Philipp Sinn, leitender Ingenieur, an einem Prototyp zum neuen Wellen-Kraftwerk (Foto: Sinn Power)

Pilotprojekt auf Kreta Energie aus der Kraft der Wellen

Stand: 06.11.2018 03:19 Uhr

Die Energie der Meereswellen nutzen - das wird immer wieder versucht. Ein deutsch-griechisches Projekt geht nun einen neuen Weg: Statt einem großen produzieren viele kleine Generatoren Strom.

Von Michael Lehmann, ARD-Studio Athen

"Ich würde sagen, wir gehen jetzt einfach mal hoch - unsere Anlage ist zehn Meter hoch." Deutsche und griechische Ingenieure führen Besucher am Hafen von Heraklion weit hinaus auf die Kaimauer. Mehrere Prototypen haben sie zusammen mit griechischen Studenten an der Außenseite zum offenen Meer an Kretas Ostküste montiert. Module, die vor allem aus viel Aluminium und Stahl bestehen.

Philipp Sinn, leitender Ingenieur, an einem Prototyp zum neuen Wellenkraftwerk (Foto: Michael Lehmann)
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Philipp Sinn leitet das Kraftwerkprojekt auf Kreta.

Etwa zur Hälfte ragen sie aus dem Wasser. Auf- und Ab-Bewegungen der Meereswellen werden mit Rollen einfangen und dann über Stahlstangen weitergegeben. "Bei der Aufwärtsbewegung drehen sich die Rollen in die eine Richtung und bei der Abwärtsbewegung in die andere Richtung", erklärt Philipp Sinn, der leitende Ingenieur. "Das ist das Rad-Reifen-Prinzip der Eisenbahn - von uns patentiert für Wellenkraftwerke. Und an jeder Rolle, die sich vor und zurückdreht, ist ein kleiner Generator. Das heißt, wir haben viele, viele kleine Generatoren, die alle zusammen den Gesamtstrom des Kraftwerks liefern."

In der Herstellung noch zu teuer

50.000 Euro hat jedes der in Heraklion montierten Module gekostet - das muss noch günstiger werden, damit ein aus sehr vielen Einzelmodulen bestehendes Kraftwerk wirtschaftlich arbeiten kann. Sinn hofft, dass die Herstellungskosten pro Modul noch auf 20.000 Euro sinken werden. Dann könnten solche Module wie gigantische Netze im Meer schwimmend montiert werden und mit einer Leistung von zwölf bis 24 Kilowattstunden pro Modul genauso wertvolle alternative Energie liefern wie die großen Windparks.

"Dieses Übertragungsprinzip ist komplett schmierfrei", erklärt Sinn. "Eine Metallrolle auf einer Metallschiene - hätten wir eine Zahnstange oder ähnliches integriert, hätten wir es fetten müssen. Unsere Anlage ist komplett fett- und schmierfrei. Damit haben wir keine Giftstoffe, die im Meer irgendwie verschüttet werden können".

Studenten und Unternehmer arbeiten gemeinsam

Seit drei Jahren forschen und basteln zehn Angestellte der Firma Sinn-Power zusammen mit etwa 20 Studenten in Heraklion an der Anlage. Die Technische Universität Chania und die Universität Heraklion unterstützen sie dabei.

Nikos Papzoglou trägt stolz das hellblaue Shirt mit dem Logo Sinn-Power, das auf Kreta Werbung für die Idee machen soll. Der junge Grieche beschreibt den Besuchern auf der Hafenkaimauer, warum Meereswellen durch die hohe Dichte von Wasser als Primärenergie von Natur aus sehr viel Kraft enthalten. Er hofft, zusammen mit anderen griechischen Studenten auf Kreta die Idee vom Wellenkraftwerk zur Marktreife führen zu können.

"Unser Ziel ist es, die Anlage ökonomisch rentabel zu machen", sagt Nikos. "Sonst würde es keinen Sinn machen, sowas zu entwickeln. Um Investoren später zu bekommen, muss das hier effektiv arbeiten. Entweder mit Subventionen oder ohne Subventionen - je nach Ansatz. Und dafür arbeiten wir hier - auch mit unseren Vorführungen."

Forscher halten Anlage für sicher

Die Kraftwerksmodule am Hafen von Heraklion sind per Datenleitung von München aus vollautomatisch steuerbar. Wenn starke Stürme über die Ägäis fegen, müssen die Anlagen im Wasser versenkt werden - zur Sicherheit. Eine Gefahr für Menschen oder Tiere könne vom später im Meer schwimmenden Meereswellen-Kraftwerk nicht ausgehen, sagt Sinn.

Er hat sich bereits auf Kritik von Umwelt und Tierschützern vorbereitet und hat auch auf die Frage nach möglichen Gefahren seiner Anlagen eine Antwort: "Es sind nur die Schwimmkörper, die auf ihrer Unterseite die Meeresoberfläche berühren. Und dazwischen ist sehr viel Platz. Selbst ein Wal könnte durch unsere Anlage durchschwimmen und immer wieder Luft holen."

Millionen an Fördergeldern aus Deutschland

Die Idee von Sinn-Power, aus Meereswellen Energie zu gewinnen, hat auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie überzeugt. Von dort gab es eine Million Fördergeld. Und auch die Technische Universität München sowie die beiden Unis auf Kreta in Chania und Heraklion sind mit sehr viel personeller und logistischer Unterstützung mit am Start.

Sie alle hoffen, dass von Kreta aus in den nächsten Jahren eine neue, moderne Form der alternativen Energiegewinnung ihren Siegeszug um die Welt beginnen kann.

Energie aus Wellenkraft - Dt.griech.Forschungsprojekt in Heraklion/Kreta
Michael Lehmann, ARD Athen
05.11.2018 20:43 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 06. November 2018 um 05:44 Uhr.

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