Szene aus dem ZDF-Film "Unser Mütter, unsere Väter"

"Unsere Mütter, unsere Väter" ZDF zu Schmerzensgeld verurteilt

Stand: 28.12.2018 17:14 Uhr

Ein Krakauer Gericht gab den Klägern Recht: Die Produzenten des ZDF-Mehrteilers "Unsere Mütter, unsere Väter" sollen sich entschuldigen und Schmerzensgeld zahlen.

Von Jan Pallokat, ARD-Studio Warschau

Es ist vor allem eine Szene im ZDF-Dreiteiler "Unsere Mütter, unsere Väter" über den 2.Weltkrieg, die in Polen viele Menschen empörte: Kämpfer der polnischen Untergrundarmee verweigern in Güterwagen eingepferchten Juden die Rettung. Diese seien nämlich ebenso schlimm wie Kommunisten und Russen und besser tot als lebendig, sagt im Film einer der Partisanen.

Die polnische Heimatarmee kämpfte während der NS-Herrschaft aus dem Untergrund heraus gegen die deutschen Besatzer. Unter den Kämpfern gab es Nationalisten und auch Antisemiten. Es sind aber auch Solidaritätsaktionen mit den verfolgten Juden aus dem Untergrund heraus dokumentiert.

Das frühere deutsche Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in Oswiecim in Polen. | Bildquelle: dpa
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Der 94-jährige Kläger ist Überlebender des früheren deutschen Vernichtungslagers Auschwitz.

Bewusste Irreführung?

Die Darstellung der in Polen hochverehrten Partisanentruppe als antisemitische Räuberbande scheint sich einzupassen in ein Bild, das vor allem regierungsnahe Kommentatoren in Polen oft von Deutschland malen: Als ein Land, das systematisch daran arbeite, seine Verantwortung für den Holocaust abzuschütteln und anderen, vor allem den Polen, zumindest teilweise zu übertragen.

Nach dieser Lesart war auch die falsche Begrifflichkeit "polnisches Todeslager", die in einem ZDF-Themenhinweis auftauchte, keine Panne, sondern bewusste Irreführung.

Auch jetzt kommentierte Adrian Stankowski von der politisch weit rechts stehenden "Gazeta Polska", das alles seien Lügen, die die Deutschen mit vollem Vorsatz verbreiteten. "Die Lüge muss nur schockierend groß genug sein, um wahrscheinlich zu wirken. Wir hören die Erzählung, dass die Heimatarmee Juden in polnische Vernichtungslager getrieben habe. Und damit können wir nicht einverstanden sein."

"Stolze und mutige polnische Nation"

Das Gericht folgte der Argumentation der Kläger in dem Zivilverfahren ausdrücklich auch deshalb, weil mit einem 94-jährigen Veteranen einer von ihnen besonders glaubhaft habe machen können, dass sein Nationalgefühl und damit auch seine Persönlichkeitsrechte durch den Film verletzt worden seien.

Veteran Zbigniew Radlowski ist Überlebender des Vernichtungslagers Auschwitz. Ihm sprach das Gericht umgerechnet knapp 5000 Euro Schmerzensgeld zu. "Ich habe alles für Polen getan, was ich konnte", sagt Radlowski, "für meine gefallenen Gefährten aus der Heimatarmee". Er wolle jetzt vor allem den jungen Polen sagen:

"Ihr habt es in Euren Händen und Herzen. Tut was ihr könnt um die Wahrheit zu verteidigen, damit ihr Euch nicht schämen müsst für eine Schuld, die Eure Väter und Großväter nie auf sich geladen haben. Vergesst nicht, dass ihr stolz sein könnt auf unsere stolze und mutige polnische Nation, auf die Bereitschaft, anderen zu helfen und dafür den größten Preis zu zahlen: den Preis des Lebens."

Ein Hinweis wohl auch darauf, dass im besetzten Polen selbst mit dem Tode bestraft wurde, wer Juden half.

ZDF will in Berufung gehen

Das ZDF kündigte indes an, nach Durchsicht der Urteilsbegründung in die Berufung zu gehen. Das Gericht habe der Freiheit der Kunst nicht ausreichend Beachtung geschenkt, so der Sender.

Die Darstellung fiktiver polnischer Figuren sei keineswegs geeignet, historische Tatsachen oder gar deutsche Verantwortung zu relativieren. Man habe, sagte ein Anwalt in polnischen Medien, sehr darauf geachtet, den Film ausgewogen zu gestalten und dazu auch namhafte Historiker zu Rate gezogen.

Urteil im Streit um ZDF-Weltkriegsdrama
Jan Pallokat, ARD Warschau
28.12.2018 16:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 28. Dezember 2018 um 13:00 Uhr im Mittagsecho.

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