Cucuta | Bildquelle: AFP

Grenzstadt zu Venezuela Cúcuta am Limit

Stand: 23.03.2019 04:30 Uhr

Tausende Menschen suchen in der kolumbianischen Grenzstadt Zuflucht vor der Krise in Venezuela. Die Belastungen für die Bewohner steigen. Der soziale Frieden ist in Gefahr.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Maria Liz Nava hat ihre fünfjährige Tochter bei der Oma in Venezuela gelassen und ist hochschwanger sieben Stunden im Bus gereist, um ihr zweites Kind gesund auf die Welt bringen zu können - auf der anderen Seite der Grenze, in Kolumbien.

"Ich bin hier, weil du in Venezuela nicht mehr richtig behandelt werden kannst. Eine Bekannte von uns ist gestorben, weil es bei der Geburt Komplikationen gab und medizinisches Material fehlte", sagt Nava. "Du musst ja alles selber mitbringen ins Krankenhaus, aber Medikamente gibt es nur auf dem Schwarzmarkt und zu horrenden Preisen."

Die junge Frau aus Mérida ist eine von 30 Venezolanerinnen, die an diesem Tag vor der Entbindungsstation in Cúcutas Uniklinik warten. Die meisten haben zuvor noch nie eine Ultraschalluntersuchung gemacht - das bieten in Venezuela meistens nur noch teure Privatpraxen an.

Flüchtlinge in Cucuta | Bildquelle: AFP
galerie

Flüchtlinge in Cúcuta

Mangelernährung, Masern, Dyphterie

Hier in Cúcutas staatlichem Krankenhaus werden Notfälle umsonst betreut. Und es sind nicht nur Schwangere die kommen, sagt Klinikdirektor Juan Augustin Ramírez Montoya.

"Die Zahl der Patienten ist stark angestiegen und es werden jedes Jahr mehr. Darunter sind viele Risikoschwangerschaften, weil die Frauen nie untersucht wurden und teilweise unter Mangelernährung leiden", so der Arzt. "Daneben gibt es plötzlich wieder Krankheiten wie Masern und Diphtherie, und viele Fälle von Syphilis. Meine Leute arbeiten jetzt schon am Limit. Denn natürlich lassen wir niemanden auf der Straße sitzen. Das bringt uns zwar Lob und Schulterklopfen ein, aber davon kann ich keine Überstunden und Löhne zahlen."

25.000 Venezolaner hat die Notaufnahme in den letzten drei Jahren aufgenommen, seit Monaten werden dort regelmäßig doppelt so viele Patienten behandelt wie vorgesehen - bei gleicher Belegschaft. Im Haushalt von Cúcutas größter Klinik klafft ein Loch von umgerechnet fast 12 Millionen Euro. Und was für das Krankenhaus gilt, gilt auch für den Rest der Grenzstadt. Hierhin pendeln jeden Tag durchschnittlich 35.000 Venezolaner - jeder Zehnte um zu bleiben.

Große Hilfsbereitschaft

"Die kolumbianische Regierung kommt für die Notfälle von Migranten auf", sagt Oscar Javier Calderón vom Migranten-Netzwerk der Jesuiten, eine von Dutzend kirchlichen Organisationen, die Hilfe leisten. "Finanziert wird das vom Budget, das für Arme, Vertriebene und Menschen ohne Versicherung vorgesehen ist. Doch das heißt: Arme konkurrieren mit den Migranten um das wenige, was da ist, denn der Staat ist in Cúcuta seit Jahrzehnten kaum präsent. Hier kommen gerade also zwei Krisen zusammen."

Egal ob internationale Hilfsorganisationen, der örtliche Exilverein der Venezolaner, lokale Unternehmen oder einfache Nachbarn - die Solidarität ist enorm. Schließlich flohen einst Tausende Kolumbianer vor dem Bürgerkrieg ins Nachbarland - und Cúcutas Wirtschaft lebt fast ausschließlich vom Handel mit Venezuela.

Gefahr für den sozialen Frieden

Doch der soziale Frieden hängt an einem seidenen Faden: "Ja, langsam ist man das Ganze leid, man kommt an eine Straßenecke und sofort stürmen, fünf, acht, zehn Venezolaner auf dich zu, bitten um Almosen", sagt Carlos Durán, der einen Autoteilehandel leitet. "Sie arbeiten für jeden Preis und jeder hat eine herzzerreißende Geschichte zu erzählen. Ich helfe ja, aber ich hab ja selbst nichts. Und manche nutzen dich auch aus, um zu stehlen. Die Stadt versinkt in einem großen Chaos."

Kritik vom Bürgermeister

Mit Venezuelas Absturz, brachen auch Duráns Geschäfte ein. Inzwischen blühen in der Stadt vor allem noch Schmuggel und Schwarzmarkt. Viele fühlen sich von der kolumbianischen Regierung alleingelassen. Als Präsident Ivan Duque vor einem Monat in der Stadt war, um Seite an Seite mit Venezuelas Oppositionsführer Juan Guaidó zu fordern, Lkw mit ausländischen Hilfsgütern ins Nachbarland zu lassen, reagierte Bürgermeister César Rojas erbost:

"Wir sehen die Krise in Venezuela, wir spüren sie jeden Tag, aber es gibt hier auch interne Probleme, für die sich niemand interessiert", sagte er im regionalen TV-Sender. "Nun hat sich das Drama in Venezuela noch einmal verschärft und unsere Schwierigkeiten sind nicht weniger geworden, im Gegenteil. Es gibt große Arbeitslosigkeit, aber keine Perspektiven, keine Lösungsansätze für Cúcuta."

Maria Liz Nava hat in Cúcutas Uniklinik inzwischen ein kleines Mädchen auf die Welt gebracht. Dort werden schon jetzt mehr venezolanische als kolumbianische Babys geboren.

Kolumbien – Cúcuta am Limit: wie Venezuelas Krise die Grenzstadt trifft
Anne Herrberg, ARD Buenos Aires
23.03.2019 07:22 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete WDR5 am 23. März 2019 um 07:23 Uhr.

Darstellung: