Screenshot: Youtube-Video Susamam

Protestsong türkischer Rapper Lyrics gegen Missstände

Stand: 11.09.2019 13:37 Uhr

20 Rapper, ein Song, 15 Minuten Protest - gegen Missstände in der türkischen Gesellschaft. Im Netz wird das Video zum viralen Hit. In der Türkei könnte der musikalische Aufschrei zum Risiko werden.

Von Katharina Willinger, ARD-Studio Istanbul

"Susamam", zu Deutsch "Ich kann nicht schweigen", lautet der Titel des 15-minütigen Rapsongs, der derzeit in der Türkei viral geht. Darin wagen 20 Musiker einen Rundumschlag quer durch die türkische Gesellschaft. "Wir haben versucht, Dinge auf der Welt und in unserem Land anzusprechen, von denen wir der Ansicht sind, dass sie nicht richtig laufen", so der Rapper Saniser, der das Projekt ins Leben gerufen hat.

Unterteilt in mehrere Kapitel geht es in "Susamam" unter anderem um Gewalt gegen Frauen, eingeschränkte Meinungsfreiheit sowie um Missstände im politischen System. "Das ganze Projekt hat sich zu einem Sprachrohr für die Menschen im Land entwickelt. Die Leute haben die Schnauze voll", sagt Rapper Fuat Ergin, einer der beteiligten Künstler.

Der in Deutschland geborene und aufgewachsene Ergin rappt im Kapitel "Natur" über die Auswirkungen von Umweltverschmutzung und Waldrodung auf den Planeten. Letzteres sorgte in der Türkei in den vergangenen Wochen für große Proteste und Diskussionen, da ein Teil der Wälder des Ida-Gebirges im Westen der Türkei einer Goldmine weichen soll.

Der Rapper Fuat Ergin | Bildquelle: dpa
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Der in Deutschland aufgewachsene Rapper Fuat Ergin protestiert in dem Song gegen die Zerstörung und Ausbeutung der Natur.

Millionen Aufrufe in 24 Stunden

Auf Twitter trendete der Hashtag #Susamam innerhalb weniger Stunden nach Veröffentlichung des Videos. Bereits in den ersten 24 Stunden erhielt es mehr als fünf Millionen Aufrufe bei Youtube.

Ein zentrales Thema des Songs ist das Kapitel "Gerechtigkeit". Dessen nimmt sich Rapper Saniser selbst an: "Die Gerechtigkeit ist tot, ich blieb ruhig, solange es mich nicht betroffen hat. Und jetzt bin ich zu ängstlich, um einen Tweet zu posten."

Während die Musiker immer wieder den Satz "Ich kann nicht schweigen" zitieren, kritisieren sie die Gesellschaft dafür, zu lange zu innenpolitischen und globalen Themen geschwiegen zu haben und stellen fest: "Wenn sie dich eines Nachts holen und ohne Grund einsperren, dann wirst du nicht einen Journalisten mehr finden, der darüber berichtet, denn sie sitzen bereits alle im Gefängnis." Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International sind derzeit mehr als 130 Journalisten in der Türkei in Haft.

Rapper werden bekannten Feindbildern zugerechnet

Direkten Bezug auf die aktuelle AKP-Regierung rund um Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan nehmen die Musiker nicht, dennoch wurden sie von der regierungsnahen Presse scharf angegriffen. So bezeichnete die "Yeni Safak" das Video als "Gemeinschaftsproduktion" der verbotenen PKK und der Gülen-Sekte, die beide in der Türkei als Terrororganisation eingestuft sind.

Der stellvertretende Vorsitzende der AKP, Hamza Dag, äußerte sich auf Twitter zu dem Video: "Kunst sollte kein Mittel für Provokation und politische Manipulation sein. Wir wissen ganz genau, dass diejenigen, die nun sagen 'Ich kann nicht schweigen', in den kritischsten Momenten der Türkei stumm geblieben sind." Eine Anspielung auf den Putschversuch 2016.

Respekt auch aus Deutschland

Zuspruch bekam das Musikprojekt aus der deutschen Rapszene. So teilte beispielsweise der Rapper Kool Savas das Video auf Twitter und sprach den Beteiligten seinen Respekt aus. Kool Savas, mit bürgerlichem Namen Savas Yurderi, ist der Sohn eines türkischen Einwanderers, der einige Jahre aus politischen Gründen in der Türkei im Gefängnis saß. 2011 hatte der Musiker darüber selbst einen Song veröffentlicht.

Gefeiert wird der Song auch von zahlreichen Fraueninitiativen in der Türkei. An mehreren Stellen widmen sich die Musiker dem Problem der steigenden Gewalt gegen Frauen und dem Thema Frauenrechte. Sängerin Deniz Tekin zählt auf, was ihr nie widerfahren ist, jedoch für viele Frauen zur Realität gehört. "Ich musste nie Angst vor einem älteren Bruder haben, man hat mich nie aus der Schule genommen. Man hat mich nie umgebracht."

Erst vor wenigen Wochen sorgte die Ermordung der 38-jährigen Emine Bulut durch ihren Ex-Mann mitten in einem Café für einen Aufschrei im Land. Laut des Vereins "Wir werden Frauenmorde stoppen" wurden in der Türkei im vergangenen Jahr 440 Frauen von Männern getötet.

Drohen Musikern Konsequenzen?

Im Netz wird derweil darüber spekuliert, ob das Lied Konsequenzen für einen der beteiligten Musiker haben könnte. In den vergangenen Jahren gab es zahlreiche Prozesse und Verurteilungen wegen kritischer Äußerungen, die den Betroffenen zumeist als Terrorpropaganda ausgelegt wurden. Vielleicht schließt das Musikvideo daher mit dem Satz: "Die in dem Lied Angesprochenen stimmen mit keiner realen Person oder Institution überein."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 10. September 2019 um 16:30 Uhr in den Kulturnachrichten.

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