Teilnehmer des "Marsch für Wahrheit und Gerechtigkeit für Emanuela" halten Bilder des verschwundenen Mädchens Emanuela Orlandi auf dem Petersplatz. (Archivbild) | Bildquelle: dpa

Der Fall Emanuela Orlandi Graböffnung im Vatikan soll Krimi lösen

Stand: 11.07.2019 11:25 Uhr

Der Fall Emanuela Orlandi ist einer der meistdiskutierten Kriminalfälle Italiens - und des Vatikan. Die Tocher eines päpstlichen Hofdieners verschwand 1983. Nun gibt es eine neue Spur.

 Von Jörg Seisselberg, ARD-Studio Rom

Der Campo Santo Teutonico, der deutsche Friedhof, liegt hinter den Mauern des Vatikan, direkt neben dem Petersdom. Deutsche Staatsbürger dürfen ihn besuchen, wenn sie ihren Ausweis vorzeigen. Wer es in diesen Tagen versucht, erfährt von der Schweizer Garde am Eingang:

"Es ist geschlossen. Es sind Bauarbeiten."

Bauarbeiten. Eine etwas andere Bezeichnung für die mit Spannung erwartete Graböffnung in einem der meistdiskutierten Kriminalfälle Italiens - und des Vatikan.

Einer der meistdiskutierten Kriminalfälle Italiens

Am 22. Juni 1983 ist Emanuela Orlandi, die Tochter eines päpstlichen Hofdieners, spurlos verschwunden, als sie vom Musikunterricht im Zentrum Roms zurückwollte in den Vatikan. Zuletzt sahen sie zwei Freundinnen, mit denen Emanuela in einen überfüllten Bus einsteigen wollte, aber keinen Platz mehr fand, berichtet Pino Nicotri, einer der vielen, die über den Fall ein Buch veröffentlicht haben:

"Sie hat zu ihnen gesagt: Ich nehme den nächsten Bus oder ich gehe zu Fuß zur Piazza di Torre Argentina, das sind 500 Meter, oder ich nehme den 64er. Dieser hätte sie zur Porta Sant’Anna gebracht, zum Eingang des Vatikans, wo die Familie Orlandi wohnte."

Dort kam sie nie an. Der damalige Papst Johannes Paul II sorgte einige Wochen später für Aufsehen, als er den Fall in seinem Angelus-Gebet auf dem Petersplatz erwähnte.

"Ich möchte meine tiefe Anteilnahme zum Ausdruck bringen gegenüber der Familie Orlandi, die in Sorge ist um ihre 15-jährige Tochter Emanuela."

Bis heute Verschwörungstheorien

Immer wieder gab es Spekulationen, der Vatikan wisse mehr über den Fall. Aufzeichnungen von Anrufen mutmaßlicher Entführer im Staatssekretariat hält der Vatikan bis heute geheim. Der Papst-Attentäter Ali Agca heizte die Verschwörungstheorien weiter an, als er behauptete, Emanuela Orlandi sei entführt worden, um seine Freilassung zu erpressen. Eine Theorie, die auch der damalige Anwalt der Familie, Massimo Krogh verbreitete:

"Wir glauben, dass Emanuela exakt deswegen entführt wurde - um gegen Agca ausgetauscht zu werden. Weil die Hintermänner des Attentats nicht wollten, dass Agca Dinge Preis gibt, die nicht öffentlich werden sollten."

Beweise hierfür gab es nie. Ebenso wenig wie für Theorien über eine Beteiligung der Stasi, des KGB oder der türkischen Rechtsextremisten der Grauen Wölfe. Auch von Sexpartys im Vatikan war die Rede, die Emanuela beobachtet habe und deswegen getötet worden sei. 2005 brachte in einer Fernsehsendung ein anonymer Anrufer den Fall mit der römischen Mafia in Verbindung und erwähnte ein Grab in der Kirche Sant’Apollinare. Auch dieses wurde damals geöffnet - ohne Ergebnis.

Der deutsche Friedhof Campo Santo Teutonico im Vatikan. Hier lässt der Kirchenstaat nun zwei Gräber öffnen. | Bildquelle: dpa
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Der deutsche Friedhof Campo Santo Teutonico im Vatikan. Hier lässt der Kirchenstaat nun zwei Gräber öffnen.

Anonymer Brief löste neue Ermittlungen aus

Im vergangenen Sommer dann erhielt eine Anwältin der Familie Orlandi einen anonymen Brief. Darin enthalten ein Hinweis auf eine Marmorstatue auf dem Campo Santo und der Satz: "Schaut, wohin der Engel schaut". Der Vatikan zeigt sich kooperativ, die zwei Gräber vor der Statue sind jetzt geöffnet worden. Vertreter der Familie Orlandi wollten dabei sein, auch Emanuelas Bruder Pietro:

"Wichtig ist, dass wir endlich die Wahrheit erfahren über das, was passiert ist. Aber natürlich würde es weh tun, zu hören, dass Knochen gefunden wurden, die von Emanuela sein könnten."

In den fraglichen Gräbern sind vor über 150 Jahren zwei adelige deutsche Frauen bestattet worden. Giovanni Arcudi, Professor für Rechtsmedizin, der die Graböffnung heute wissenschaftlich leitet, sagt: Bereits anhand des Zustands der Knochen im Grab wäre für ihn ein erstes Urteil möglich, ob sie dort seit über 150 Jahren liegen oder seit deutlich kürzerer Zeit - und damit möglicherweise von Emanuela Orlandi stammen könnten.

Bei allem Wirbel um die Graböffnung: Warum mögliche Mörder die mögliche Leiche Emanuela Orlandis ausgerechnet auf einen Friedhof gelegt haben sollten, der gut bewacht ist, erscheint schleierhaft.

Graböffnung im Vatikan: Der Fall Emanuela Orlandi
Jörg Seisselberg, ARD Rom
11.07.2019 13:14 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 11. Juli 2019 um 08:08 Uhr in der Sendung "Studio 9".

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