Tedros Adhanom Ghebreyesus, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (Archivbild) | dpa

Notlage wegen Affenpocken Risiko nur moderat - außer in Europa

Stand: 23.07.2022 20:23 Uhr

Die Entscheidung, wegen der Affenpocken den Gesundheitsnotstand auszurufen, war innerhalb der WHO umstritten. Dass sich deren Chef dazu entschlossen hat, dürfte vor allem an der Entwicklung in Europa liegen.

Von Kathrin Hondl, ARD-Studio Genf

Das Notfallkomitee sei sich nicht einig geworden, ob der Affenpocken-Ausbruch eine gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite darstelle, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus in Genf. Die Weltgesundheitsorganisation entschied dennoch, den internationalen Gesundheitsnotstand auszurufen. Denn, so der WHO-Chef, die Zahl bestätigter Affenpocken-Erkrankungen habe sich seit Ende Juni vervielfacht. "Es gibt jetzt mehr als 16.000 gemeldete Fällen in 75 Ländern und Territorien, sowie fünf Todesfälle", so Tedros.

Kathrin Hondl ARD-Studio Genf

Risiko einer weiteren internationalen Streuung

Die Affenpocken sind eine Variante der seit gut 40 Jahren ausgerotteten Menschenpocken. In der Regel ist es eine mild verlaufende Virusinfektion mit Symptomen wie Fieber, Kopfschmerzen und Hautausschlägen. In der Vergangenheit trat die Erkrankung fast ausschließlich in West- und Zentralafrika auf. Deshalb ist die WHO über den aktuellen Ausbruch in Dutzenden Ländern beunruhigt.

Weltweit schätze die WHO das Pockenrisiko als moderat ein, sagte Tedros - mit Ausnahme Europas. Dort sei die Gefahr einer weiteren Verbreitung hoch. Es bestehe auch ein deutliches Risiko, einer weiteren internationalen Streuung. Der Ausbruch habe sich schnell auf der ganzen Welt verbreitet, durch noch ungeklärte Übertragungswege - deshalb die Entscheidung, dass der globale Ausbruch der Affenpocken eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite darstellt. 

"Es ist nicht unser erster Appell"

Es ist die höchste Alarmstufe der WHO. Damit sollen die Regierungen der Mitgliedsländer dazu bewegt werden, den Ausbruch ernst zu nehmen und Maßnahmen zu ergreifen, um die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen. Der Leiter des WHO-Programms für Krisennotfälle, Mike Ryan, nannte die Entscheidung einen Aufruf zum Handeln:

Es ist nicht unser erster Appell. Die WHO war hochaktiv seit dem ersten Tag des ungewöhnlichen Affenpocken-Ausbruchs. Nun geht es darum, die Maßnahmen zu intensivieren. Die Welt muss handeln - und zwar vereint. Die heutige Entscheidung bedeutet, dass wir Gas geben müssen, um diese Krankheit unter Kontrolle zu bringen.

Tedros warnt vor Stigmatisierung

Mit den richtigen Strategien in den richtigen Gruppen könne der Ausbruch gestoppt werden, betonte WHO-Chef Tedros. Denn im Moment konzentrierten sich Affenpocken-Infektionen auf Männer, die Sex mit Männern haben.

Es sei nun wichtig, dass alle Länder speziell für diese Personengruppen wirksame Maßnahmen ergriffen die "Gesundheit, die Menschenrechte und die Würde der betroffenen Gemeinschaften" schützen, so Tedros. Denn, so der WHO-Generaldirektor weiter: Stigmatisierung und Diskriminierung könnten so gefährlich sein wie jedes Virus.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 23. Juli 2022 um 20:00 Uhr.