Demonstration gegen die Bildungspolitik in Ungarn | Bildquelle: AFP

Ungarns Gesellschaft Hilfe für die einen, Hass für die anderen

Stand: 24.09.2020 10:21 Uhr

Ungarns Premier Orban regiert mit einer satten Mehrheit, die Gesellschaft selbst ist gespalten: Junge Familien freuen sich über staatliche Unterstützung - doch die gilt nicht für alle.

Von Verena Fücker, BR

Wenn es um die Meinung zu Ministerpräsident Viktor Orban geht, ist Ungarns Hauptstadt Budapest genauso gespalten wie der Rest des Landes.

Zilia Bender arbeitet halbtags für eine Stiftung. Sie unterstützt die Orban-Politik, denn sie hat zwei Kinder und wohnt mit ihnen und ihrem Mann in einem Mietshaus. Noch teilen sich alle vier ein Schlafzimmer. Aber: "Wir möchten gerne umziehen", erzählt die 35-Jährige. "Wir möchten uns ein Haus kaufen und das renovieren, wahrscheinlich außerhalb von Budapest."

Ungarns Gesellschaft ist gespalten
mittagsmagazin 13:00 Uhr, 24.09.2020, Verena Fücker, BR

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Beim Traum vom eigenen Haus könnte die Familienpolitik von Ministerpräsident Viktor Orban entscheidende Hilfe leisten. Anstatt sich wie ihre Eltern oder Geschwister noch Geld bei Verwandten leihen zu müssen, gehen Bender und ihr Mann davon aus, 50 bis 60 Prozent ihres Kaufpreises durch staatliche Unterstützung und besonders günstige Kredite zu finanzieren.

Transfeindliches Gesetz verabschiedet

Doch so viel Unterstützung vom Staat hat in Ungarn nicht jeder. Zum Beispiel Alex Fajt, 25 Jahre alt. Er will sich in einem Café in der Budapester Innenstadt zum Interview treffen. Einer der wenigen Orte, an denen er offen reden will. Denn: Fajt ist trans. Auf YouTube und Instagram erzählt er von seiner Transition. Mehr als 40.000 Menschen folgen ihm dabei.

Obwohl er sagt, in sozialen Netzwerken könne er frei reden und sei sein eigener Chef, kennt auch er Diskriminierung aus dem Alltag. Die Sorgen der LGBTQ-Community  sind in der ungarischen Gesellschaft Tabuthemen.

Alex Fajt | Bildquelle: Viktor Jártas/ Bayerischer Rundfunk/ARD-Studio Wien
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Alex Fajt meint: Seine Geschichte interessiere in seinem Land nur wenige. Deshalb werde sich nichts ändern.

Im Mai, mitten in der Corona-Pandemie, wurde noch ein neues Gesetz verabschiedet, dass es für transsexuelle Menschen in Ungarn noch schwerer macht: Geschlechtsangleichende OPs bleiben zwar erlaubt. Im Personalausweis dürfen aber weder Name noch Geschlecht anglichen werden. In Fajts Ausweis steht also immer noch der abgelegte Name und "weiblich". Dabei hat er schon drei Jahre versucht, beides zu ändern. Für ihn ist klar: "Dieses Land wird mich nie als Transmann akzeptieren."

Das Schlimmste ist für Fajt aber: "Es hat Auswirkungen auf die medizinische Versorgung. Ein Freund von mir wollte jetzt die Geschlechtsangleichung anfangen. Der Arzt wollte ihm die nötigen Medikamente aber nicht verschreiben. Bei einem anderen Freund hat der Arzt, der ihn operieren wollte, einen Rückzieher gemacht. Die Ärzte haben einfach Angst, dass sie ihre Zulassung verlieren."

Das Problem laut Fajt: Seine Geschichte interessiert in Ungarn zu wenige Menschen. Deswegen werde sich nichts ändern, meint er.

Familienförderung - aber nicht für alle

Die 35-jährige Zilia Bender sagt: "Die Richtung, in die Ungarn gerade geht, gefällt mir." Anders als ältere Teile der Orban-Unterstützer sagt sie auch, dass sie kein Problem damit hätte, wenn zum Beispiel die LGBT-Community in Ungarn mehr Beachtung finden würde.

Die ausländische Kritik an Ungarn ist ihr allerdings zu einseitig: Denn schließlich führe die aktuelle Politik dazu, dass das Leben in Ungarn planbar werde - planbarer, als es im Land früher der Fall war. Das bedeutet für Bender: "Wir planen noch ein drittes Kind und ich habe gerade erfahren, dass das Elterngeld 100 Prozent meines letzten Gehalts betragen wird. Das ist ermutigt uns", erzählt sie.

Deswegen ist für sie auch klar: Ihre Töchter können später mal im Ausland studieren - aber die Zukunft liegt für sie in Ungarn.

Zilia Bender | Bildquelle: Viktor Jártas/ Bayerischer Rundfunk/ARD-Studio Wien
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Zilia Bender kann sich dank Orbans Politik ein drittes Kind leisten - und bald ein Haus.

Fajt will das Land bald verlassen

Anders sieht das bei Alex Fajt aus. Vor dem Budapester Rathaus treffen wir ihn wieder. Dort hängen aktuell drei Flaggen: Die EU-Flagge, die ungarische Flagge und die der Stadt Budapest. Im August hatte der Budapester Bürgermeister Gergely Karácsony von der grünen Partei Párbeszéd die EU-Flagge kurzfristig gegen die Regenbogen-Flagge der LGBTQ-Community austauschen lassen - als Zeichen der Unterstützung, denn die traditionelle Pride Parade musste in diesem Jahr coronabedingt ausfallen.

Zu liberal und weit weg von der klassischen Familie für den rechtspopulistischen Politiker Előd Novák: Er ist auf eine Leiter gestiegen und hat die Flagge runtergerissen. "Wir sind daran gewöhnt", erzählt Fajt. "Bei der Pride Parade gab es beispielsweise schon mehrmals Zwischenfälle. Jemand kam mit einer Matratze voller Urin, andere haben uns mit Gülle beworfen."

Für ihn ist klar: Er kann langfristig nicht in Ungarn bleiben - und will das Land bald verlassen. Wie viele Menschen aus der LGBTQ-Community vor ihm.

Mehr dazu sehen Sie ab 13.00 Uhr im ARD-Mittagsmagazin.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 24. September 2020 um 13:00 Uhr im ARD-Mittagsmagazin.

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