Hochsicherheitslabor P4 Uniklinik Genf | Kathrin Hondl

Experten beraten in Genf Affenpocken - WHO prüft Gesundheitsnotstand

Stand: 23.06.2022 09:40 Uhr

Wegen der Affenpocken hat die WHO das Notfallkomitee einberufen, das prüfen soll, ob es einen internationalen Gesundheitsnotstand ausruft. Es gebe ähnliche Anfangsschwierigkeiten wie 2020, sagt eine Genfer Virologin.

Von Kathrin Hondl, ARD-Studio Genf

An der Glastür zum Hochsicherheitslabor der Uniklinik in Genf hängt ein handgeschriebener Zettel mit Warndreiecken in Leuchtschrift: "Reinigungspersonal kein Zutritt - Affenpocken". Jeden Tag werden hier neue Proben von Verdachtsfällen aus der Schweiz untersucht. Tendenz steigend.

Kathrin Hondl ARD-Studio Genf

Die Virologin Isabella Eckerle leitet das Genfer Zentrum für Neuartige Viruserkrankungen. Sie vermutet eine hohe Dunkelziffer: Denn die Infizierten hätten oft Symptome, die den Bildern in den medizinischen Lehrbüchern kaum ähneln.

"Schwierig, die Fälle zu erkennen"

"Das Problem ist, dass wir die Erkrankung bisher vor allem aus Afrika kennen, dass es ein Virus ist, was wir bisher in unseren Regionen gar nicht kannten", sagt Eckerle. "Das heißt, man muss natürlich auch erst einmal daran denken, dass eine Hautläsion durch die Affenpocken ausgelöst werden kann."

Eckerle meint: "Die Kombination aus all diesen Faktoren hat es in den letzten Wochen und Monaten, vielleicht sogar schon Jahren, schwieriger gemacht, diese Fälle überhaupt zu erkennen."

Handlungsbedarf bei der Diagnose

Bei der Diagnose und überhaupt dem Erkennen möglicher Affenpockeninfektionen sieht auch Christian Lindmeier von der Weltgesundheitsorganisation WHO den größten Handlungsbedarf - unabhängig davon, ob die internationalen Experten des Notfall-Komitees der WHO empfehlen werden, den internationalen Gesundheitsnotstand auszurufen oder nicht.

"Rot heißt nicht, dass die Katastrophe über uns hereinbricht, und grün heißt nicht, dass wir überhaupt kein Thema damit haben", so Lindmeier. "Es ist wichtig, dass alle Länder testen." Die Affenpocken seien bisher vor allem bei Männern sichtbar geworden, die Sex mit Männern haben.

"Aber es kann wirklich jeden betreffen", sagt Lindmeier. "In den afrikanischen Ländern, wo die Affenpocken endemisch sind, sind Kleinkinder an den Affenpocken gestorben. Das ist das schwerwiegende daran - es kann sich wirklich jeder damit anstecken."

Umweltstabile Viren

Anders als das Coronavirus können Affenpocken auch über gemeinsam genutzte Dinge übertragen werden - zum Beispiel Bettwäsche oder Handtücher.

"Weil diese Viren relativ umweltstabil sind", erklärt Virologin Eckerle. "Das heißt, sie können relativ lange Zeit auch außerhalb des Körpers überleben. Man kann sich auch über gemeinsam genutzte Gegenstände im gleichen Haushalt anstecken."

Neue Herausforderungen

Die gute Nachricht sei, dass die meisten Infektionen derzeit relativ mild verliefen, sagt Eckerle. Auch könnten Erfahrungen und Strukturen der Coronapandemie-Eindämmung genutzt werden.

Doch sie sieht die Gesundheitssysteme auch vor neuen Herausforderungen: "Es ist eben wieder ein neuer Erreger. Wir hatten bis vor kurzem überhaupt keine kommerziellen Tests. Das heißt, das ist im Moment noch etwas, das in Speziallaboren läuft."

"Wir haben eigentlich die gleichen Probleme am Anfang gehabt wie mit SARS-Coronavirus2 - dass man die Tests validieren möchte, dass man Positivkontrollen austauschen möchte zwischen Laboren", erzählt Eckerle. "Da hat man schon wieder die gleichen Anfangsschwierigkeiten wie wir im Januar 2020 hatten."

Isabella Eckerle | Kathrin Hondl

Die Genfer Virologin Isabella Eckerle Bild: Kathrin Hondl

Mehr als 3300 bestätigte Fälle

Jeden Tag werden aus verschiedenen Ländern neue Ansteckungen oder Verdachtsfälle gemeldet. Weltweit zählen die Centers for Disease Control inzwischen mehr als 3300 bestätigte Fälle in 42 Ländern.

Es seien hauptsächlich drei Kriterien, die erfüllt sein müssten, um wegen der Affenpocken - wie bei Corona - einen internationalen Gesundheitsnotstand auszurufen, sagt WHO-Sprecher Lindmeier: "Das eine ist ungewöhnliche Verbreitung. Das andere ist ein Risiko zu einer internationalen Verbreitung. Und das letzte wäre, dass es eine international koordinierte Antwort auf das Ganze bräuchte."

"Wenn diese drei Fragen deutlich mit Ja beantworten werden, dann gibt es die Möglichkeit, den Gesundheitsnotstand auszurufen", so Lindmeier.

Es gibt bereits Impfstoffe

Ein möglicherweise entscheidender Unterschied zur Anfangszeit der Covid-19-Pandemie ist: Gegen Affenpocken gibt es bereits jetzt wirkungsvolle Impfstoffe. Die allerdings müssten allen, die sie brauchen, auch zur Verfügung stehen. Und zwar überall auf der Welt.

"Es gibt Impfstoffe. Und hier ist es natürlich wichtig, gerecht zu verteilen", sagt Lindmeier. "Es ist nicht wichtig, hier die ganze Bevölkerung zu impfen - also das, was wir im Moment von Covid kennen, ist sicher nicht nötig. Im Moment ist es wichtig, gezielt bestimmte Gruppen der Bevölkerung und natürlich auch Pflegepersonal zu schützen. Den Impfstoff, der auf der Welt zur Verfügung steht, auch gerecht zu verteilen und nicht massenhaft in einer Gegend."