokratisch verfasst. Hinzu kommt, dass Südkorea 2015 Erfahrungen mit dem MERS-Virus sammelte und sein Gesundheitssystem reformierte.

Infektionskette anfänglich gut nachverfolgbar

Im Januar konnte Südkorea die Ausbreitung des Coronavirus gut verfolgen und eindämmen. So wurde das Virus am 20. Januar bei einer Chinesin festgestellt, die aus Wuhan einreiste. Ähnlich konnte im Januar ein Ausbruch in Bayern aufgespürt werden, als eine Chinesin einen Kollegen einer deutschen Firma ansteckte und dieser isoliert wurde.

Mitte Februar stiegen die Zahlen in Südkorea sprunghaft an. Betroffen war vor allem die Großstadt Daegu und die umliegende Region. Dort konnte die Infektionskette anfänglich gut nachverfolgt werden, da eine Patientin als Mitglied der christlichen Sekte Shincheonji-Kirche Jesu viele ihrer Mitgläubigen angesteckt hatte. Bis zum 12. März entfielen mehr als 60 Prozent der erfassten Infektionen auf Anhänger dieser Sekte, die Verbindungen nach China pflegt. Ende Februar gab es in der Stadt zeitweise täglich mehr als 900 registrierte Neuinfektionen.

Die Behörden gingen streng vor und stellten Strafanzeige wegen Mordes gegen den geistigen Führer und zwölf weitere Mitglieder, weil sie beim Ausfindigmachen der Anhänger nicht ausreichend kooperiert haben sollen. Inzwischen schloss die Sekte nach eigenen Angaben alle ihre Einrichtungen im Land und übergab den Gesundheitsbehörden die Namen von mehr als 200.000 Anhängern.

"Social Distancing" auch in Südkorea

Nach Bekanntwerden des ersten Todesfalles wegen Corona rief die Regierung am 23. Februar die höchste Warnstufe für Infektionskrankheiten aus. Als sich das Virus über die Stadt Daegu hinaus ausbreitete, wurden weitere Städte wie Chenongdo und Gyeongsan zu speziellen Kontrollzonen erklärt.

Zur Anwendung kamen Maßnahmen, die auch hier als "Social Distancing" bekannt sind. Konzerte und Festivals wurden abgesagt und Sportveranstaltungen verschoben, Museen und Büchereien blieben geschlossen. Großunternehmen ordneten Heimarbeit an. Der Beginn des Schulhalbjahrs wurde mehrfach verschoben und Kindergärten blieben geschlossen.

Auch milde und symptomlose Fälle erfasst

Was jedoch am Beispiel Südkorea am stärksten hervorgehoben wird, sind die umfangreichen Tests in der Bevölkerung. "Ich denke, wir konnten fast alle Fälle in Korea erfassen, darunter auch milde und symptomlose Fälle", sagte Kim Dong Hyun von der Koreanischen Gesellschaft für Epidemiologie am 11. März. Südkorea sei in dieser Hinsicht ein Ausnahmefall. Bis zum 30. März führte Südkorea mehr als 395.000 Tests durch, 372.000 davon waren negativ.

Allerdings testen auch andere Länder wie Island und die Vereinigten Arabischen Emirate sehr viel. In Deutschland schwanken die offiziellen Schätzungen über die Anzahl der Tests. Allein die Labore, die im ambulanten Bereich für niedergelassene Ärzte tätig sind, führten nach eigenen Angaben in der vergangenen Woche mehr als 266.000 Tests durch. Das seien 160.000 mehr als in der Vorwoche gewesen.

Tracking von Kontaktpersonen

Die mit den Tests ermittelten Infizierten wurden isoliert. Ihre Kontaktpersonen wurden mittels Videoüberwachung, Handy- und Bankdaten ausfindig gemacht und ebenfalls getestet. Um potenziell Infizierte ausfindig zu machen, dient die Nachverfolgung von Handydaten als wesentliches Element. In Südkorea erfolgt dieses Tracking auf freiwilliger Basis.

Regierungsvertreter und Epidemiologen wie Lothar Wieler, Direktor des Robert Koch-Instituts, sprechen sich dafür auch in Deutschland aus. "Es beschleunigt die Eindämmung des Virus, wenn Kontaktpersonen wissen, dass sie Kontakt hatten." Auch wenn Deutschland und Südkorea kulturell sehr unterschiedlich seien und andere Gesundheitssysteme hätten, könne das asiatische Land "Vorbild sein", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".  

Zu dem Verfahren zählt auch Transparenz: Auf der Website Coronaita sind Orte verzeichnet, an denen sich besonders viele Infizierte aufhalten und die in Quarantäne gehalten werden.

Schnelle Reaktionen in Singapur und Taiwan

In Singapur und Taiwan wird ebenfalls Tracking verwendet, um gezielt Verdachtsfälle ausfindig zu machen und diese Menschen zu isolieren. In Singapur werden zudem Ermittler auf die Überwachung von Menschen in Quarantäne angesetzt. In Hongkong erhalten Patienten in Quarantäne eine Handy-App. Sie schlägt Alarm, wenn man die Wohnung verlässt.

Wesentlich sind aber in Taiwan und Singapur die Vorkehrungen, die als Erfahrungen mit SARS und MERS getroffen wurden. Dazu zählen schnelle Entscheidungen, sobald erste Informationen über die Verbreitung eines neuen Virus eintreffen.

So teilte das Gesundheitsministerium Singapurs am 2. Januar allen Ärzte im Land mit, dass China der WHO über die Ausbreitung eines neuen Virus informiert hatte, das in Wuhan zu schweren Lungenkrankheiten geführt hatte. Es sollten alle Patienten mit Lungenproblemen gemeldet werden, die aus Wuhan eingereist waren. Auch wurden ab dem 3. Januar am Flughafen in Singapur alle Passagiere aus Wuhan auf Fieber gemessen. Auf diese Weise wurde sehr früh eine Art Tracking durchgeführt.

Programm zur Belebung der Wirtschaft

Trotz der relativ eingeschränkten Verbreitung des Virus und der sehr gezielten Isolierung von Betroffenen und Restriktionen innerhalb eingegrenzter Regionen ist auch die Wirtschaft in Südkorea von den Maßnahmen beeinträchtigt. Die Regierung legte deshalb ein massives Rettungsprogramm in Milliardenhöhe für Unternehmer, Kleinhändler und Selbständige auf, um diese vor der Insolvenz zu schützen.

Zudem erhalten 14 Millionen Haushalte in den unteren Einkommensgruppen des Landes von der Regierung Geschenkgutscheine im Wert von bis zu einer Million Won (etwa 738 Euro). Dafür wird im Parlament ein Nachtragshaushalt verabschiedet.

Schwankende Zahlen

Das Virus ist auch in Südkorea mehr als zwei Monate nach Auftreten der ersten Fälle noch nicht besiegt. Die Zahl der täglich neu erfassten Neuinfektionen schwankt derzeit um die Zahl 100. Am Montag seien 125 Fälle hinzugekommen, teilten die Gesundheitsbehörden mit.

Weiterhin werden Neuinfektionen in der südöstlichen Stadt Daegu festgestellt, und es gibt lokale Häufungen in der Hauptstadt Seoul und der umliegenden Provinz.

Die Weltgesundheitsorganisation warnte entsprechend: Auch in Asien sei die Pandemie noch keineswegs besiegt. "Das ist ein langfristiger Kampf und wir dürfen in unserer Wachsamkeit nicht nachlassen", sagte WHO-Regionaldirektor Takeshi Kasai.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. März 2020 um 13:45 Uhr.

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