Deutsche und türkische Flagge | Bildquelle: picture alliance / dpa

Kampagne in der Türkei Bizarre Vorwürfe gegen die Böll-Stiftung

Stand: 24.09.2018 18:04 Uhr

Kurz vor dem Berlin-Besuch von Präsident Erdogan nehmen regierungsnahe türkische Zeitungen die Böll-Stiftung ins Visier. Die bizarren Vorwürfe irritieren sogar Erdogans Partei AKP.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

Vier Tage vor dem Besuch des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in Berlin konfrontieren zwei regierungsnahe türkische Tageszeitungen die den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung mit bizarren Vorwürfen. So unterstellt die "Yeni Akit" in ihrer heutigen Ausgabe der Stiftung, die als Terrororganisation eingestufte PKK zu unterstützen.

Böll-Stiftung "immer frecher"

Logo der Heinrich-Böll-Stiftung | Bildquelle: picture alliance / Matthew Newso
galerie

Die Heinrich-Böll-Stiftung weist die Vorwürfe zurück.

Außerdem verteile die Böll-Stiftung eine Broschüre an türkische Jugendliche, in der Homosexualität propagiert werde. So heißt es in dem Bericht, die deutsche Stiftung, der bisher kein Einhalt geboten worden sei, obwohl sie die türkische Gesellschaft spalte, werde "immer frecher". Die als PKK-Unterstützer bekannte Stiftung mische sich auf unverschämte Weise in innere Angelegenheiten der Türkei ein und höre nicht auf, "homosexuelle Perverse zu unterstützen". Jetzt habe die Stiftung den Geldbeutel geöffnet, um den moralischen Verfall unserer Schüler voranzutreiben.

Kristian Brakel, Leiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Istanbul, vermutet, die "Yeni Akit" beziehe sich auf eine von der Stiftung finanzierte Publikation, in der Erfahrungsberichte von schwulen und lesbischen Studenten in der Stadt Izmir über ihr Leben in Studentenwohnheimen und die dort stattfindende Diskriminierung von Homosexuellen festgehalten wurden. Wahrscheinlich hätten die Studenten die Publikation an der Hochschule verteilt, so Brakel.

Bereits am Donnerstag brachte die ebenfalls regierungsnahe Tageszeitung "Yeni Safak" die Heinrich-Böll-Stiftung in Zusammenhang mit der als Terrororganisation eingestuften PKK. Außerdem stehe die Stiftung in Verbindung mit dem Bundesnachrichtendienst. Dieser versuche weltweit, über politische Stiftungen Informationen zu sammeln, so auch durch die den Grünen nahe stehende Heinrich-Böll-Stiftung.

Vorwürfe laut Böll-Stiftung nicht neu

Einen konkreten Beweis bleibt die "Yeni Safak" schuldig. Allerdings wirft sie den Grünen vor, gemeinsame Sache mit der türkischen Oppositionspartei HDP zu machen. Diese setzt sich für kurdische Interessen ein. Brakel sagt, die Vorwürfe seien nicht neu. Seitdem die Heinrich-Böll-Stiftung ein Büro in Istanbul eröffnet habe, also seit 1994, würden die selben Verschwörungstheorien immer wieder bedient werden. Dabei dürfte jedem, "der meine Analysen kennt, klar sein, dass wir weder die Politik der Bundesregierung verteidigen, noch Sympathien für die PKK haben", so Brakel.

BND Logo beim Jubiläum | Bildquelle: dpa
galerie

Der Böll-Stiftung wird unterstellt, mit dem Bundesnachrichtendienst zusammenzuarbeiten.

Außerdem schicke die Stiftung jedes Jahr einen Rechenschaftsbericht an das türkische Innenministerium, in dem sämtliche Projekte, Workshops und Publikationen aufgeführt seien. Für besonders absurd hält Brakel den Vorwurf, die Stiftung arbeite mit dem BND zusammen. Man wolle lediglich den politischen Dialog fördern, entgegnet er. Beispielsweise distanziere er sich dezidiert, von der "bizarren Aussage des BND-Chefs Kahl, dass es keinerlei Beteiligung der Gülenbewegung am Putschversuch 2016 gegeben habe." Die türkische Regierung wirft dem im US-Exil lebenden Islamprediger Fethullah Gülen und dessen Organisation vor, hinter dem Putschversuch zu stehen.

Kampagnen regierungsnaher türkischer Tageszeitungen gegen deutsche Institutionen und Medienvertreter sind aus der Vergangenheit bekannt. Doch warum die "Yeni Safak" und die "Yeni Akit" ausgerechnet kurz vor Erdogans Staatsempfang in Berlin die Heinrich-Böll-Stiftung ins Visier nehmen, irritiert sogar AKP-Kreise. Von dort heißt es, selbst in der Erdoganpartei habe bisweilen manch einer Schwierigkeiten den abstrusen Gedankenspielen der Zeitungsmitarbeiter zu folgen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 23. Mai 2017 um 09:10 Uhr.

Darstellung: