Eine Schwimmweste treibt auf dem Mittelmeer | Bildquelle: AP

Mittelmeer-Flüchtlinge Friedhof der Unbekannten

Stand: 28.07.2019 03:06 Uhr

Immer wieder werden in der tunesischen Hafenstadt Zarzis die Leichen ertrunkener Migranten angeschwemmt. Ein ehemaliger Fischer begräbt die Toten. Doch inzwischen schafft er es nicht mehr alleine.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Rabat, zzt. Zarzis

Der Wind pfeift über die sandige Landschaft am Stadtrand von Zarzis. Ein Schild ist dort: "Friedhof der Unbekannten" steht darauf in vier Sprachen. Chemssidine Marzoug geht von Grab zu Grab: "Das ist ein Junge, den wir im Wasser gefunden haben, und eine Frau", sagt er. "Ich hab mir gedacht, dass das vielleicht die Mutter ist. Ich habe sie Kopf an Kopf begraben. Laut Obduktionsbericht war er fünf Jahre alt."

Marzoug geht weiter. Er weiß ziemlich genau, wen er wo begraben hat. Er nagelt einfache Schilder zusammen, mit Nummern drauf und stellt sie zu jedem Leichnam. "Die Nummern sind die, die auf den Leichensäcken stehen," sagt Marzoug.

Blick auf den "Friedhof der Unbekannten" in Zarzis, Tunesien. | Bildquelle: dpa
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Nummern statt Namen: Auf den Schildern an den Gräbern steht die Kennung der Leichensäcke.

"Jetzt sind es besonders viele"

Wenn Tote angeschwemmt oder aus Fischernetzen gezogen werden, sorgt die Hilfsorganisation Roter Halbmond für solche Leichensäcke. Sie übernimmt auch den Transport ins Krankenhaus von Zarzis.

Mongi Slim arbeitet seit 25 Jahren beim Roten Halbmond: "Wir erleben es seit Jahren, dass die Toten hier angeschwemmt werden", sagt er. "Aber jetzt sind es besonders viele." Mittlerweile habe man sogar Leichensäcke für Babys gebracht. "Es ist sehr verletzend."

Anfang Juli sank ein Boot vor der tunesischen Küste. 82 Menschen ertranken, drei überlebten, weil sie sich tagelang an einer Holzplanke festklammerten. Früher kümmerte sich niemand um die unbekannten Toten.

Niemand wollte die Toten bestatten

Aber Marzoug ging es gegen den Strich, dass niemand bereit war, den Toten der Migration wenigstens eine letzte Ruhestätte zu geben. Auf dem offiziellen Friedhof der Stadt dürfen die ertrunkenen Migranten nicht begraben werden. Dort sollen nur Angehörige der Familien aus Zarzis hin, hieß es. Und nur Muslime. Wer wisse denn schon, ob die Ertrunkenen Muslime waren, heißt es in Zarzis.

Deshalb fing Marzoug vor drei Jahren einfach an, die Migranten in diesem Sandabschnitt zu begraben. Aber er schimpft auf die Verantwortlichen von Zarzis: "Wir verlangen doch nur einen Friedhof, wo die Menschenwürde respektiert wird", sagt er. "Was ist denn ein Mensch? Die Religion ist doch unwichtig, niemand betet darum, zu sterben. Wir beerdigen sie, weil wir die Menschenwürde respektieren. Das muss sein."

Von den Behörden geduldet

Marzoug schimpft auch auf die Europäer. Er sagt, Europa töte diese Menschen - weil es ihnen keine legale Einreise erlaube und sie damit auf die "Todesschiffe" zwinge. 

Der 54-Jährige ist Freiwilliger bei der Hilfsorganisation Roter Halbmond. Von den Behörden wird er geduldet, aber er hat oft mit ihnen Ärger. Die Ertrunkenen gelten als irreguläre Migranten. Jetzt liegen sie auf einem irregulären Friedhof. Frauen, Männer, Kinder.

"Der hier war sieben Jahre alt", sagt er. "Sie hatten kein Glück in ihrem Leben, jetzt bringe ich zumindest manchmal ein Spielzeug vorbei." Manchmal würden die Leute sagen, er sei verrückt geworden. "Weil ich die Gräber besuche. Dabei machen Muslime und Christen das doch auch."

Ein Stück Acker für die Toten

Auf einem Grab liegen ein paar Legosteine. Und ein Spielzeugauto. Auf dem Behelfsfriedhof ist nicht mehr viel Platz. Marzoug sagt: "Hier ist noch ein Grab frei, ich habe es schon ausgehoben. Vielleicht könnten wir dahinten noch eines unterbringen." Aber danach wolle er das Grabfeld schließen. Die ganze Welt solle erfahren, auch die Verantwortlichen in Zarzis, dass sie keinen Platz mehr haben, um die Leute zu bestatten. "Wenn sie bei ihrer Haltung bleiben, dann sammeln wir eben Holz, verbrennen die Leichen, füllen die Asche in Behälter und werfen sie wieder ins Meer."

Bevor das geschah, hatten die Behörden aber doch ein Einsehen. Sie stellten ein Stück Acker zur Verfügung. Mittlerweile hat der Rote Halbmond genug Spenden bekommen und davon ein Stück Land gekauft. Dort sollen künftig die Toten der Migration beerdigt werden.

Eine Blume steht auf einem Grab am "Friedhof der Unbekannten" in Zarzis, Tunesien. | Bildquelle: picture alliance/dpa
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Auf dem Friedhof in Zarzis ist nicht mehr viel Platz.

"Die Aufnahme-Kapazitäten sind wirklich erschöpft"

Und dann sind da ja auch noch die Lebenden. Migranten oder Flüchtlinge, die überleben, wenn wieder ein Schlepper-Schlauchboot untergeht. Oder die sich aus dem nahegelegenen Nachbarland Libyen hierher, in den Süden Tunesiens, durchgeschlagen haben. Slim vom Roten Halbmond sagt, etwa 1000 Migranten seien in der Region untergebracht. Aber er wisse nicht, wie sie noch mehr Menschen beherbergen sollen:

"Die Aufnahme-Kapazitäten sind wirklich erschöpft", sagt er. "Wir haben Angst davor, dass in Zukunft noch mehr nach Tunesien kommen"

Diese Angst teilt Slim offenbar mit Tunesiens Premierminister Youssef Chahed. Aus Europa wird immer wieder vorgeschlagen, in Nordafrika Aufnahmelager einzurichten. Dort könne man doch über Asylanträge entscheiden, auf diese Weise kämen die Migranten dann gar nicht erst nach Europa.

Tunesiens Regierungschef fürchtet offenbar, dass sein Land immer öfter von Schiffen angesteuert werden könnte, die Menschen aus Seenot gerettet haben, aber von europäischen Häfen abgewiesen wurden. Deshalb mahnt Chahed: Alle Staaten müssten in der Migrationsfrage ihrer Verantwortung gerecht werden. Was immer das heißen mag.

Tunesiens Friedhof der Unbekannten, wo die Toten der Migration begraben sind
Jens Borchers, ARD Rabat
28.07.2019 08:12 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 27. Juli 2019 um 13:37 Uhr.

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