Polizisten in Wien | dpa

Ermittlungen nach Terrorakt Weitere Festnahmen nach Attacke in Wien

Stand: 03.11.2020 20:19 Uhr

Nach dem Anschlag von Wien deutet vieles auf einen Einzeltäter hin. Die österreichische Polizei nahm 14 Menschen fest, auch in der Schweiz griff die Polizei zu. Unter den Toten ist eine Deutsche, wie das Auswärtige Amt mitteilte.

Im Zuge der Ermittlungen nach dem Wiener Terroranschlag sind in Österreich 14 Personen festgenommen worden. Innenminister Karl Nehammer sagte bei einer Pressekonferenz, die Festgenommenen würden vernommen. Insgesamt seien 18 Wohnungen und Häuser durchsucht worden. Hinweise auf die Adressen habe die Durchsuchung der Wohnung des Attentäters ergeben, der von der Polizei erschossen worden war.

Auch in der benachbarten Schweiz wurde die Polizei aktiv. Nach Abstimmung mit den österreichischen Behörden nahm eine Spezialeinheit zwei Männer in Winterthur fest. Der 18- und der 24-Jährige hatten möglicherweise Kontakt zu dem Attentäter von Wien. Weitere Details wurden nicht öffentlich gemacht.

Ermittler gehen inzwischen von Einzeltäter aus

Die Polizei hatte noch gestern Abend darum gebeten, Handyvideos und -fotos nicht in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen, sondern auf einer Polizeiseite im Internet hochzuladen. Laut Innenminister Nehammer kamen 20.000 Datensätze zusammen. Deren bisherige Auswertung habe keinen Hinweis auf einen weiteren Täter ergeben. Noch seien aber nicht alle Videos ausgewertet. Deswegen bleibe die Sicherheitsstufe hoch.

Der österreichische Innenminister Nehammer | dpa

Österreichs Innenminister Nehammer geht von einem Einzeltäter aus. Bild: dpa

Unter den Todesopfern auch eine Deutsche

Bei dem Anschlag tötete der Attentäter nach neuesten Erkenntnissen vier Menschen, 22 wurden verletzt. Die gestiegene Verletztenzahl erklärte der Innenminister damit, dass Rettungsdienste extrem schnell gehandelt hätten und Verletzte in verschiedene Krankenhäuser in Wien verbracht hätten. So seien einige erst heute als Anschlagsopfer registriert worden. Unter den Todesopfern ist auch eine Deutsche, wie Außenminister Maas twitterte.

"Terrorist hat die Justiz getäuscht"

Nehammer forderte eine Überprüfung der Justizpraxis, nach denen verurteilte Straftäter vorzeitig aus der Haft entlassen werden können. Nach seinen Worten war der Attentäter zu 22 Monaten Haft verurteilt worden, weil er sich dem "Islamischen Staat" habe anschließen wollen. Die vorzeitige Entlassung war möglich gewesen, weil der Mann an einem Deradikalisierungsprogramm teilgenommen hatte. "Der Terrorist hat es geschafft, die Justiz zu täuschen," sagte Nehammer.

Noch ist nicht geklärt, woher der Attentäter seine Waffen hatte. Laut Innenministerium hatte er mindestens ein Sturmgewehr, eine Handfeuerwaffe und eine Machete dabei. Zur Munition gibt es hingegen konkrete Hinweise. Im Sommer reiste der 20-Jährige in die Slowakei, um dort Munition zu kaufen. Dies bestätigten zwei Quellen dem Rechercheverbund von NDR, WDR und "SZ". Österreichischen Sicherheitsbehörden war dies offenbar bekannt. Weshalb anschließend nichts unternommen wurde, ist unklar.

IS spricht von "Soldat des Kalifats"

Inzwischen reklamierte die Terrororganisation "Islamischer Staat" den Anschlag in Wien für sich. Ein "Soldat des Kalifats" sei für die tödlichen Schüsse in der Nähe einer Synagoge verantwortlich, hieß es beim Messengerdienst Telegram. Das IS-Propagandaorgan Amaq veröffentlichte zudem ein Foto des bewaffneten Angreifers. Dies ist allerdings kein eindeutiger Beweis, dass der IS die Attacke tatsächlich anordnete.

Rede an die Nation von Kanzler Kurz

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz rief in einer Rede an die Nation zu einem entschlossen Kampf gegen den Islamismus auf. Der Mord an Passanten und Restaurant-Besuchern sei kaltblütig gewesen. "Der Anschlag hat uns und unserer freien Gesellschaft gegolten", sagte Kurz. Er kündigte an, die Hintermänner des Attentats ausfindig zu machen: "Wir treten dem Extremismus mit allen Mitteln entgegen."

Kurz warnte vor einer Spaltung der Gesellschaft. "Es muss uns stets bewusst sein, dass dies keine Auseinandersetzung zwischen Christen und Muslimen oder zwischen Österreichern und Migranten ist", sagte er. Es sei vielmehr ein Kampf zwischen den vielen Menschen, die an den Frieden glaubten, und jenen wenigen, die sich den Krieg wünschten. Religion und Herkunft dürften nie Hass begründen. "Wir werden uns von den Terroristen nicht einschüchtern lassen", sagte Kurz.

"Gemeinsam unsere Grundwerte verteidigen"

Der Bundeskanzler stufte die Attacke als "eindeutig islamistisch" ein. "Wir werden die Opfer des gestrigen Abends niemals vergessen und gemeinsam unsere Grundwerte verteidigen", sagte Kurz an die Adresse der in Österreich lebenden Menschen. Die österreichische Regierung beschloss eine dreitägige Staatstrauer.

Die Attacke hatte gegen 20 Uhr im Ausgehviertel Bermuda-Dreieck begonnen, wo kurz vor Beginn neuer Corona-Ausgangssperren und bei mildem Wetter viele Menschen unterwegs waren. Die Polizei erschoss den Mann nach neun Minuten. Der 20-jährige hatte einen österreichischen und einen nordmazedonischen Pass.

Solidaritätsadressen für Österreich kamen aus ganz Europa. "Unsere Gedanken sind bei den Verletzten und Opfern in diesen schweren Stunden", erklärte das Auswärtige Amt in Berlin. Es fügte hinzu: "Wir dürfen nicht dem Hass weichen, der unsere Gesellschaften spalten soll." Das Ministerium rief deutsche Staatsbürger in Wien auf, an einem sicheren Ort zu bleiben, bis es Entwarnung gebe.

Weltweite Anteilnahme

Die EU verurteilte den Anschlag als "feigen Angriff". Ratspräsident Charles Michel erklärte im Onlinedienst Twitter, die Tat habe sich gegen "das Leben und unsere menschlichen Werte" gerichtet. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen twitterte, Europa stehe "voller Solidarität an Österreichs Seite".

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hob hervor, dass "ein befreundetes Land" und "Europa" angegriffen worden seien. "Wir werden nicht zurückweichen", twitterte er. In Frankreich waren in den vergangenen Wochen zwei mutmaßlich islamistisch motivierte Anschläge bei Paris und in Nizza verübt worden, bei denen ein Lehrer und drei Kirchenbesucher getötet worden waren.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 03. November 2020 um 16:00 Uhr.

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